Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 17 (23.4.1909)
- Date
- 1909-04-23
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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No. 17 DIE^ELT 369 ooooooooo NACHRICHTEN ooooooooo II V Deutschland Berliner Sozialdemokraten für das Schächtverbot. Einen bemerkenswerten Beitrag zu dem Satze „Religion ist Privatsache" gaben die Berliner sozialdemokratischen Stadtverordneten, die in der jüngsten Sitzung den Antrag stellten, das Schächten nach jüdischem Ritus zu verbieten. Der Antrag wurde abgelehnt. Königsberg i. Pr. In den hiesigen höhern (Knaben- und Mädchen-) Schulen besteht seit Jahrzehnten die Einrichtung, daß die jüdischen Schüler und Schülerinnen an der Morgenandacht, die in einzelnen Schulen täglich, in andern dreimal wöchentlich stattfindet und die einen ausgesprochenen evangelischen Charakter trägt, teilnehmen. Sie sind gezwungen, sich das „Evangelische Schulgesangbuch für Ostpreußen" anzuschaffen und dieses ebenso wie die christlichen Schüler regelmäßig zur Andacht mitzubringen. Dieses Buch enthält unter 120 Liedern nur 17 indifferenten Inhalts, die übrigen 103 Lieder haben exquisit christlichen Charakter. Es wird bei dieser Andacht ein Lied aus diesem Buche gesungen und ein Bibelabschnitt, meist aus dem Neuen Testament, verlesen. Soweit Erkundigungen von hier aus ergaben, ist Königsberg die einzige Stadt in Deutschland, die den Vorzug dieser mehr als seltsamen Einrichtung hat. Versuche, durch Vorstellungen bei maßgebenden Personen in der Gemeinde eine Abstellung dieses unerhörten Zustandes herbeizuführen, hatten bis jetzt keinen Erfolg. Es wurde wiederholt geäußert, daß man in dieser Einrichtung etwas gar so Schlimmes nicht finden könne, und daß Bemühungen, diesen Übelstand zu beseitigen, wohl Erfolg haben, gleichzeitig aber auch Rischus erregen würden. Nunmehr haben zahlreiche Mitglieder der Gemeinde eine Eingabe an den Vorstand der Synagogengemeinde gerichtet mit dem Ersuchen, baldigst eine Abstellung des geschilderten unwürdigen Zustandes herbeizuführen. Der IV. Jüdische Turntag in Berlin Zu Pfingsten d. J. findet in Berlin die IV. Tagung des Jüdischen Turntages statt. Nach den bisher eingelaufenen Anmeldungen werden zahlreiche auswärtige Vereine, z. B. Köln, Posen, Graz, Wien usw. ihre Turner und Delegierten entsenden. Die Turnerschaft, welche im Laufe der letzten Jahre einen recht erfreulichen Aufschwung genommen hat, zählt z. Zt. über 3000 Verbandsmitglieder, welche etwa 25 Vereinen angehören. Mit der Tagung ist gleichzeitig auch die Feier des zehnjährigen Bestehens des Jüdischen Turnvereins Bar- Kochba in Berlin verbunden. Die Öffentlichkeit dürfte ganz besonders das Schauturnen interessieren, welches aus Anlaß des Turntages und des Stiftungsfestes in einem großen Maßstabe geplant ist und an welchem nicht bloß der Berliner, sondern auch die auswärtigen Vereine teilnehmen werden. Voraussichtlich wird dieses Schauturnen in einem der großen Berliner Zirkusse stattfinden. Ferner werden an einem andern Tage volkstümliche Übungen auf dem eignen Turnplatz des Bar- Kochba im Grunewald abgehalten werden. Dem jüdischen Publikum, welches während der Pfingsttage in Berlin weilt, bietet sich mithin eine außerordentlich günstige Gelegenheit, über die Leistungen der jüdischen Turnerschaft aus eigner Anschauung sich ein Urteil zu bilden und sich darüber aufzuklären, daß weite Kreise der jüdischen Jugend gerade durch die jüdischen Turnbestrebungen einer vernünftigen Leibeszucht und einer jüdischen Lebensauffassung zugeführt werden. Ja, es erscheint sogar recht empfehlenswert, wenn auch Nichtberliner durch Verlegung ihres Pfingstaufenthalts nach Berlin sich die Möglichkeit verschaffen würden, diesem interessanten Schauspiel beizuwohnen, zumal im Anschluß an*die Tagung der Turnerschaft Ausflüge nach Potzdarn und Rügen geplant sind, an [denen teilzunehmen Gästen gern gestattet werden dürfte. Die Gleichgültigkeit, welche gerade der eminent wichtigen Frage der körperlichen Kräftigung von den meisten Juden entgegengebracht wird, wird hoffentlich bei allen denjenigen, welche überhaupt den Wunsch haben, sich belehren zu lassen, einer regen Anteilnahme weichen. Nicht unerwähnt soll bleiben, daß die Verhandlungen, welche auf dem Turntage gepflogen werden, ein allgemeines Interesse verdienen dürften, da abgesehen von den reinen Organisations- und Administrationsfragen vor allem auch d i e Frage in den Vordergrund der Tagung gestellt ist, welche sich um die von dem Hilfsverein deutscher Juden, der Alliance und andern großen Verbänden für ganz besonders dringlich erachteten jüdischen Erziehungsprobleme im Orient dreht. Ein allgemeines Palästinareferat wird nicht bloß Informationen über die seit Jahresfrist im Aufblühen begriffenen jüdischen Turnbestrebungen in Palästina bieten, sondern auch wertvolle Fingerzeige geben, wie in Palästina und überhaupt im Orient der jüdischen Erziehung in Schule und Verein durch größere Hervorkehrung des physischen Elements gedient werden kann. Der Umschwung im Orient hat auch in dieser Beziehung schon Früchte gezeitigt. Zu Auskünften ist das Zentralbureau der Jüdischen Turnerschaft, Berlin, Alexanderstraße 39, 3. Hof, Aufgang B, recht gern bereit. Professor Dr. Benno Badt geboren 16. Januar 1844,-verschieden 15. April 1909 Das jüdische Volk hat einen seiner besten und treusten Söhne verloren. Am Abend des 15. April verschied nach schwerem Leiden in Breslau Professor Dr. Benno Badt. Es ist uns bitter weh ums Herz, da wir dieses niederschreiben müßen. Wie gern hätten wir ihn noch in unserer Mitte behalten, der uns so lieb und teuer war, den wir so hoch verehrten. Und wie werden wir ihn noch vermissen. In Kurnik, einem kleinen Städtchen im Posenschen geboren, aus ärmlicher, aber hoch achtbarer Familie, kam Benno Badt in den öüer Jahren auf das Breslauer Rabbinerseminar. Nachdem er das Rabbinerexamen bestanden, wandte er sich dem Lehrerberuf zu und wurde zuerst Hilfslehrer bei dem Elisabethgymnasium in Breslau. Als die Stadt Breslau Anfang der 70er Jahre das Johannesgymnasium begründete, trat er in dessen Lehrkörper ein, dem er bis zum Tode angehörte. Er war in den letzten Jahren Ordinarius der Oberprima. Er ließ es sich aber auch nicht nehmen, den jüdischen Schülern der obern Klassen den Religionsunterricht selbst zu erteilen. Sein unbeugsames Pflichtgefühl, seine persönliche Anteilnahme an dem Ergehen jedes einzelnen seiner Schüler ließen ihn noch am letzten Abiturientenexamen teilnehmen, obwohl er sich schon krank fühlte. Am Tage darauf konnte er der Krankheit nicht mehr widerstehen und mußte sich zu Bett legen und sich die Ruhe gönnen, die er sich sonst leider viel zu viel versagte. Alle hofften ihn aber bald wieder gesund zu sehen. Es war eine trügerische Hoffnung. Benno Badt war eine derjarbeitsamsten Naturen. Sein Lehramt