Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 17 (23.4.1909)
- Date
- 1909-04-23
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3315709-3316349-3316369--51834-3345513- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
370 DIEl^ELT No. 17 ,'i /' £ «** t & * X t /' f / 9 S! f *» r /• r m J erforderte viel Arbeit. Das hinderte ihn aber nicht, überall da mitzuarbeiten, wo er etwas erstrebt oder gefördert sah, das ihm erstrebenswert schien, oder wo er empfand, daß einer Not, daß einem Übelstand abgeholfen werden mußte. Erkannte er die Notwendigkeit seiner Betätigung, den Wert einer Arbeit, so zögerte er nicht, selbst Hand anzulegen und andere zur Mitarbeit heranzuziehen. Er war nicht nur ein guter Erzieher im -Hause und in der Schule, sondern er bewährte sich als ein solcher auch draußen im Leben, insbesondere aber bei unsern Brüdern in der jüdischen Gemeinschaft, in der Gemeinde und weit darüber hinaus. Nicht bloß sein vorbildliches Beispiel spornte andere zu gleicher Tätigkeit an, er war stets bemüht, andere zur Arbeit heranzuziehen. Seine Mühe hatte auch stets Erfolg. In einer großen Zahl von Vereinen war er in der Leitung nicht bloß dem Namen nach; in ihnen und in vielen andern auch ohne besonderes Amt nahm er tätigen Anteil an den Arbeiten. Vielfach leistete er sie allein. Das Breslauer Lokalkomitee des „Esra" verliert in Benno Badt seinen Vorsitzenden. Gern hätte er die Arbeiten des Esra großzügiger gestaltet und unternahm manchen Versuch nach dieser Richtung. Er begegnete zu starken Widerständen. Erst noch in der jüngsten Zeit erwog er mit einigen unserer Freunde den Plan, in Breslau eine „Esra- und Bezalelausstellung" zu arrangieren. Dem „Hilfsverein der deutschen Juden" war er ein sehr geschätztes Mitglied des Geschäftsführenden Ausschusses, in dem er sich insbesondere für die palästinensischen Schulen, deren Lehrpläne und Einrichtung interessierte. Auch dem Lokalkomitee der Alliance gehörte er als stellvertetender Vorsitzender an und war stets bemüht, die Differenzen zwischen diesen beiden Organisationen zu überbrücken. Er hätte es aber gern gesehen und versuchte darauf hinzuwirken, daß die Alliance für ihre Schulen die Prinzipien annähme, die der Hilfsverein für die seinen hat. Im Lokalkomitee des Hilfsvereins und der mit ihm verbundenen Auswandererorganisation scheute er bis in die letzten Jahre hinein nicht die geradezu aufreibende Tätigkeit der Versorgung der durch Breslau durchziehenden russischen, galizischen, auch rumänischen Auswanderer. Mit großer Liebe und Aufopferung nahm er sich ihrer an, wie ein Vater, nicht wie manche Armenkommissionen und Gemeindebureaus. In letzter Zeit interessierte ihn sehr eine Förderung der Falascha-Angelegenheiten. Auch um die Begründung eines Breslauer Lokalkomitees der A. I. K. O. bemühte sich Professor Badt noch vor wenigen Monaten. Woher auch immer jemand in jüdischen Angelegenheiten nach Breslau kam, fragte man ihn: Wohin haben Sie Empfehlung? so hörte .man fast immer als Antwort: Zu Professor Badt. Vor Jahren begründete Badt auch den sehr segensreich wirkenden „Verband zur Erziehung hilfsbedürftiger israelitischer Kinder". Auch der Provinzialverein israelitischer Lehrer und seine Unterstützungskasse verlieren in ihm ihren für sie äußerst tätigen Mitbegründer und ersten Vorsitzenden. Ein besonderes Kapitel ist seine Tätigkeit für die Breslauer Gemeinde. In Badt verkörperte sich die Opposition der Traditionellen. Selbst religiös-konservativ, festhaltend an unsern alten Gebräuchen, war ihm die Bezeichnung „orthodox" in der Seele verhaßt. Und das war charakteristisch für ihn, seine ganze Auffassung des Judentums und auch seine Toleranz. Er war der Begründer und Vorsitzende des „Vereins zur Förderung der Interessen der S.-G. Breslau" und war der geistige Leiter des jungen Organs dieses Vereins, dessen beste, aber auch schärfste Artikel von ihm herrührten. Seine Artikel zeigten so recht, wie jung er noch im Innern war, wie kampfesfreudig jung. Und so war er auch in den Repräsentantensitzungen der Gemeinde, wo er einer der sehr Spärlichen war, die es wagten, die Rechte der Minoritäten, religiöse und soziale, zu vertreten. Aber seine Art, zu kämpfen, war stets edel, stets sachlich, nie persönlich. Und so kam es auch, daß ihn auch die Gegner achteten und schätzten, wie auch er die gegnerische Meinung würdigte, wenn sie nur einer ehrlichen Oberzeugung entsprang. Was er aber haßte, das war der feige Abfall, selbstischen Motiven entstammendes Tun. Wer aus unsern Reihen ging, den kannte er nicht mehr, und cffen zeigte er solchen, wie er von ihnen dachte. Es ist so kein Wunder, daß Professor Badt, der ewig jugendliche Feurige, obwohl damals schon in der zweiten Hälfte der Fünfzig, gern dabei war, als er gebeten wurde, bei der Begründung des Breslauer „Vereins Jüdischer Studenten" mitzuhelfen. Und wie wertvoll war seine Mitarbeit dem jungen Verein, der ihn zu seinem Ehren-Alten Herrn ernannte. Und wie wohl fühlte er sich in der Mitte dieser begeisterten jungen Juden. Ein Leuchten der Freude ging über seine so sympathischen Züge, wenn er auf den Kommersen, zu denen er des öftern kam, sah, wie hier ein junges Judentum erblühte, wie die Jugend hier so stolz auf ihre Zugehörigkeit zum jüdischen Volke war, wie ihnen das Jüdische als das Erste, das Eigenste, das nie und nimmer Abstreifbare galt. Und die Freude, die er dabei empfand und der er offen Ausdruck gab, wirkte zurück auf die andern. Eines Abends, da der Vater eines der jungen Studenten aufstand und bekannte, wie er dem Judentum fast ganz entfremdet gewesen und wie er durch die Zugehörigkeit seines Sohnes zum V. J. St. wieder selbst ganz Jude geworden sei, da kamen Badt Tränen der Freude in die Augen, und auf dem Nachhausewege kam er wieder darauf zurück, wie er sich über dieses Bekenntnis gefreut habe. Müssen wir danach noch besonders erwähnen, wie er zum Zionismus stand? Für ihn waren jüdische Religion und jüdische Nationalität eins und untrennbar, und die Konsequenz war ihm der Zionismus. In den ersten Tagen des politischen Zionismus bekannte er sich zu ihm. Das hinderte ihn aber durchaus nicht, sich als guten deutschen Staatsbürger zu fühlen. Ihm wollte es nicht einleuchten, wie jemand aus der Zugehörigkeit zur zionistischen Organisation etwas Unpatriotisches herauskonstruieren konnte. Wir wissen, wie er bestrebt war, persönliche Freunde, die den Zionismus ablehnten, ihm näherzubringen. Wenn ihm irgendetwas begegnete, wenn er etwas erfuhr, was ihm das Gute, das Förderliche, einen Erfolg des Zionismus zu beweisen schien, wie freute er sich bei dem Gedanken, seinen Freunden zeigen zu können, daß er mit seiner Auffassung recht habe und sie doch vielleicht durch Tatsachen andern Sinnes werden könnten. Er war stets über alle, den Zionismus und Palästina betreffenden Vorgänge aufs genaueste orientiert und gehörte der Leitung der Misrachi-Gruppe an, aber auch die jüngern Mitglieder der Ortsgruppe holten gern und oft seinen Rat ein, und willig und freudig half er, wo und wann es verlangt wurde, bis in die letzten Tage. Es ist uns ein überaus schmerzlicher Gedanke, ihn nun missen zu sollen. Wer die Gelegenheit hatte, mit ihm zusammen zu arbeiten, wird unsern Schmerz zu würdigen wissen. Hätten wir viele, die so ihr Judentum als eine Pflicht zur Arbeit für das jüdische Volk auffassen, es wäre besser um unser Volk bestellt. Es kann nicht unsere Aufgabe sein, hier noch auf die wissenschaftlichen Arbeiten B a d t s einzugehen, — bei aller andern Arbeit fand er auch dazu Zeit. Erwähnt seien nur eine „Kinderbibel" und ein anderes Religionslehrbuch, Arbeit über die jüdisch-sibyilinischen Bücher und noch in allerletzter Zeit seine Beteiligung an der deutschen Philo-Obersetzung, bei der er geradezu Mustergültiges geleistet hat. Und nun ist es vorbei! Es waren böse Tage für uns in Breslau, als wir hörten, daß es mit Professor Badt bedenklich stehe, und als wir dann gar erfuhren, daß die Ärzte die Hoffnung aufgegeben hätten. Da kam es uns so ganz zum Bewußtsein, was er uns allen gewesen, wie nahe er uns gestanden und einem jedem von uns war, als kämpfe dort in der stillen Paradiesstraße ein nächster Verwandter den letzten Kampf. . . . Wir hofften immer noch, daß es der Kunst der Ärzte, der aufopfernden Pflege derjreuen Gattin gelingen wird, den Kranken wieder zu Kräften, zu Überwindung des Leidens zu bringen. . . . Vergebens. Gestern nachmittag geleiteten wir Professor Badt zur letzten Ruhe, ein unübersehbar langer Zug, ein Zeugnis der Liebe, Verehrung und Achtung, deren sich der allzufrüh Heimgegangene erfreute. Das jüdische Volk wird ihn nicht vergessen! Breslau, den 19. April 1909. Österreich (Von unserm Berichterstatter) Oskar Marmorek Der tragische Tod unseres Freundes Marmorek ist von so vielen erschütternden Nebenumständen begleitet, daß man ihrer kaum auf einmal gewahr wird. Wie 'ein unheimliches Rätsel stieg es aus dem offenen Grabe empor, in das er sich so vorzeitig gesehnt hatte, und wir standen alle fragend und klagend vor dem Sarge, der so viel Jammer hervorgerufen hat, daß er kaum zu fassen ist. Sprechen wir nicht von dem Leid einer jungen, hochbegabten Frau, von dem unheilbaren Schmerz einer gänzlich gebrochenen Mutter, von dem Jammer der liebevollen Geschwister, wir können ihnen nur aus tiefster Seele wünschen, daß der Trost des Lebens und seiner alltäglichen Begebenheiten über ihren unheilbaren Kummer eine Decke des zeitweiligen Vergessens breite. Aber was uns geschehen ist, der Partei, dem Zionismus, das trat klar zutage. Von jenen Männern reifern Alters, die vor kaum ein Dutzend Jahren in Wien zusammentraten, um Herzl in der Verwirklichung seiner Ideen zu unterstützen, leben nur nur noch vier: Johann Kremenezky, Dr. Schnirer, Prof. Leon Kellner und York-Steiner,' vom