Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 17 (23.4.1909)
- Date
- 1909-04-23
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nö. 17 — DIE' Herr Struve behauptet: Auf dem Grunde der Ideologie des zeitgenössischen Russentums, in der Tiefe der russischen Psyche existiere ein gewisses „Etwas", ein „Undefinierbares", „Ultrarussisches", das Rußland von den Juden abstößt, ein Etwas, das sich aus einem Keime in eine soziale Strömung und später in eine politische Taktik umwandeln könne. Auf der andern Seite behauptet Herr Miljukow er halte diese undefinierbare m gegenwärtige Stimmung für eine quantitö negligeable, für ein Überbleibsel aus der traurigen Vergangenheit, das noch auf der Oberfläche des gegenwärtigen Lebens schwimme. Diese Stimmung werde nach seiner Meinung in der Zukunft verschwinden, wie ein schlimmer Traum oder wie stilisierte chinesische Schatten. Der unbefangene Beobachter, welcher den Lauf des russischen Lebens verfolgt, kann mit den Ausführungen des Herrn Miljukow nicht übereinstimmen. Es ist ja möglich, daß die Vertreter des politischen Radikalismus in der Zeit des heißesten Kampfes gegen die Reaktion die Gefühle der Aversion gegen die Juden in sich unterdrückt haben, möglich auch, daß der Unterschied Jude-Christ für sie nicht existiert. Wir müssen uns aber vor Augen halten, daß das höchstens die Gesinnung einer geringfügigen Gruppe der „berufsmäßigen" Fortschrittler ist, daß aber dort, wo sich das neue Leben, die neuen russischen Ideale formen, jenes undefinierbare asemitische „Etwas" besteht, von dem der bekannte Kenner und Pionier des russischen Fortschritts, Peter Struve, spricht. Wie immer — der Zwischenfall Asch-Tschirikow hat jedenfalls die gute Seite gehabt, daß die Nebelhüllen, die sich um den Philosemitismus gelagert haben, durchbrochen werden und daß jenes gewisse „Etwas", das Herr Struve so bildhaft die „nationale Physiognomie" nennt, sich in seiner ganzen plastischen Klarheit darbietet. Es kann geschehen, daß die Plejade jüdischer Journalisten und Kritiker, wenn die prinzipielle Ideologie, was leicht geschehen kann, einem praktischen Boykott zur Sanktionierung dienen wird, bedeutenden Schaden davontragen wird. Aber in jedem Falle ist es besser, daß die Karten aufgedeckt wurden und daß die schmerzliche Frage endlich aufrichtig gestellt wurde, statt daß sie verschwiegen und ihre Aufrollung immer befürchtet würde. Die russische Intelligenz, dieses moderne Rätsel, wird nunmehr die Möglichkeit haben zu einer offenen und ehrlichen Stellungnahme zum jüdischen Problem. Zum Gedächtnis jüdischer Helden Mit Billigung des russischen Kriegsministers wird binnen kurzem in St. Petersburg oder Wilna ein Monument zum Gedächtnis der jüdischen Soldaten errichtet werden, die ihr Leben im russischjapanischen Krieg gelassen haben. Außerdem hat auf Anregung der Regierung die Gemeinde der Hauptstadt beschlossen, die Namen dieser Helden auf einer Tafel zu verewigen, die in der größten Synagoge von St. Petersburg angebracht werden soll, und außerdem alljährlich einen Trauergottesdienst zu ihrem Gedächtnis abzuhalten. Armut in Warschau und Odessa Fünfzehntausend jüdische Familie mit fünfundsiebzigtausend Seelen haben sich gelegentlich der Pessachfeiertage in Warschau an die jüdischen Wohltätigkeitsgesellschaften um Unterstützung gewandt. In Odessa suchten fast sechzigtausend Personen um Unterstützung nach. Die Not hat in Warschau einen solchen Umfang angenommen, daß die Rabbiner gezwungen waren, den wohlhaben- .deren Mitgliedern der Gemeinde eine besondere Steuer aufzuerlegen, um genügend Mazzoth für die Armen zu Pessach beschaffen zu können. Aus der Bewegung Gelegentlich des zehnjährigen Jubiläums der Jüdischen Kolonialbank haben die russischen Zionisten einen warmen Aufruf erlassen, die Bank und die Bewegung eifrigst zu unterstützen. Achtzig bucharische Juden haben ihr Geburtsland verlassen und sind nach Palästina ausgewandert. Ihr Kapital beträgt insgesamt eine Million Rubel. Wohnrecht der Juden Die bekannte jüdische Firma Poznansky hat die Aufmerksamkeit der Minister für Finanz und Handel auf die große Handelskrise gelenkt, die durch die neuerliche Austreibung von jüdischen Apothekergehilfen, ArztassiStenten, Hebammen und Zahnärzten eingetreten ist, die bisher ihren Beruf auch außerhalb des Ansiedlungsrayons betrieben. Die Minister haben versprochen, die Austreibungsbefehle ruhen zu lassen, bis der Senat die Angelegenheit entschieden habe. XELT ^3 Ein neues Buch von Heinrich Grünau Im Jüdischen Verlag erschien soeben „Unterwegs", Drama aus dem Jüdischen Leben von Heinrich Grünau. Das Buch verlangt in mannigfacher Hinsicht unsere ernsthafte Beachtung. Wie in seinem „Exil", beschäftigt sich Grünau auch in diesem Buche mit dei Judenfrage, und dem, der die leidenschaftlichen „Gedichte und Lieder" des Verfassers kennt, kann es von vornherein nicht zweifelhaft sein, daß er dieser Frage vom zionistischen Standpunkte aus gegenübertritt. Die Handlung des Dramas ist ziemlich einfach. Rüben Winter, der Sohn eines reichen Schiffbaudirektors, hat sich von seinem Vaterhause losgesagt, als er erfuhr, daß er eigentlich von jüdischer Abstammung sei, daß sein Vater seinerzeit seinen Glauben seiner Zukunft geopfert hat. Rüben ist zum Judentum zurückgekehrt und widmet sich gemeinsam mit seinem Freunde David der Sorge um die jüdischen Auswanderer, die in großen Massen seine Vaterstadt, eine große Hafenstadt, passieren. Wir lernen seine Schwester Irene kennen, die der Vater, dessen krankhafter Ehrgeiz von seiner Frau ins Maßlose gesteigert wird, mit einem etwas mysteriösen Adeligen verheiraten will. Rüben sucht in einer heftigen Unterredung mit seinem Vater diesen von seinem Plan abzubringen, aber vergebens. Er hat seiner Schwester Irene eine junge Auswanderin empfohlen, die er bei seiner Arbeit kennen gelernt und die auf ihn einen tiefen Eindruck gemacht hat. Als sie die Fremde samt ihrer kranken Mutter dem Vater vorstellt, ergibt sich, daß die Mutter die ehemalige Braut des Vaters ist, die er seinerzeit verlassen hat, um sich einem neuen Glauben und einer reichen Frau zu vermählen. Stolz weist die Arme seine Unterstützung zurück. Im dritten Akt erfahren wir, daß David nach Palästina auswandern will. Da Rüben von Hannah, jenem armen Mädchen, den unglücklichen Ausgang seines Vermittlungsversuches erfährt, wallt sein Herz über. Er gesteht ihr seine Liebe und bereitet sich vor, mit ihr und ihrer Mutter seinem Freunde nach Palästina zu folgen. In diesem Augenblick erfährt er, daß die Verlobung seiner Schwester nicht stattgefunden hat. Der Verlobte, ein Hochstapler schlimmster Sorte, hat sich ins Ausland entfernt, nicht, ohne vorher den Vater seiner Braut um dessen ganzes Vermögen zu betrügen. Da Irene Rüben freudestrahlend die Nachricht von ihrer aufgehobenen Verlobung mitteilt, finden sich auch diese beiden, die schon lange eine geheime Zuneigung verband. Der Vater aber kann den Zusammenbruch seines Stolzes und seines Vermögens nicht überleben und gibt sich den Tod. Was dem Stücke vielleicht durch die etwas gezwungenen Vorgänge mangelt, das ersetzt es durch eine Fülle treffend charakterisierter Gestalten aus dem jüdischen Leben der Jetztzeit. Die verschiedenen Auswanderertypen, die wir kennen lernen, der Gemeindevorsteher Hirsch Mandel in seiner protzenhaften Wohltätigkeit und philiströsen Beschränktheit, der Bureaudiener Pinkas, sie alle sind Figuren mitten aus dem Leben gegriffen. Durch das Ganze weht ein erfreulicher Hauch guter nationaler Gesinnung, der uns die leichten Mängel der Sprache, die sich manchmal etwas im Buchdeutsch ergeht, gerne vergessen läßt. Alles in allem bietet das Werk eine sehr schätzbare Lektüre, ein Drama aus dem modern-jüdischen Leben, das gewiß verdient, den weitern jüdischen Kreisen von der Bühne herab bekannt zu werden. Brief aus Konstantinopel (Von unserm Berichterstatter) Gegenrevolution! 17. April 1909 Hin furchtbarer Schlag hat die neue Türkei getroffen. Über Nacht haben verborgen wirkende Kräfte ihn vorbereitet, und in einem einzigeu Tage all das umgestürzt, was jahrzehntelanges Streben mühsam ins Werk gesetzt und acht Monate regen Eifers zu verwirklichen versucht hatten. Das Komitee ist aus der Regierung verjagt und eine andere installiert worden, die dem unwissenden Pöbel und den reaktionären Mächten besser behagt. Kein Mensch hat das Ereignis vorhergeahnt, obwohl die bange Voraussicht trüber Dinge allenthalben Platz gegriffen und auch in diesen Blättern Ausdruck gefunden hatte. Und sehr schwer, schier unmöglich ist es, heute schon die volle Bedeutung und die Folgen des Eingetretenen nach Gebühr zu ermessen. Nichtsdestoweniger ist das zionistische Bewußtsein gezwungen, sich nach Möglichkeit Rechenschaft darüber abzulegen. Der Zionismus ist ja eine türkische Angelegenheit nicht viel weniger als eine jüdische, und schier alles hängt für unsere Sache von der künftigen Gestaltung der ottomanischen Zustände ab.