Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 17 (23.4.1909)
- Date
- 1909-04-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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ifl l| Ä' | 302 DIE^ELT No. 17 I? 3!' 3 e: > /; ' y r /■ /■ *' f!Ji * > Schriften ihre Befriedigung findet, abgesehen ist. Diese Minderheit allerdings bildet in ihrer geschlossenen Einheit und in ihrem starken jüdischen Gefühl eine schätzbare Oase in der Wüste des deutschjüdischen Indifferentismus, wenn auch das schroffe Absonderungsbestreben, in dern.sich diese Kreise von der religiös gleichgültigen jüdischen Masse trennen, sie ihres Wertes als eines Faktors deutsch-jüdischer Einheit zu einem großen Teile beraubt. Jene Masse aber kann tatsächlich in der jetzigen Gestaltung des deutschen Judentums irgendeine Befriedigung nicht finden. Dem äußern Drucke, der auf ihm lastet, entspricht keineswegs ein inneres Leben. Das deutsche Judentum stellt seinen Angehörigen keinerlei Aufgaben großzügiger Natur, an denen sich die Talente erschöpfen könnten. Der hohe Ruf, der Sitz und die Quelle der Wissenschaft des Judentums zu sein, den Deufschland einmal genoß, ist längst dahin. Aufgaben, die der begabten Strebsamkeit Aussicht auf Erfolg und Ansehen böten, hat das deutsche Judentum nicht zu vergeben, kurzum, es fehlen ihm alle Momente, die das Verbleiben in der Gemeinschaft als angenehm und befriedigend erscheinen lassen könnten. Dafür aber weist es in seinem Innern eine lächerliche und kleinliche Zerrissenheit auf. Die Gemeinden halten ihre Aufgabe für gelöst, wenn sie den dringendsten Forderungen des Tages mit kleinen Palliativmitteln nachgekommen sind und erschöpfen sich im übrigen in der Befriedigung des Ehrgeizes kleiner Lokalgrößen. Und die großen Organisationen bieten kein anderes Bild. Ihnen wie auch den Verwaltungen der Gemeinde ist das gleiche Bestreben eigen, die Masse von irgendeiner Betätigung und Einflußnahme möglichst fernzuhalten. In den Gemeinden sorgt dafür ein veraltetes und reaktionäres Wahlrecht und erreicht damit, daß tatsächlich die große Masse an der Besorgung der öemeindegeschäfte keinerlei Anteil mehr nimmt. Die Organisationen streben demselben Ziele zu durch die autokratische Zentralisation ihrer Verwaltungen, die samt und sonders so eingerichtet sind, daß die große Menge der Mitglieder draußen im Reiche an den Dingen gar keinen Anteil nimmt und nehmen kann, während die ganze Geschäftsführung und die ganze Richtung der Politik der Organisationen in den Händen einiger weniger Leute in Berlin liegt, die zudem gewöhnlich noch dieselben Leute sind: der Präsident der einen Organisation ist der Schriftführer der andern usw. usw., und dabei kann man nicht einmal behaupten, und gerade die jüngsten Ereignisse haben es dargetan, daß, von wenigen Ausnahmen abgesehen und den guten Willen all dieser paar Leute gerne anerkannt, doch gerade diese Kreise die für die Leitung der jüdischen Interessen Deutschlands nötigen Eigenschaften in be~ sonderm Maße besitzen. All diese Vereine, mögen sie heißen, wie sie wollen, Zentralverein, Gemeindebund, Verband deutscher Juden, Hilfsveretn, Alliance usw. usw., haben das Eine gemeinsam, daß die große Zahl ihrer Mitglieder in der Provinz lediglich in der Beitragszahlung ihre Zugehörigkeit zu der betreffenden Organisation zum Ausdruck bringen kann. Es existieren zwar Ortsgruppen und Vereine, die aber niemals zu einer Versammlung zusammentreten oder, wenn dieses schon einmal vorkommt, ist es eine Propagandayersammlung. Die Geschäfte werden in Berlin besorgt, und bei den jährlichen Hauptversammlungen, die gleichfalls regelmäßig in Berlin stattfinden, sind die Vereine gewöhnlich durch einen oder zwei Delegierte vertreten, die aber in der Regel nicht etwa von besonders dazu einberufenen Versammlungen, in denen sie ihr Programm zu entwickeln hätten, gewählt worden sind, sondern die fast ausnahmslos vom Vorstande der Ortsgruppen aus seinen Mitgliedern „delegiert" werden. Die Provinz ist so nicht nur der Mitarbeiterschaft — mit Ausnahme der Agitation — beraubt, sondern das Interesse, das sie an den Organisationen und ihren Verwaltungen nehmen könnte oder müßte, wird auf diese Weise praktisch totgeschlagen. Tatsächlich beruht die ganze Politik all dieser Organisationen in den weitaus meisten Fällen auf den paar „prominenten" Persönlichkeiten der Berliner Judenheit, die jeweils der einen oder andern Organisation ihren Stempel aufdrücken. Das hat natürlich eine krasse Einseitigkeit zur Folge, die in sehr vielen Fällen außerdem in persönliche Rivalitäten manchmal sehr peinlicher Natur ausartet, und wie dies bei den oft erörterten Differenzen zweier der bedeutendsten jüdischen Organisationen Deutschlands der Fall ist, tatsächlich in den Stimmungen und dem Willen ihrer Mitglieder um so weniger einen Rückhalt hat, als ja gewöhnlich die meisten der Mitglieder all dieser Organisationen alles ein und dieselben Personen sind. Durch die Machtlosigkeit der Mitglieder aber und ihre dadurch hervorgerufene Interesselosigkeit ist es möglich, daß solche persönliche Differenzen oftmals von entscheidendem Einfluß auch auf solche jüdische Angelegenheiten werden können, die weit über den Kreis der deutschen Judenheit hinausgehen, wie das manche viel kommentierte Vorgänge der neueren Zeit zur Genüge dargetan haben. Unter diesen Umständen erscheint der Gedanke einer Gesamtorganisation der deutschen oder sei es .auch nur der preußischen Juden sehr verlockend. Und wenn die jetzt vorgeschlagene Zwangsorganisation naturgemäß lediglich eine verwaltungsrechtliche sein kann, so wäre doch damit ein überaus schätzbarer Anfang einer Vereinheitlichung eines großen Teiles der jüdischen Interessen des größten deutschen Staates gemacht — vorausgesetzt, daß bei dieser Organisation von vornherein die Fehler vermieden werden, die die verschiedenen freiwilligen Organisationen der deutschen Judenheit für diese von fast illusorischer Bedeutung gemacht haben. Und da müssen wir zu unserm Bedauern feststellen, daß der vorliegende Entwurf in weitestem Maße und in schärfstem Ausdrucke alle Merkmale der Zentralisation auf das Berliner jüdische „Notabelntum" zeigt, die, wie wir oben ausgeführt haben, bisher für die Entwicklung der deutschen Judenheit so verhängnisvoll geworden ist. Rekapitulieren wir noch einmal die Grundforderungen, die wir an irgendeine Organisation der preußischen oder deutschen Juden zu stellen haben. Sie muß, wenn sie nicht von vornherein ohnmächtig sein und im besten Falle, wenn nicht schädlich, so doch nicht nützlich wirken soll, in engstem Zusammenhang mit der Masse der jüdischen Bevölkerung stehen. Tatsächlich beruht die ganze Existenz der deutschen Judenheit heute noch auf dem starken jüdischen Gefühle, daß sich in der Masse der deutschen Judenheit noch erhalten hat, Wäre die deutsche oder die preußische Judenheit ausschließlich auf das Judentum der paar Notabein angewiesen, die in Berlin oder in den Großgemeinden das Heft in Händen haben, so wäre es trotz des guten Willens und des hervorragenden Geschicks, das einige wenige aus diesen Kreisen aufzuweisen haben, längst vollständig zugrunde gegangen. Denn wenn wir genau nachforschen, finden wir, daß gerade jene Kreise, die heute als die Führer des Judentums gelten, zugleich jene sind, die ihre Kinder dem Taufbecken zuführen oder zum wenigsten durch laxes Gehenlassen dafür sorgen, daß die Vorbeugungsmaßnahmen gegen ein Umsichgreifen der Taufseuche immer mehr außeracht gelassen werden, schon aus dem Grunde, weil es ja das Axiom dieser Kreise ist, daß das Judentum dann sein Ziel erreicht habe, wenn es „nicht mehr nötig" sei. Die jüdische Masse aber zeigt trotz aller Verflachung und Unbildung in jüdischen Dingen, die sich in ihr breit macht, doch noch einen bemerkenswerten Rest von Anhänglichkeit an das Judentum, von einem sichern Gefühle für die Notwendigkeit seiner Forderungen, sie weist ein, wenn auch stark zerrissenes, so doch immerhin noch kenntliches Bild einer gewissen jüdischen Kultur auf — die arg zerstörten Überreste der jüdischen Bildung und des jüdischen Gefühls, die sie noch aus ihren Elternhäusern mitgebracht hat. Darauf beruht die ganze Wohltätigkeitspflege, die in einzelnen Gemeinden, in großen ebenso wie in kleinen, einen oft großartigen Ausdruck findet, darauf beruht überhaupt die ganze Existenz all jener Organisationen, für die einen Beitrag zu zahlen in den meisten Fällen von den Mitgliedern ausschließlich als ein Akt der Wohltätigkeit betrachtet wird. Dieses Gefühl, daß sich das Interesse für die jüdische