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Die Welt · 1909-04-16 · 16 (16.4.1909) · page 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
16 (16.4.1909)
Date
1909-04-16
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Wenn die Institute in allen ihren Teilen in Betrieb sind, so wird für diesen Zweck außerdem jährlich ein Betrag von 80000 bis 100000 Frcs. erforderlich sein. Erwägungen der jüdischen Nächstenliebe und Erwägungen einer vorausschauenden jüdischen Politik mahnen aber gemeinsam unsere besser gestellten Glaubensgenossen in der ganzen Welt, sich der orientalischen Judenheit in dieser Schicksalsstunde anzunehmen. Heute steht bereits ein 47000 qm großes Terrain in Haifa für das Unternehmen zur Verfügung, die baulichen Vorarbeiten sind in Angriff genommen, und die Baupläne werden demnächst entworfen werden. Das Technikum wird das erste im Orient sein, eine Kulturtat von lang fortwirkendem Segen (lebhafter Beifall). Es ist vom Hilfsverein und der Wolf Wissotzky-Stiftung eine selbständige Gesellschaft für das Technikum ins Leben gerufen, mit der der Hilfsverein der Deutschen Juden durch Personalunion verbunden sein wird; der Vorsitzende des Hilfsvereins, Herr James Simon, wird auch der Vorsitzende dieser Gesellschaft sein, in der auch das Wissotzky-Kuratorium und hervorragende amerikanische Persönlichkeiten vertreten sind. Alsdann berichtete der Generalsekretär des Hilfsvereins, Heif Dr. Bernh. Kahn, über die Tätigkeit des Hilfsvereins für unsere russischen Glaubensgenossen und auf dem Gebiete des Aus wanderungswesens. Herr Bankdirektor Ernst Simon, Schatzmeister des Hilfsvereins im Ehrenamt, erstattete sodann den Kassenbericht. Das Kapital des Vereins ist von 249000 Jl im Jahre 1907 auf 264 000 JC im Jahre 1908 gestiegen. Das Vermögen des Vereins ist von 956 000 Jf am 31. Dezember 1907 auf 1012000 J(, am 31. Dezember 1908 gestiegen. Die Generalversammlnng genehmigt den Geschäftsbericht und erteilt der Verwaltung Entlastung. Herr Simon hebt noch hervor, daß das Werk des Technikums auch noch von andern Persönlichkeiten in Deutschland wie in Rußland und Amerika materiell gefördert wird. Auch der Jüdische Nationalfonds werde dem Hilfsverein ein Kapital für den Zweck zur Verfügung stellen. Aus der Versammlung wird dem Vorsitzenden Herrn James Simon und dem gesamten Vorstand für die vielfältige Mühewaltung zugunsten der notleidenden und bedrückten Juden Dank und Anerkennung ausgesprochen. Adolf Sonnenthal Die Größe dieses Mannes gebietet uns, nur in den einfachsten Worten von ihm zu sprechen. Er war nicht bloß Künstler, nicht nur das Herz einer erlesenen Künstlerschar, die das Burgtheater bildet. Der jüdische Schneidergeselle, der den steilen Weg der Unsterblichkeit erklommen hat und zum größten Schauspieler deutscher Zunge emporgewachsen ist, besaß nicht nur die Eigenschaften, die den Erfolg auf der Schaubühne bedingen. Seine Gestalt erstrahlte in Majestät, die seine Seele erfüllte, Majestät und Herzensgüte. Weil er sich so bezaubernd lächelnd allen näherte, fühlten sie die Distanz und wußten, daß ein Geweihter vor ihnen steht. — Adolf Sonnenthal war.ein Jude. Nichts wäre geschmackloser, als die Weise — „denn er war unser" — anzu1 stimmen. Doch Selbstverleugnung wäre es, wollten wir in Abrede stellen, daß es vor allem jüdische Tugenden waren, in jahrhundertelanger Zucht erarbeitete und schmerzvoll erstrittene, die ihn wie ein Diadem schmückten. Adolf Sonnenthal war der jüdische „Masmid", der sich eine neue Welt eroberte. Der ewig Lernende, unermüdlich an sich Arbeitende, rastlos der Vollendung Zustrebende, sich stets Erneuende. Er war kein blendendes, rasch aufleuchtendes Meteor. Kämpfend, ringend, bannte er sich den Weg zur Höhe, zu den unverlierbaren Sternen. Wie er die deutsche Sprache erst lernen mußte, um einer ihrer Meister zu werden, so lernte er mit dem Eifer eines Wilnaer Gaon, aber auch mit dem Herzen und der ganzen Seele ein halbes Jahrhundert hindurch und verarbeitete in seinem Wesen, immer sich selbst treu bleibend, die Ergebnisse der Kunstentwicklung zweier vorwärtsstürmender Generationen. Sonnenthal ist 76 Jahre alt geworden, seinen Ruhm hat er nicht überlebt. Von einem Rollenfache nach dem andern mußte er Abschied nehmen. Es war aber kein Altwerden, es war ein stetiges Reifen. Nur die Ältesten gedenken Sonnenthals, des jungen Liebhabers und gewandten Weltmanns. Die Gestalten, die er als Graukopf und Greis geschaffen hat —- Lear, Wallenstein, Fabricius, Fuhrmann Henschel — überstrahlen die Gestalten des jungen Sonnenthal. Arthur Schnitzler sagt irgendwo, daß die Juden, wenn sie alt werden, einen Zug väterlicher Güte erhalten, die sie besonders sympathisch macht. Die bezwingende große Liebe, die sein zartfühlendes Herz erfüllte, verlieh ihm ein verzeihendes, unwiderstehliches Lächeln, beseelte seine Stimme, die alle Töne des Herzens beherrschte, gab ihm einen besondern Zauber. Er liebte die Menschen, obwohl er ihre Schwächen kannte, darum liebten die Menschen ihn. Das ist der Ursprung seiner Größe. Weil er dem jüdischen Wissensdrang und Lerndurst ergeben war und das glühende, schmerzerfüllte Herz eines Propheten besaß, vermochte es der jüdische Schneidergeselle, in das Geheimnis der Dichterwelt einzudringen, das Menschlichste an seinen Helden zu erschauen, so rührend einfach zu sprechen, so ergreifend zu schluchzen und einer der größten Schauspieler aller Zeiten zu werden. Ein Zwischenfall Die Beerdigung Sonnenthals wurde von einem jüdischliberalen Versuch nicht verschont, eine Versöhnung mit den Antisemiten anzubahnen. Die Gemeinde Wien und deren Bürgermeister, der Führer der Christlichsozialen Dr. Karl Lueger, standen vor dem Dilemma, den Tod des größten Wiener Schauspielers, dem Wien „zur zweiten Vaterstadt" geworden ist, zu ignorieren, weil der Künstler „als Jude gelebt hat und als Jude begraben werden wollte" (aus dem Testamente Sonnenthals), und sich vor ganz Europa zu blamieren, oder aber Vorurteilslosigkeit zu markieren, um Kunstfreundlichkeit zu heucheln. Dr. Karl Lueger wählte den zweiten Weg. Er versicherte die Familie des großen Toten im Namen des Gemeinderats seines Mitgefühls und entsandte den Vizebürgermeister Dr. Hierhammer zum Leichenbegängnis Sonnenthals. Darin erblickte Herr Baurat Stiassny, der im Namen des Jüdischen Museums das Wort ergriffen hat, ein Wahrzeichen der neuen Zeit. Er knüpfte an den Spruch „Der Gerechten Tod versöhnt" - an und gab dem Wunsche nach einer Versöhnung aller Bürger Wiens Ausdruck. Er glaubte sogar schon Anzeichen dafür zir sehen. ■ Wir glauben zwar, daß der Händedruck, den die Herren Vizebürgermeister Dr. Hierhammer und Baurat Stiassny getauscht haben, ein herzlich unbedeutendes Ereignis ist. Aber festgestellt muß werden, daß wir kein Bedürfnis haben, den Christlichsozialen nachzulaufen und eine Versöhnung mit ihnen anzustreben. Die obern zehntausend Juden Wiens haben sich mit der antisemitischen Herrschaft freilich längst abgefunden und versöhnt. Der Geschäftsverkehr wurde, glauben wir, kaum jemals unterbrochen. Aber Herr Stiassny war bis nun von diesen Juden wohltuend zu unterscheiden. Die sogenannten liberalen Blätter haben sich, nebenbei bemerkt, bei dieser Gelegenheit wieder ausgezeichnet. Die Herren Oberrabbiner Dr. Güdemann und Präsident der jüdischen Gemeinde Wiens, Dr. Stern, haben in ihren Grabreden mit Nachdruck hervorgehoben, daß Sonnenthal -- Jude war. Die meisten „liberalen" Zeitungen die „Neue Freie Presse" allen voran — haben diese an das Judentum Sonnenthals gemahnenden Reden einfach unterdrückt . . . Am nächsten Tag erst brachte die „Neue Freie Presse" eine klägliche Ergänzung ihres Berichts, in dem sie von „Glaubensstärke" verblümt faselte. ^KORRESPONDENZEN^ Diese Rubrik, für die die Redaktion keine Verantwortung trägt, ist Zuschriften aus dem Leserkreise zum freien Meinungsaustausch offen English Zionist Federation Sehr geehrter Herr! In dem Berichte über die jüngst in Leeds abgehaltene zionistische Versammlung, *der in der jüdischen Presse erschienen ist, figurieren, unter anderen, die Herren Israel Cohen und S. Goldreich als Delegierte der „London Zionist League". Als Präsident der „London Zionist League" erkläre ich hiermit, daß unsere League keine Delegierten nach Leeds geschickt hat und diese Herren nicht berechtigt waren, dort als solche aufzutreten. Sie hatten kein Recht mitzustimmen, und demzufolge ist die ganze Wahl durch ihre unauthorisierte Teilnahme ungültig, ihre eigene Wahl zu Mitgliedern der neuen Exekutive muß überdies für* null und nichtig erklärt werden. Denn die Statuten der „English Zionist Federation" bestimmen ausdrücklich, daß nur Delegierte gewählt werden können. Ich ersuche Sie hiermit, diese Mitteilung ohne Abkürzung in

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