Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 17 (23.4.1909)
- Date
- 1909-04-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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- Tunis 1× ep/1048155
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durch die Großmachtstellung und geschützt durch die Gerechtigkeitsliebe. Es ist die Politik des Friedens, die dengesamten ottomanischen Interessen am dienlichsten ist. Es ist die Politik der Neutralität, welche jeden Anteil an fremden Zwisten und ehrgeizigen Plänen auf fremden Gebieten abweist und deren Eindringen in die eignen Grenzen abwehrt. Und da erstreckt sich vor den Augen des weisen Reformators im Innern des Reiches ein unermeßliches Gebiet von dringenden Problemen! Die schuldige Rücksicht auf die Interessen der Bevölkerung und die Wohlfahrt des Staates verlangt es zunächst, daß die Finanzen auf einer so gesunden und vernünftigen Basis ruhen sollten, daß dadurch die Sicherheit und das Vertrauen gestärkt, daß das Volk, von unsern heutigen Wirtschaftsbegriffen nicht mehr entsprechenden Steuern (beispielsweise dem „Oscher") befreit wird, während zugleich die nötige Rücksicht auf die Interessen der Erhaltung des Staats und der Besoldung seiner Beamten genommen wird. Die Sorge für das Eigentum des Landes und die Bedürfnisse der zukünftigen Ansiedler — und das ist ein Punkt, der uns am meisten interessiert — erfordern, daß die veralteten Beschränkungen abgeschafft, daß eine Hypothekarordnung eingerichtet wird, daß die Staatsdomänen nicht der Verwahrlosung und Verödung anheimfallen. Das Volk verlangt eine Reform der Staatsverwaltung. Als Mittel zu diesem Zweck sollte die Zivildienstreform in Kraft gesetzt werden. Die Bürger haben eine Berechtigung auf Schutz gegen die Untüchtigkeit der Staatsbeamten, die ihre Stellen lediglich auf dem Wege der Protektion erhalten, sowie gegen die verderblichen Einflüsse der ansteckenden Krankheit der Bestechlichkeit. Diejenigen, welche eine öffentliche Anstellung auf würdige Weise suchen, sollen ein Recht haben, darauf zu bestehen, daß nicht Liebedienerei oder die Verzichtleistung auf ein ehrliches politisches Glaubensbekenntnis, sondern Verdienst und Tüchtigkeit, ohne Rücksicht auf Nationalität und Religion, Anerkennung finden sollen. Diese Gegenstände und nicht die Phraseologie „jungtürkisch", „liberal", „Union", „Mahommed-Liga" u. dergl. sollten die Aufmerksamkeit und das patriotische Bemühen aller in Anspruch nehmen, welche die Gesetze machen und ausführen. Diese Pflichten sind praktischer Art und verlangen eifrige Hingabe, Einsicht und Verständnis für die Forderungen des öffentlichen Lebens und vor allem einen festen Entschluß durch vereintes Handeln, sämtlichen Nationalitäten des Reichs die vollen Wohltaten der neuen, freien Regierungsform zu sichern. Das war keine Frage von Islam, Judentum oder Christentum, überhaupt keine religiöse Frage. Daß der Islam eine große Macht darstellt, die sich nicht wegdisputieren läßt, ist selbstverständlich. Wenn sich die Gläubigen durch die neue Wendung der Dinge beunruhigt fühlten, so war es ihre Pflicht, erstens abzuwarten, ob wirklich gegen den Glauben etwas unternommen wurde, und zweitens jeden Angriff abzuwehren — auf dem Wege der Verfassung. Von den .kleinlichen innern Differenzen sollten sie ihre Gedanken abwenden und auf die wirkliche Gefahr richten, die drohend naht: das Vorrücken der Großmächte. Man sollte im Angesichte des Unheils, das die Staatsinteressen zu schädigen geeignet ist, alle kleinern Erwägungen beiseite lassen. War ja einer der Hauptzwecke, die ottomanische Einheit zu erhalten! Die Geschichte sollte hier zur Lehrmeisterin werden! Seit 80 Jahren hat man hier ein Stück und da ein Stück vom ottomanischen Kaiserreich abgerissen, und die Türkei hat sich schließlich, getreu dem Fatalismus des Islam, in das Unvermeidliche gefügt. Seit Anfang des 19. Jahrhunderts waren zahlreiche Kämpfe: die Türkei kämpfte mit Rußland, mit den sie umgebenden Nomadenstämmen, mit Griechenland, dann erlebten wir den Krimkrieg, darauf den russisch-türkischen Kampf vom Jahre 1878 u. dergl. mehr. Stets wurde ein Stück vom Mantel der ottomanischen Herrscher abgeschnitten. Der Nachfolger jenes Mohammeds IL, vor dem die Welt einst erzitterte und der ein Reich besaß, welches sich von Wien bis Indien, vom Adriatischen Meer bis zum Ural ausdehnte, konnte keinen Widerstand mehr leisten. Rumänien, Serbien, Bulgarien, Griechenland und Montenegro nahmen sich ihren Teil, und die Türkei übte Entsagung. Schon im Jahre 1830 gestattete sie den Franzosen, Algier zu besetzen, ließ es zu, daß Frankreich Tunis einverleibte, zollte den Engländern Beifall, als sie Zypern besetzten und kurz darauf auch Ägypten okkupierten. Sie vermochte nicht einmal gegen die Niederlegung der nationalen Würde vor die Füße der allmächtigen Bezwinger Protest zu erheben. Wohin hat sie das alte Regime geführt! Ihre letzte Geschichte besteht aus einer Reihe von Kniebeugungen, von Akten der Ohnmacht und der Zerknirschung. Die Freiheitskämpfer nur, die, welche noch in der Art der frühern türkischen Helden empfinden, wurden schamrot bei dieser ekelerregenden Unterwürfigkeit. Sie sind es, die für die Einheit des Osmanenreichs eintreten, aber die letzten Vorgänge legen wiedermals die Gefahr nahe, aus der Türkei eine Strohpuppe zu machen, mit der die Fremden Fangball spielen könnten. Ist dieser Gedanke allein nicht mächtig genug, die Parteileidenschaften zu zähmen und den friedlichen Prozeß der innern Umformung wieder aufzunehmen? Also geschehen wirklich keine Wunder! . . . Denn ein Wunder wäre es zu nennen, wenn der Umwandlungsprozeß des ottomanischen Reichs wie eine Idylle sich abgespielt hätte. . . Ein halbes Jahr hat die heldenmütige Kämpferschar der Freiheit ihren heroischen Kampf mit den Waffen des Friedens geführt. Kurze Zeit noch, und alles wäre vielleicht vollständig organisiert. Aber es war der Türkei nicht vergönnt, so leicht und ganz ohne Opfer das Ziel der Freiheit zu erreichen. Wir stehen nun vor großen, gefährlichen und schicksalsschweren Ereignissen. Was uns anbelangt, so ist die wichtigste Lehre, welche wir aus dem Hexensabbat der Wirren ziehen sollten, die Erkenntnis, daß wir mit unsern Bestrebungen sichere und geregelte Verhältnisse abwarten müssen. Man wiederholt noch immer, es sei eine Unterlassungssünde gewesen, daß wir nicht gleich nach dem Umschwünge der Türkei „zugegriffen" haben, — mit mildern Worten: daß wir keine „Parole" ausgegeben hatten. Das ist Floskel, und nichts weiter. Eine solche Politik wäre ein Hazardspiel. Wir haben unsere Haltung natürlich nach einer unbefangenen Würdigung der Tatsachen und einer besonnenen Erwägung unserer Interessen eingerichtet, wiewohl unter den Triebfedern unserer Politik der ehrliche Wunsch, die Türkei möge so schnell als mögiich ein moderner Rechtsstaat werden, eine wesentliche Rolle mitspielte. Aber eine Überstürzung wäre unserseits ein verhängnisvoller Fehler. Das haben nun auch die Ereignisse bestätigt. '