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Die Welt · 1909-04-23 · 17 (23.4.1909) · page 8

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
17 (23.4.1909)
Date
1909-04-23
Page
– (sequence 8)
Language
German
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366 « DIE 2^ Insbesondere gilt das von Österreich. Denn dieses, von verschiedenen Völkern bewohnt, deren Siedlungsgebiet sich fast ausnahmslos über die Reichsgrenzen hinaus erstreckt, kann seine politische Existenz nimmer auf die Idee des einheitlichen Nationalstaates aufbauen, sondern muß seine Aufgabe gegenüber seinen Völkern darin suchen, deren Rechte und Freiheiten im Rahmen der Reichseinheit gleichmäßig anzuerkennen und zu fördern. In Österreich haben daher auch die Staatsbürger jüdischer Nationalität ein unantastbares Recht auf den Schutz und Ausbau ihres nationalen Lebens. 3. So erstrebt der Verein die Erhaltung und Stärkung eines Völkerstaates Österreich und im Rahmen dieser Staatsidee eine politische Organisation der österreichischen Juden zum Schutze ihrer nationalen Selbständigkeit und zur Förderung ihrer kulturellen, politischen nnd wirtschaftlichen Interessen. Im Punkt 4 des Programms wird die nationale Autonamies für alle Völker Österreichs verlangt, „um die Vergewaltigung nationaler Minderheiten" zu verhindern. Punkt 5 enthält die freiheitlichen und demokratischen Grundsätze. Der Jüdische Nationalverein fordert insbesondere: a) Volle Glaubens- und Gewissensfreiheit und Zugänglichkeit aller öffentlichen Ämter und Dienste auch für Bewerber jüdischer Nationalität. b) Volle Vereins-, Versammlungs-, Preß- und Koalitionsfreiheit. O Freizügigkeit für In- und Ausländer. d) Das allgemeine gleiche, geheime und direkte Wahlrecht in alle Vertretungskörper unter Wahrung des Grundsatzes der nationalen Autonomie, bzw. des Schutzes der Minderheiten durch Proportionalwahlsystem. In den weitern Programmpunkten wird die Bedeutung des Hebräischen als der historischen Nationalsprache energisch betont. „Inden Ländern jüdischer Massensiedlung gebührt dem Jüdischen als der herrschenden Volkssprache derbreiten jüdischen Massen entsprechende Berücksichtigung.4' Anschließend sei hier auch hervorgehoben, daß die Partei „die Gleichberechtigung vor Amt und Gericht" für die hebräische Sprache und Schrift verlangt. Im kulturellen Programmteil wird die Sicherung des nationalen Inhalts der Erziehung gefordert. Der Verein erstrebt die Grün'dung eigener jüdischer Volks-, Bürger- und Mittelschulen nach Maßgabe des Bedarfes, die Sicherung geeigneter Lehrkräfte für dieselben sowie im Zusammenhang mit der Nationalisierung der Schule die strenge Durchführung des gesetzlichen Schulzwanges. 9. Die Errichtung ordentlicher Lehrkanzeln für jüdische Geschichte, hebräische Sprache, jüdische Literatur an den philosophischen Fakultäten in Wien, Prag, Lemberg, Krakau und Czernowitz. Solange diese unverrückbaren Forderungen der Autonomie der jüdischen Erziehung nicht erfüllt sind, verlangt das Programm die Anstellung von jüdischen Schulleitern an Schulen mit jüdischer Majorität. Solange ferner die nationale Autonomie nicht erreicht ist, fordert das Programm einen öffentlich-rechtlichen Reichsverband der Kultusgemeinden. Der wirtschaftliche Programmteil enthält sozialpolitische, bodenreformerische Forderungen. Die Partei verlangt Gewerbefreiheit, gesunde kommunale Boden- und Wohnungspolitik, die Industrialisierung Galiziens und der Bukowina mit Reichshilfe, weitgehenden Arbeiterschutz, eine moderne Steuerreform mit möglichster Verminderung der indirekten Abgaben, Hebung der Volkshygiene, Modernisierung der Armenpflege und Schutz der Auswanderung. Einige Forderungen, die im Programmentwurf des Krakauer Parteitages enthalten sind, haben in diesem Programm keine Aufnahme gefunden. Im alten Entwurf wird im Punkt 1 das Baseler Programm zitiert. Ebenso wurden Teile des frühern Programmentwurfs, die „die Notwendigkeit der Pflege des Jüdischen" und „den * nationalen Charakter der jüdischen Religion" betonen, fallen gelassen. Schekelaufruf der Poale=»Zion Die jüdische sozialistische Partei Poale-Zion Österreichs veröffentlicht in der Pessach-Nummer des „Jüdischen Arbeiter" einen Schekelaufruf, dem wir nachstehende Ausführungen entnehmen. . . . „Unter dem Sturm der Wogen der Revolution wird der neunte Zionistenkongreß zusammentreten. Er wird eine Illusion endgültig zerstören müssen, die wir schon jahrelang" bekämpfen : den Irrwahn politisierender Schwärmer, daß man den Zionismus mit Hilfe der Mächte gegen die Türkei verwirklichen könne. Unser Grundsatz muß sich durchsetzen, - - ohne die Mächte, wenn nötig, gegen die Mächte und mit den nach Freiheit ringenden Völkern des ottomanischen Reiches. [ELT No. 17 Der Zionismus ist jedoch kein Problem diplomatischer Verhandlungen, auch nicht mit Parteien und Volksvertretern. Der Zionismus ist ein soziales Problem der Verbindung arbeitsloser, proletarischer Massen mit einem unbesiedelten Lande. Die vornehmste Aufgabe unserer Partei in der zionistischen Bewegung ist die Wahrnehmung der Interessen der proletarischen und arbeitenden Massen bei der großen Arbeit der ökonomischen Einwurzelung in Palästina. Wir gönnen den besitzenden Schichten der jüdischen einwandernden Massen die Kredit- und Finanzhilfe, die sie verlangen. Wir werden daher am Kongreß für die'Schaffung eines agrarischen Kreditinstituts stimmen und für eine systematische, industrielle und Verkehrspolitik eintreten. Wir werden jedoch von den Kongreßparteien verlangen, daß sie keine einseitige Politik zugunsten der Besitzenden treiben. Die jüdischen Einwanderer, die nichts als ihre Arbeitskraft besitzen, müssen die Möglichkeit haben, sich den Arbeitsplatz in der aufstrebenden Industrie zu sichern und das Land als freie Erdbebauer zu besetzen. Wir werden daher dem Vorschlag entgegentreten, den Jüdischen Nationalfonds in eine Kreditanstalt zum Bodenkauf für einzelne zu verwandeln. Der Nationalfonds muß Volksschatz bleiben zum Bodenkauf für diejenigen, die besitzlos und nicht kreditfähig sind. Der Boden des Nationalfonds muß Volkseigentuni bleiben. Der kollektive Bodenbesitz bedingt aber die kollektive Bewirtschaftung. Wir werden vom neunten'Kongreß nachdrücklich verlangen, daß der Vorschlag der Besiedelung Palästinas durch Arbeiterproduktivgenossenschaften durchgeführt werden soll. Denn nur auf diesem Wege kann den jüdischen Arbeitern der Zutritt zur Landwirtschaft ermöglicht werden." Schließlich appelliert der Aufruf an alle, die den sozialen Inhalt des zionistischen Gedankens begreifen, die poalezionistische Partei zu unterstützen. Qalizien Rzeszöw. Am 8. April 1. J. tagte in Rzeszöw die erste Konferenz des Rzeszöwer und Jaslo-Rimanower Kreises. Anwesend waren 30 Delegierte sowie ein Mitglied des galizischen C. K. (Gg. Waschitzi und des Krakauer D. K. (Gg. Dr. Herstein). Nach der Begrüßungsrede des Gg. Dr. Weinberg folgten die Berichterstattungen der Gg. Dr. Hopfen und Chiel über die Tätigkeit des Rzeszöwer und Jaslo-Rimanower Kreiskomitees. Hierauf wurde nach längerer Debatte den beiden Komitees das Vertrauensvotum und dem Gg. Dr. Hopfen für seine Tätigkeit Dank ausgesprochen. Sodann beschäftigte sich die Konferenz mit der Frage der Organisation, Agitation und Presse und erhob zum Beschlüsse sämtliche vom Referenten Gg. Ben Zion Feit beantragten Resolutionen, die zur emsigen und strammen Arbeit für die Ausbildung und Entwicklung der Organisation in beiden Kreisen aufforderten. Beim Punkte Presse wurde beschlossen, aufs kräftigste die Verbreitung der Parteiblätter „Welt", „Wschöd" und „Jüdische Zeitung" zu fördern, überdies wurde dem in Rzeszöw erscheinenden und der Partei erhebliche Dienste leistenden Jargonblatte „Neue Volkszeitung" warme Sympathie ausgesprochen. Ober unsere Stellungnahme zur bevorstehenden Landeskonferenz in Lemberg referierte Gg. Sternlicht, dessen Resolutionen betreffs einer intensiven Beteiligung der zionistischen Partei an der politischen und ökonomischen Arbeit im Lande und Gründung einer Bank angenommen wurden. Auf seinen Antrag wurde auch von der Konferenz die Notwendigkeit einer Umwandlung der bisher in Galizien bestehenden Kreisorganisationen in Distriktskomitees anerkannt. Der Delegierte des Krakauer Distriktskomitees, Dr. Herstein, sprach hierauf ausführlich über die Bedeutung der Palästinaarbeit, und auf seinen Vorschlag beschloß die Konferenz, die Organisationen zu einer strammen Agitation und Tätigkeit zugunsten aller palästinensischen Institutionen wie auch insbesondere für den N. F. und Selbstbesteuerung aufzufordern. Nach Erschöpfung der Tagesordnung wurde die Vereinigung der beiden Komitees beschlossen und ein gemeinsames Kreiskomitee, bestehend aus den Gg. Gg. Dr. Weinberg (Obmann), Dr. Kornhäuser, Dr. Hopfen, Feit, Sternlicht, Ch. Wald, Glücksmann, Chiel, Werner, Wiesenfeld, Schönbach und Fr. Alter gewählt, zu dessen Sitze die Stadt Rzeszöw bestimmt wurde. Die Konferenz nahm einen sehr ernsten Verlauf; den Vorsitz führten Gg. Gg. Schächner-Rimanow und Rosmarin-Zancut, als Sekretäre fungierten Gg. Gg. Werner und Karpf. Abends fand eine zahlreiche Volksversammlung statt, deren Teilnehmer mit Beifall das Referat des Gg. Waschitz „Über die Konstitution in der Türkei und die Juden" angehört haben.

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