Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 16 (16.4.1909)
- Date
- 1909-04-16
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 16 . ' -= DIE] Rede davon sein kann, die Cyrenaica als ein für die jüdische Kolonisation geeignetes Territorium anzusehen, und daß sich daher die Ito genötigt sieht, von diesem Plane abzustehen. Der offizielle Beschluß des Rates defr Ito, wie er dem Berichte vorangesetzt ist, lautet: „Daß nach der Meinung des Rates gegenwärtig keine weitere Aktion mit Bezug auf die Cyrenaica unternommen werden soll, da die Aussichten für Kolonisation in diesem Lande gemäß den Grundsätzen und dem Zwecke der Ito nicht hinreichend günstig erscheinen, um die in dem Berichte angeregten kostspieligen Experimente zu rechtfertigen." Der Bericht des Leiters der Expedition, Professors W. Gregory von der Universität in Glasgow, besagt, daß er das Land für ungeeignet halten muß, einer großen Kolonisation zu dienen, da einmal Wasser sehr spärlich daselbst ist, da das Land weniger fruchtbar ist, als frühere Berichte besagten, und da die einheimische Bevölkerung zahlreicher ist, als man erwartet hatte. Mineralien in abbauwürdiger Menge wurden nicht gefunden; das Gedeihen des Landes ist offenbar von den Erträgnissen seines Ackerbaues und seiner Viehzucht abhängig, und diese wiederum sind bedingt durch das Vorkommen von Wasser. In dieser Hinsicht ist das Land aber ganz auf den Regenfall angewiesen, ständige Flüsse gibt es nicht, da der poröse Boden das Wasser aufsaugt und seine Ansammlung ökonomisch unpraktisch macht Spärliche Regenfälle haben in frühern Jahren Seuchen verursacht. Heuschrecken sind häufig und verursachen oft Schaden. Das Klima ist ausgezeichnet. Mr. Zangwill verbirgt nicht seine Enttäuschung. Er spricht von der Cyrenaica als von einem „verlorenen irdischen Paradies" und betont die günstige Lage des Landes für eine jüdische Kolonisation, da es den jüdischen Zentren, Rußland und Rumänien so nahe liegt; er kann sich nicht versagen, diesem Phantom noch in seinem Zerstieben eine angebliche Überlegenheit gegenüber Palästina nachzurühmen, vor dem es die „Unheiligkeit" voraushabe, die Palästina zum Spielball der Völker macht. Dann aber bezeichnet er den Bericht als „tragisch und unerwartet". Das trockne Licht .der Wissenschaft beleuchtet ein trocknes Land. Die englisch-jüdische Presse rügt die seltsame Art der Veröffentlichung dieses Mißerfolges. Zu einer Zeit, da der Bericht den Eingeweihten längst bekannt war, da der Beschluß des Rates der Ito, die Sache aufzugeben, schon gefaßt war, habe man den Bericht in einer Form angekündigt, die allüberall den Glauben erwecken mußte, die Ito sei in der Lage, der jüdischen Welt etwas Großes zu bieten. Man habe eben die Aufbauschung, auf der die Ito beruht, bis zum letzten Augenblick aufrecht erhalten, um dann allerdings um so vollständiger zusammenzubrechen. „Daily News", London, erwartet von der bitteren Enttäuschung, die Zangwills Anhänger befallen müsse, ernste Konsequenzen für die Zukunft des Itoisnius. Wir unserseits können in unser Bedauern über die viele nutzlos vergeudete Arbeit, die das bisherige Wirken der Ito auszeichnet, nur die Hoffnung mischen, daß die Enttäuschung, die kommen mußte, das eine Gute haben möge, daß sie die schätzbaren Kräfte, die die Ito in sich birgt, dazu bringe, ihre Energie anstatt unsinnigen und unrealisierbaren Phantomen, wieder der gesunden Volksbewegung zuzuwenden, die einzig und allein die Lösung der Judenfrage verbürgt, und von der sie sich zu ihrem eigenen Schaden und dem jüdischen Volke nicht zum Nutzen losgelöst haben. Hilfsverein der Deutschen Juden Am Sonntag den 28. März fand im. Hotel Prinz Albrecht unter dem Vorsitz des Herrn James Simon eine Sitzung des Zentralkomitees und in unmittelbarem Anschluß daran die ordentliche Mitgliederversammlung des Hilfsvereins der Deutschen Juden statt. Beide Versammlungen waren sehr gut auch von auswärts besucht. Es waren Vertreter auswärtiger Komitees des Hilfsvereins und Zentralkomiteemitglieder aus Frankfurt/M., Posen, Bromberg, Königsberg, Hamburg, Leipzig, Thorn, Dessau und Tilsit erschienen. In der Generalversammlung der Mitglieder wurde in kurzem Abriß der Geschäftsbericht erstattet. Der Vorsitzende stellte zur lebhaften Genugtuung der Versammelten fest, daß der Verein sich in bester Entwicklung befindet. Die Mitgliederzahl ist von 18000 auf über 20000 gestiegen. Die Mitgliederbeiträge haben sich auf 151000 Ji erhöht. Der Vorsitzende bringt unter lebhaftem Beifall der Versammelten der Familie Wissotzky und Herrn Jacob H. Schiff in New York für ihre großherzigen Stiftungen seinen Dank zum Ausdruck. Die Familie Wissotzkj' hat bereits im vorigen Jahre für das Technikum in Haifa 100000 Rubel gewährt, und Herr Jacob H. Schiff stellt &ELT 347 für den gleichen Zweck 100000 Dollar zur Verfügung. Auch dem frühern Dumaabgeordneten Herrn Dr. Schmarjah Levin, der in der Versammlung anwesend war, sprach der Vorsitzende für seine erfolgreichen Verhandlungen in den Vereinigten Staaten zur Förderung des hochbedeutsamen Unternehmens den Dank des Hilfsvereins aus. Herr Simon gibt alsdann einen kurzen Überblick über die Tätigkeit des Hilfsvereins in Galizien, Rumänien und Bulgarien. Nach Herrn James Simon berichtet der Geschäftsführer i. E., Herr Dr. Nathan, über das Schulwesen des Hilfsvereins in der Türkei. Er gibt einen Überblick über die Grundsätze, nach denen es organisiert und aufgebaut ist. Die Umwälzung in der Türkei, die ganz überraschend erfolgte, ist folge- und aussichtsreich auch für die orientalischen Juden, wie in weiterer Wirkung für die osteuropäischen Juden in ihrer Gesamtheit. Es werden jetzt in der Türkei Rechtsgarantien für die Bürger geschaffen, die auch den Juden zugute kommen. Man kann ferner annehmen, daß die wirtschaftlichen Verhältnisse sich ganz wesentlich bessern werden. In Berücksichtigung der Verhältnisse im Orient, mit denen bereits in der alten Türkei zu rechnen war, hat der Hilfsverein sein Schulwerk organisiert, und die Neuordnung der Dinge gibt diesem Vorgehen noch eine erhöhte Bedeutung. Zunächst werden, soweit möglich, Kindergärten als Fundament untergelegt; in diesen Instituten ist die Unterrichts- und Umgangssprache hebräisch. Die Vielsprachigkeit unter den Juden im Orient, die aus den verschiedensten Ländern der Welt stammen, zwingt dazu, eine Sprache als Binde- und Verständigungsmittel für alle Länder einzuführen. Unter rein pädagogischen Gesichtspunkten wurde das Hebräische gewählt, das die Juden des Orients zusammenhält. Nach Absolvierung des Kindergartens kommen die Kinder in verschiedenartig eingerichtete Schulen, einerseitsLand- und anderseits Stadtschulen, und zwar Elementar- und höhere Schulen mit einem den Bedürfnissen des Ortes entsprechenden Programm. Überall wird die Landessprache, Arabisch oder Türkisch, sowie Hebräisch gelehrt, in den Dörfern alsdann noch die Realien. In den Städten kommt gegebenenfalls eine Kultursprache resp. soweit erforderlich, noch eine weitere hinzu, Deutsch oder nach örtlichen Erfordernissen eventuell andere Kultursprachen. Die Kenntnis des Deutschen ist jetzt infolge der Ausbreitung des deutschen Handels im Orient von großer Wichtigkeit. Zur Heranbildung von Lehrern im Orient ist ein Lehrerseminar in Jerusalem begründet, wo sie Art und Geist des Orients als Lebens- und Bildungsatrnosphäre umgibt, ferner ebendaselbst eine Handelsrealschule, wo auch Französisch und Englisch gelehrt wird. Zwei große Aufgaben sind alsdann noch zu realisieren : einerseits die Reorganisation der Taimud-Thoraschulen im Orient, wo im wesentlichen nur Talmud gelernt wird und keine praktischen Kenntnisse vermittelt werden. Die Zöglinge dieser Schulen sind nicht für das Leben vorbereitet und können sich daher ihr Brot nicht verdienen, sondern sind zum Schaden für sich selbst und die Gesamtheit auf die Chalukkah angewiesen. Die Reorganisation soll ohne Verrü ckung der religiösen Grundlage der Institute erfolgen, — nur durch Modernisierung der Methoden und zeitgemäße Erweiterung des Lehrplans, indem auch die Realien in den Unterrichtsplan aufgenommen werden. Dies würde zu einer Regeneration des eingesessenen Judentums führen. Sodann zeigt sich auch bei einer flüchtigen Durchquerting türkischen Gebietes, welch außerordentliche Bedeutung die moderne Technik für die Entwicklung des Landes hat. Das Land ist in starkem Aufschwung begriffen, dort wo es moderne Straßenanlagen und wo es Eisenbahnen gibt. Der Seeverkehr hebt sich, wo Kaianlagen vorhanden sind, während jene Gebiete, die dieser Segnung noch entbehren, in tiefstem Verfall liegen und zwar selbst solche Gegenden, die nachweislich im Altertum zü hoher Kultur gelangt waren. Gelingt es, jüdische Techniker in leitende Stellungen hineinzubringen, so wird es alsdann auch möglich sein, eine große Anzahl jüdischer Arbeiter, die den Technikern unterstellt sind, zu beschäftigen. Entwickelt sich der Orient, wie vorauszusehen, und nehmen an dieser Entwicklung des Orients unsere in der Türkei wohnhaften Glaubensgenossen einen hervorragenden Anteil, so wird es alsdann möglich sein, russische, galizische, rumänische Juden, die unter so furchtbaren Verhältnissen jetzt leben müssen, nach Asien hinüberzuführen und damit einen Teil wenigstens der Auswanderung, unter Umständen einen sehr erheblichen Teil der jüdischen Auswanderung von den jetzigen Zielpunkten, den überfüllten Kulturländern und von den Vereinigten Staaten ab- und in den Orient hinzulenken. Für diese Aufgaben sollte ein Technikum für die jüdische Jugend errichtet werden. Die Kosten für das Unternehmen wären in runder Summe etwa auf 700000 Frcs. zu bemessen