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Die Welt · 1909-04-23 · 17 (23.4.1909) · page 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
17 (23.4.1909)
Date
1909-04-23
Page
– (sequence 14)
Language
German
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h H 372 DIE 3aKE LT No. 17 :£ ,>* , :i tt ,/ « *»4 ,/ I? \y? if 'S!** KM* ■•«n Bücher gebeugt und träumend. Krestin stellt auch sein Selbstporträt aus. Eine andere Welt zieht an uns in den Bildern Jehudo Epsteins vorüber. Die Studie zum Bilde „Leichenbegängnis in den Lagunen" ist ergreifend, wie das Leben voll Not und Elend der Lagunenbewohner. In den Gesichtern der Frauen der blasse Schrecken, die Männer verraten dumpfe Ergebenheit in das Unvermeidliche. Das große Gemälde „Eine Sayra auf Burano" zeigt uns Epsteins Farbenkunst. Ein bewegtes Volksfest, dessen Mittelpunkt Sänger und Musikanten bilden. Es schimmert und leuchtet im festlichen bunten Gedränge, das in violettes Licht getaucht ist. Nikolaus Schattenstein ist ein Porträtmaler voll Vornehmheit und Anmut, die seinen Frauenporträts einen eignen Reiz verleihen. Auch Leopold Harowitz stellte zwei Porträts aus. Es ist bedauerlich, daß so wenig Bilder jüdisches Leben zum Inhalt haben. Erfreulich ist es immerhin, daß die Werke der jüdischen Maler zu den besten der Ausstellung gehören. Krakau. Sein 2. Schauturnen hielt der hiesige jüd. Turnverein am 28. v. M. ab. Trotz vieler Schwierigkeiten, insbesondere finanzieller Natur, sowie der Beschaffung eines geeigneten Saales hat es der Verein verstanden, sich lebenskräftig zu entwickeln und sich die Sympathien der Bevölkerung zu erwerben. Die Festlichkeit, die sehr gut besucht war, verlief ausgezeichnet. 52 Turner traten auf. Ihre exakten Freiübungen fanden den wohlverdienten Beifall. Auch die Damenriege, die leider durch eine kleine Anzahl von Mitgliedern vertreten war, zeigte, daß der Verein auch nach dieser Richtung hin sein Bestes getan hat. Das nachfolgende Geräte-Turnen, sowohl der männlichen als auch der weiblichen Turner, zeugte von den Fortschritten, die der Verein während seines erst zweijährigen Bestandes bei seinen, meistens aus Anfängern bestehenden Mitgliedern gemacht hat. Reicher Beifall lohnte die Ausführenden. Den Schluß bildeten Pyramiden. England (Von unserm Berichterstatter) Zionismus an den Universitäten - Das erfolgreiche Vordringen des Zionismus an den englischen Universitäten hat das Mißvergnügen derjenigen erweckt, die es lieben, sich als Engländer jüdischen Glaubens auszugeben. Vor längerer Zeit bereits sind sie in Erwägungen darüber eingetreten, welche Schritte sie unternehmen sollten, um der zionistischen Bewegung unter den Studenten entgegenzutreten, und neuerdings haben sie einen Weg gefunden, der sie aus ihren Schwierigkeiten herausführen soll. In einer der letzten Nummern des ,.Jewish Chronicle" erschien ein Interview mit Herrn Norman Bentwich, Vorsitzender der London University Zionist Society, in dein er sagte, daß selbstbewußte Juden „nicht ganz englisch in ihrem Fühlen" sein könnten. Dieser Ausdruck ist von unsern Antizionisten aufgegriffen worden, die darin einen Mangel an Patriotismus finden wollen und eine Erklärung veröffentlicht haben, worin sie die Äußerung des Herrn Bentwich beklagen. Diese Erklärung ist vielleicht von Herrn Laurie Magnus verfaßt worden, der vor emigen Jahren einen Artikel gegen den Zionismus in der „Quarterly Review" geschrieben hat, und sie ist unterzeichnet von 25 ehemaligen Besuchern der Universitäten von Oxford, Cambridge und London. Unter den Unterzeichnern sind der Right Honourable Arthur Cohen, Professor Israel Gollancz, Mr. Leopold de Rothschild (Bruder des Lord Rothschild), Rev. Isidore.Harris und Sir Philipp Magnus. Was die geistige Bedeutung der Erklärung .anlangt, so ist das Manifest eine schwache Leistung und dürfte keine andere Wirkung haben, als den zionistischen Studentenvereinen einen neuen Aufschwung zu verleihen. Est ist überflüssig erst zu berichten, daß viele Antworten im „Jewish Chronicle" erschienen sind, die das Manifest wirksam widerlegen, das verlangt, daß alle Juden in England ihre Kinder ganz und gar als Engländer im Sinnen und Trachten erziehen sollen, genau so wie die Nichtjuden, in denen englisches Blut seit vielen Generationen fließt. Es ist offensichtlich, daß die 25 Herren, die das Manifest unterzeichnet haben, nicht alle logischen Konsequenzen ihrer Erklärung ziehen, denn sonst müßten sie den vielen jüdischen Institutionen ihre Unterstützung entziehen, die auf einer nichtreligiösen Basis errichtet sind und unter andern Zielen den nützlichen Zweck verfolgen, die Juden dieses Landes davon abzuhalten, „absolut englisch in ihrer Gedankenrichtung" zu werden. Solche Institutionen sind z. B. die sozialen und literarischen Vereine und Klubs, die jüdisch-historische Gesellschaft, die Maccabaeans usw. Obgleich das Manifest in erster Linie gegen die Verfechter des Zionismus an den Universitäten gerichtet ist, ist es doch als ein Angriff auf unsere Sache im allgemeinen aufzufassen, aber niemals noch hat ein Angriff so vollständig sein Ziel verfehlt wie dieser. Die Unterzeichner begnügten sich nicht damit, ihre- Ansichten in der jüdischen Presse kund zu geben, sondern sie veröffentlichten das Manifest auch in ein oder zwei Tageszeitungen, und sie sind im Begriffe, Abzüge davon unter allen jüdischen Studenten der Universitäten Oxford, Cambridge und London zu verbreiten. Die Meinung der Zionisten geht dahin, daß diese Aktion zeigt, daß die Antizionisten fühlen und fürchten, daß unsere Sache gute Fortschritte macht und in naher Zukunft noch besser vorwärts gehen wird. Aber nach einer sorgfältigen Prüfung des Manifests, das in schwachen Ausdrücken abgefaßt ist und keine ernsthafte Widerlegung der zionistischen Stellungnahme versucht, ist man ernsthaft geneigt, zu sagen: „Der kreißende Berg hat ein Mäuslein geboren." Die Feier des siebzigsten Geburtstags des Chiefrabbi Große Vorbereitungen waren getroffen, um den siebzigsten Geburtstag des Chiefrabbi Dr. Adler feierlich zu begehen, der am 30. Mai sein wird. Die vereinigten Synagogen haben ein besonderes Komitee eingesetzt, um einen Fonds zu schaffen, der verschiedenen Zwecken gewidmet sein soll, z. B. der Herstellung eines Porträts des Chiefrabbi sowie eines illustrierten Albums mit Unterschriften der Zeichner, der Schenkung einer Silberplastik von geschichtlichem jüdischem Interesse, was alles dem Chiefrabbi überreicht werden soll. Am 14. Juni soll Empfang im Gronersbury Park, dem Besitztum Herrn Leopold de Rotschilds.stattfinden, bei dem Lord und Lady Rotschild selbst die Gäste, die maßgebenden Vertreter der Londoner und Provinzjudenheit, begrüßen werden. Anläßlich seines siebzigsten Geburtstags wird der Chiefrabbi einen Band gesammelter Schriften unter dem Titel „Anglo-jüdische Memoiren" veröffentlichen. Rußland , (Von unserm Berichterstatter) Die nationale „Physiognomie" Der Zwischenfall Asch-Tschirikow, von dem wir bereits kurz berichtet haben, hat bei dem Mangel an wirklichen bedeutsameren Aktualitäten der stets rede- und schriitbereiten russischen Öffentlichkeit willkommene Gelegenheit geboten, das Thema „Russentum und Judentum" nach allen Regeln der Kunst zu traktieren. Und obwohl unsere scheuen Assimilanten mit allen Mitteln sich bemühten, die für sie unangenehme und gefährliche Affäre im Keime zu ersticken, und der größte Teil der Petersburger Blätter sie absichtlich zu verschweigen beschloß, so erscholl doch die einmal in die Welt geworfene Parole immer mächtiger. Tschirikow, auf den das Odium des Antisemitismus geworfen wurde, veröffentlichte in den Zeitungen einen Brief, in welchem er im Grunde genommen das wiederholte, was man ihm zuschrieb. Er wundert sich in seinem Briefe, daß man einen Menschen, welcher behauptet, daß „Juden das russische Leben nicht empfinden", als Antisemiten bezeichnet. Aber in der Affäre handelt es sich nicht nur darum. Den Mittelpunkt bildet das sehr klare Problem: Welches ist das Verhältnis der autochthonen russischen Intelligenz zu der sogenannten „jüdischen Invasion" in Kunst und Literatur? Mit andern Worten: Hat sich unter der russischen Intelligenz der Asemitisrnus, welcher gewöhnlich der Vorläufer des Antisemitismus ist, erhoben? Im „Razswiet" und „Slowo" kündigt unser Freund Schabotinski die Geburt dieses Asemitisrnus an, indem er seine Entstehung historisch begründet. In einer sehr taktvollen und gemäßigten Weise und ohne einen Schatten von Parteitriumph macht Herr Schabotinski die russischen Leser mit dem zionistischen Standpunkte vertraut. Und das Petersburger „Slowo" brachte interessante Artikel von Golubcew und insbesondere von Peter Struve, der für uns als der Ideologe einer gewissen, ziemlich bedeutenden Gruppe der russischen Progressisten erscheint. Die Moskauer Blätter „Russkoje Slowo" und „Russieje Utro" behandelten die Affäre sensationell und haben das Verhalten Tschirikows gebrandmarkt, indem sie die judenfeindliche Stimmung als einen „Mythus" bezeichneten. Und nach langem Schweigen erhob endlich das Kadettenorgan „Rietsch" durch den Papst des russischen Fortschrittes seine Stimme. Hinter dem dichten Vorhang der 'Journalistenphraseologie offenbaren sich in dieser Polemik zwei prinzipiell verschiedene Grundanschauungen in Hinsicht auf das Verhältnis der Intelligenz zu den Juden.

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