Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 17 (23.4.1909)
- Date
- 1909-04-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Wie es zwei Göttinnen Pallas Athene gab, eine, di Göttin des Schildes und des Speeres, die andere die — bürgerlicher Klugheit und industriellen Fleißes, so gibt es für uns zwei Türkeien, — die Türkei der Waffen und der Kämpfe und die Türkei friedliche Gedankens und kultureller Bestrebungen. In die Kämpfe der erstem können und wollen wir uns nicht einmischen; wir warten auf die Ära der zweiten. Möge die erste so schnell als möglich ihre Schwierigkeiten überwinden und möge die Zeit für die letztere bald kommen. Wir wollen hoffen, daß unter den heutigen gefährlichen Umständen, da die fremden Mächte nur auf die Gelegenheit lauern, die Türkei zu zergliedern, und da dunkle Kräfte mit Gewalt der ottomanischen Nation ihre Errungschaften entreißen wollen, der Patriotismus aller Nationalitäten und Parteien, die dem ottomanischen Reich treu sind, hoch genug sein wird, um vorläufig gegenseitigen Beschuldigungen und Streitigkeiten Schweigen aufzuerlegen und um jeden nur das Wohl des Gesamtstaates anstreben zu lassen. N. S. Die Organisation der preußischen Juden Von Julius Berger Die gemeinsame Kommission des Verbandes der deutschen Juden und des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes veröffentlicht soeben den „Entwurf eines Gesetzes, betreffend die Verfassung der Jüdischen Religionsgesellschaft in Preußen". Der Entwurf trägt die Bezeichnung „Zweite Lesung", nachdem der erste Entwurf aus der Feder des Herrn Dr. Rosin seinerzeit an dem lebhaften Widerspruche gescheitert ist, den seine Bestimmungen allüberall erweckten. Ohne sich auf die Einzelheiten einzulassen, kann man jetzt schon sagen, daß die Hauptbedenken, die der Rosinsche Entwurf erwecken mußte, und die hauptsächlich in der Ausdehnung der Machtbefugnisse der geplanten Organisation und ihrer Vertretungen auf die Regelung der religiösen Einrichtungen bestanden, in diesem Entwurf ausgeräumt sind. Ob nicht in dieser speziellen Hinsicht der neue Entwurf noch verbesserungsfähig ist, bleibe hier dahingestellt. Die vorliegende Studie soll ausschließlich der organisatorischen Seite der Frage gewidmet sein. Als damals der durch den Rosinschen Entwurf verursachte Sturm hohe Wellen schlug, konnte man vielfach der Meinung begegnen, daß überhaupt eine Zwangsorganisation der gesamten preußischen Judenheit überflüssig oder gar schädlich sei. Wir sind nicht dieser Meinung. Es scheint uns im Gegenteil, daß eine einheitliche Zusammenfassung der jüdischen Gemeinden Preußens ein überaus erstrebenswertes Ziel darstellt. Allerdings muß es uns nach der Lektüre des Entwurfes scheinen, als ob wir bei der Beurteilung dieser Frage von andern Gesichtspunkten ausgehen als die Urheber dieses Entwurfes. Dem Entwurf liegt eine Begründung nicht bei, fast möchte man sagen, bezeichnenderweise. Um so mehr erachten wir uns für verpflichtet, die Gründe, die uns veranlassen, eine Organisation der preußischen Judenheit zu begrüßen, darzulegen. Der Entwurf soll schon in kurzer Frist von den zuständigen Körperschaften beraten werden. Es erscheint uns als eine Notwendigkeit, daß die jüdische Öffentlichkeit vor diesen Beratungen dazu Stellung nimmt und deren Ergebnis nach Möglichkeit zu beeinflussen sucht. Das deutsche Judentum ist krank. Ober die Art der Krankheit wie über die Heilmittel, die dagegen anzuwenden wären, sind die Meinungen der Herren Ärzte sehr geteilt. Einen Versuch, die Krankheitserscheinungen wenigstens an einem der Hauptglieder zu )annen, stellt der vorliegende Entwarf dar. Ehe wir zj einer Diagnose schreiten, müssen wir uns über die Symptome klar werden. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß das deutsche Judentum, oder besser, daß die deutschen Juden einen sehr bedeutsamen Faktor sowohl innerhalb des Deutschen Reiches wie auch in einem andern Sinne innerhalb der Judenheit darstellen. Nichtsdestoweniger müssen wir feststellen, daß von einem nennenswerten Hervortreten der Judenheit als Gemeinschaft in Deutschland ebensowenig die Rede sein kann, wie davon, daß die deutschen Juden als Gesamtheit auf die Geschicke des jüdischen Volkes selbst bemerkenswerten Einfluß ausüben. Das Judentum in Deutschland ist politisch ohnmächtig. Es ist nicht in der Lage, die einfachsten und natürlichsten Forderungen der Gleichberechtigung, die ihm doch durch die Verfassung gewährleistet ist, durchzusetzen. Tagtäglich erleben wir in dieser Hinsicht die beschämendsten Vorgänge von einer Brutalität und Schärfe, von einer unverhüllten Abscheulichkeit, daß sie unbedingt den tiefsten Einfluß auf die moralische und seelische Eignung des deutschen Juden haben müssen. Der Antisemitismus, die unverhüllte soiiale und ökonomische Deklassierung der Juden, hat in Deutschland immer noch seinen Wurzel- und Nährboden. Der Antagonismus insbesondere der sozial und kulturell hochstehenden Kreise, z. B. der Universitätsprofessoren, gegen alles Jüdische ist so stark, daß er die antisemitische Verwaltungspolitik der Regierungsorgane sehr oft in den Schatten stellt und ein Entgegenkommen dieser Seite in nicht wenigen Fällen zu verhindern weiß. Dem kläglichen Bilde der äußern Lage der deutschen Juden entspricht ihre innere Schwäche und Zerfahrenheit. Erscheinungen einer höchst bezeichnenden moralischen Erkrankung machen sich in schlimmster Weise fühlbar. Die Seuche der Taufe und der Mischehe vergiftet das gesunde Rassengefühl von Tag zu Tag mehr und entreißt der deutschen Judenheit in steigendem Maße gerade die Träger der Intelligenz und der Vermögen. Bemerkenswerte Vorkommnisse der jüngsten Zeit zeigen, daß unter dem Einfluß dieser Krankheit auch das gesunde Gefühl solcher Kreise bereits erheblich Schaden gelitten hat, denen die Leitung der Geschicke der deutschen Judenheit anvertraut ist und die nach ihrer ganzen Stellung berufen sein müßten, in erster Linie auf die Integrität des jüdischen Volkskörpers zu achten. Bereits geht man dazu über, sich in der Weise mit den vorhandenen Zuständen abzugeben, daß man sich der Volksverräter als Vermittler bei den herrschenden und unterdrückenden Gewalten bedient. Nachdem die bürgerlichen Parteien ohne Unterschied der Richtung den Juden die Möglichkeit nehmen, ihre Interessen durch eigene Vertreter politisch-öffentlich zur Geltung zu bringen, beginnen weite und leider maßgebende Kreise der Judenheit damit, von der Gnade des Renegaten eine wohlwollende Berücksichtigung der jüdischen Forderungen zu erhoffen. Die scharfen Grenzen, die der gesunde Sinn und das starke moralische Gefühl früherer Jahrhunderte zwischen dem Volk und dem Volksdeserteur zogen, haben einer auf seichten Phrasen von Gewissensfreiheit und politischer Disziplin beruhenden mildern Auffassung Platz gemacht, die in Wahrheit nichts anderes darstellt als eine dekadente Erschlaffung, die endlich zur vollständigen Zerstörung des jüdischen Volkstums führen muß. Betrachten wir die Gründe näher, die gerade sozial und intellektuell hervorragenden Schichten der deutschen Judenheit das Interesse an ihrem Volke nimmt und sie veranlaßt, sich den unbequemen Folgerungen, die aus ihrer Zugehörigkeit zum jüdischen Volke resultieren, zu entziehen, so finden wir, daß sie zu einem großen Teil oder vielleicht nur auf dem Mangel an Gegenwerten beruht, den das deutsche Judentum in seiner heutigen Struktur seinen Angehörigen für eben jene unangenehmen Konsequenzen bietet. So wie das deutsche Judentum heute beschaffen ist, gewährt es seinen Angehörigen tatsächlich nur äußerst geringen Inhalt, wobei von jener Minderheit, die in der strikten Befolgung religiöser Vor-