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Die Welt · 1909-04-23 · 17 (23.4.1909) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
17 (23.4.1909)
Date
1909-04-23
Page
– (sequence 6)
Language
German
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,> 'l i 364 DIEEaXELT No. 17 h * 3 SN *l y *l / i *»> ✓ *!?; /' »i f O I□□□□□□ o -o FEUILLETON □ □□□□□ o >§ EIN „JÜDISCHER KUNSTABEND"* Von Hermann Blumenthal (Berlin) Eines Samstags fiel der Diskussionsabend aus. Dafür gab es einen „jüdischen Kunstabend", den Markus schon lange vorbereitet hatte. „Was stellen Sie sich unter Jüdischer Kunst' vor?" fragte Dawid, als ihm Markus die Einladung überbrachte. „Sie werden einwenden, die Kunst sei international, erwiderte Markus. Doch ich sage Ihnen: Wir haben eine Kunst, die jüdisch ist! Unsere Künstler stehen heute noch zum großen Teil dem jüdischen Volksbewußtsein fern, und so opfern wir unsere besten Kräfte den andern Nationen. Wir liefern den Völkern Künstler und Staatsmänner. Wenn Sie von einem großen Manne hören, können Sie in ihm einen Juden wittern. Er selbst muß kein Jude sein, aber jüdisches Blut rollt gewiß in seinen Adern. Bedenken Sie, wie viele Massentaufen vor Jahrhunderten in Deutschland allein stattgefunden haben! Ganze Gemeinden sind übergetreten, um nicht zum Scheiterhaufen geschleppt zu werden. Zweifeln Sie da noch an dem jüdischen Geist?" „Sie stellen gewagte Behauptungen auf," sagte Dawid. „Doch Sie wollten von der Existenzberechtigung einer jüdischen Kunst sprechen." „Jetzt komme ich darauf. Ich wollte Ihnen sagen, daß wir uns zuviel um die Interessen anderer kümmern und dabei das Judentum im Stich lassen. Wir Zionisten wollen aber die jüdischen Kräfte für uns ausnützen, denn wir haben jüdische Sorgen. Wer arbeitet für uns in Stunden der Not? - Überall sind die Juden die ersten solange man sie braucht. Dann gibt man ihnen einen Fußtritt. . . So ist es auch in der Kunst! Warum treiben die Nationen einen Kult mit ihren Dichtern? Jedes Volk hat das Bestreben, eine Heimatskunst, einen Nationalschatz zu haben, und darum verlangen auch wir, daß unsere Dichter und Denker für das jüdische Volk schreiben'sollen. . ." Sie redeten noch lange und jeder wollte den andern überzeugen. Dann ging Markus, und seine letzten Worte waren: „Wir sprechen uns am Samstagabend. Sie werden sehen, daß wir eine jüdische Literatur haben! Sie haben ein starkes jüdisches Gefühl, Dawid, nur wissen Sie es selbst noch nicht. Darum gebe ich mir soviel Mühe mit Ihnen. . .u — — Der Kunstabend kam heran. Im großen Saale des Hotel Kontinental war kein Platz frei, und Dawid stand an einen Pfeiler gelehnt. Zuerst wurden einige Ghettoerzählungen vorgelesen. Es lag Stimmung in den kleinen Geschichten und Dawid glaubte den Palechover Marktplatz vor sich zu sehen. Die Menschen, die hier geschildert wurden, waren ihm so vertraut. Bilder und Erinnerungen traten vor seine Seele, und in Gedanken war er weit weg von diesem Saale. i;j Soeben erschien von Hermann Blumenthal unter dem Titel „Jünglingsjahre" der dritie Band der Romantrilogie „Der Weg der Jugend". Der Autor hat uns das nachstehende Kapitel aus diesem Buche zum Abdruck überlassen. Dann kamen die Jargonlieder an die Reihe. Es waren die alten traurigen Melodien, die im Ghetto gesungen werden. Erst ein Kinderliedchen voll verhaltener Wehmut: Ja der Winter droht und schreckt, Liegst noch warm zugedeckt. . . Schlaf, mein armes Täubelein, Öffne nicht die Äugelein. . . Nicht gekocht und nicht geheizt, Und der Hunger quält und reizt. . Schlaf mein Schmerzgeborenes, Armes, Du Verlorenes. . . Nun kam ein Lied über die Ewig-Wandemden und der Refrain lautete: Auf dem weiten Meer Schwimmen hin und her Schiffe ohne Zahl. . . Dorten im Gerieder*) Segeln unsere Brüder, Die Bnei Jisroel **). Dawid mußte an die Juden des Ostens denken, die jährlich zu Hunderttausenden ihre Heimat verlassen: Das Lied erzählte ihm von ihren Schicksalen: Viele wandern ruhelos, ohne Plan und Ziel, über die ganze Erde, doch ihre Gebräuche und Sitten bleiben überall dieselben. Ihr alter Gott lebt noch! Es ist der Gott, der sein Volk liebt, wenn er es auch mit Strafen schlägt. An ihn glauben sie, und je mehr er ihrer Erwartungen spottet, um so mehr beugen sie ihr Haupt vor ihm. - — Welch einer Zeit gehören sie an? Das Rad steht nirgends still und neue Kulturen brechen an. Doch diese Menschen sind wie in einem Gehäuse festgepfercht und kein Strahl des Lichts drang bis zu ihnen. . . . Es waren längstvergessene Taten, die hier im Liede Auferstehung feierten. Helden wurden besungen, die im Herzen des Volkes fortleben. Man sang von der Sehnsucht, und eine neue Hoffnung wurde verkündet: Die Vögalich heben die Flügalich auf Und nehmen mit sich die Tränen hinauf, Und benetzen damit die Erde von Zion, Der Name Israel soll noch einmal blühen. Gewesenes erwachte in Dawids Phantasie und bekam Gestalt und Leben. Er sah Bar Kochba und Judas Makabäus, die die Feinde Israels zu Boden warfen. . . Er sah Judith mit dem Kopfe des Holofernes in dunkler Nacht durch das feindliche Lager schreiten. . . . Sie klopft an das Stadttor von Betylia, und als ihr geöffnet wird, hält sie den Schildwachen das blutige Haupt entgegen. Ihre goldenen Armbänder glitzern im hellen Rot der Fackeln. Und in den Gassen wird es lebendig. ■') Getümmel. ::) Kinder Israels.

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