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Die Welt · 1909-04-16 · 16 (16.4.1909) · page 12

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
16 (16.4.1909)
Date
1909-04-16
Page
– (sequence 12)
Language
German
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sieht, daß der Stab der Mitarbeiter Herzls fast ganz ausgestorben ist Nach dem wackeren Kokesch der beredte Kahn und jetzt unser lieber, guter Marmorek: Wir werden seiner immer gedenken." Im Anschluß an diese Ausführungen des Abg. Stand wollen wir bemerken, daß Baurat Marmorek vor einigen Wochen eine Anfrage erhielt, ob er nach Palästina gehen wolle, um den Bau des Haifaer Technikums zu leiten. Der Verblichene war sehr erfreut über dieses Angebot. Ein Gedenkblatt Oskar Marmorek ist tot. In Kreisen, welche sonst fernab von öffentlicher, allgemeiner oder jüdischer Tätigkeit liegen, wird die Trauerkunde widerklingen. Weithin in die niederen Hütten hinein wird die vielgeschäftige Presse Kunde bringen von einem Leben von künstlerischer Schönheit, geschmückt mit der Krone des Erfolges und des Ruhmes, das ein so jähes Ende gefunden hat. Die nichtjüdischen Blätter in slawischen Sprachen, die ich hier lese, widmen dem „verdienstvollen Architekten" begeisterte Nachrufe, die jüdischen überbieten sich in der Darstellung der Einzelheiten des Unglücks. Für uns Zionisten ist dieses furchtbar traurige Ereignis ein Fall von außergewöhnlicher Tragik. In der Erinnerung der getreuen Besucher unserer Kongresse leben wieder jene Momente auf, als Oskar Marmorek lebhaft, beweglich, ewig aufgeregt wie er war, seine Gegenwart und seinen Eifer in allen Winkeln fühlbar machte und als er von der Tätigkeit des Aktionskomitees Bericht erstattete. Ein meteorgleicher Stern ist erloschen, aufgestiegen in großer Pracht an dem Horizont moderner, künstlerischer Kultur. Oskar Marmorek war eine ausgeprägte Individualität. Aber doch war er kein einsames Irrlicht in 'den Reihen der Pioniere unserer Idee. Er war vielmehr der lebendigste Ausdruck einer siegreich vordringenden jüdischen Strömung in den höchsten Kreisen unserer Intelligenz; sein Name war nicht nur der seinige, aber der eines Hauses, einer genialen Brüdergruppe, von denen jeder auf seinem Gebiete Großartiges geleistet und die zu den ersten gehörten, die sich unserm Herzl angeschlossen hatten. In seiner beruflichen Tätigkeit war Oskar Marmorek ein Künstler. Der Baukünstler ist eben viel mehr als ein bloßer Architekt. Er hat einem Bau Leben zu geben. Da gilt es, fein abzuwägen zwischen geistigem Genuß und bloßer Augenweide, und hierzu braucht man einen langgeschulten Geschmack, das Auge des Malers und die Phantasie des Dichters. In dem Formenwohllaut seiner Architektonik kündigte sich unverkennbar eine Gemütsneigung an, die ihn zu archäologischer Korrektheit, zu stilvoller Pracht, zu historischer Wahrheit, Echtheit und Eigenart mächtig zog. Wenn wir zu diesen künstlerischen Anlagen das Grundelement hinzufügen, das der verewigte Meister aus seinem elterlichen Hause im Tiefsten seines Herzens mit sich in die Welt trug: die unendliche Liebe und Anhänglichkeit zu seinem Volke, so begreifen wir es, wie Oskar Marmorek zu dem geworden ist, was er für uns war: zu einem der Baumeister unserer Zukunft, der die Phantasie eines Herzl in seinem „Altneuland" begeistern konnte. Oskar Marmorek stellte seine in voller Frische blühende Kraft dem Zionismus zur Verfügung. Er nahm es ernsthaft mit der Gründung der zionistischen Organisation. Das Vertrauen, das Herzl zum Fleiß und zur Energie Oskar Marmoreks gewonnen, bewog ihn, gleich am Anfang ihm die wichtigsten Funktionen anzuvertrauen. Oskar Marmorek folgte dieser Aufforderung nicht leichten Herzens; aber es erschien ihm als eine Pflicht gegen die Organisation, sich diesem Rufe nicht zu versagen. Von geringerm Vertrauen auf seine Kraft und sein Vermögen, als er es hegen durfte, erachtete er die Schwierigkeiten seiner Aufgabe um so größer. Wenn auch nicht zuversichtlich, ging er doch guten Mutes ans Werk. Mit wie selbstloser Hingebung, mit welcher Unermüdlichkeit der Verblichene sich diesen freiwilligen Pflichten widmete, wissen nur die, welche ihm in jenen Tagen nähergestanden. Ich war in den ersten Jahren der zionistischen Tätigkeit ab und zu in Wien und konnte die Arbeit Marmoreks beobachten. Es lag ihm ob, in der Öffentlichkeit hier und da aufzutreten, im Aktionskomitee als Schriftführer zu fungieren und im Namen Herzls wählend dessen häufig vorkommender Abwesenheit die ungeheure Korrespondenz wenigstens teilweise zu erledigen. Aber nicht nur hier hatte der unermüdliche Marmorek zu beaufsichtigen und zu sorgen. Er hatte auch politische Reisen und strapazenreiche Expeditionsreisen zu machen und von Zeit zu Zeit die Redaktion unseres Parteiorgans zu kontrollieren. An Differenzen und Schwierigkeiten hat es selbstverständlich auch in jenem Stadium der ersten Arbeiten nicht gefehlt. Und Oskar Marmorek war bekanntlich ein lebhafter, fast ungestümer Geist. Er war nicht geeignet, etwaige Anstöße beruhigend, begütigend, vermittelnd, am allerwenigsten aber kunktatorisch aus dem Wege zu räumen. Aber er besaß einen andern Talisman: die natürliche, schlichte, oftmals aufbrausende Offenherzigkeit, die Willenskraft und die unverkümmerte Freudigkeit des Herzens. Soweit sich seine Tätigkeit offenbarte, war sie sowohl in Beziehung auf ihre Rechtlichkeit als auf ihre Zweckmäßigkeit anerkennenswert. Vor allem fehlte er nirgends, wo seine Anwesenheit irgendwie von Nutzen war und wo er sich eine wichtige Belehrung schaffen konnte. Man sah ihn nicht nur bei den Kongressen, wo er eine hervorragende Rolle spielte, sondern auch bei allen Konferenzen; er verfolgte eine Sache, die ihn interessierte bis in die letzten Konsequenzen; er bemühte sich, bei schwierigen oder erregten Situationen persönlich einzugreifen, und ich will hier so genau als möglich sein: Oskar Marmorek war zuweilen derb und aufgeregt, aber man spürte es, daß ein guter Mensch, ein Mensch voll Wohlwollen und Gemüt hinter dieser Derbheit stand, und man mußte die äußerliche Schroffheit als ein Privilegium dieses grundehrlichen und edlen Menschen gelten lassen. Nur der seichte Unverstand konnte daran Anstoß nehmen. Die Zeiten haben sich geändert, und die Entwicklung der Veihältnisse bewirkte es, daß Oskar Marmorek in den allerletzten Jahren nicht mehr an der Leitung mittun konnte. Aber er gehörte zu uns, und wir hofften, ihn immer und immer wiederzusehen. Die Kunde vom Tode dieser Persönlichkeit wird in allen Kreisen unserer Partei den schmerzlichsten Eindruck hervorrufen. Ist doch der Name dieses hochbegabten Mannes innig verbunden mit der glänzenden Herzlepoche, die jetzt schon leider von einem Zauber des Mythus umflossen und mit einem Trauerschleier bedeckt ist! Oskar Marmorek hat in der letzten kurzen Zeit seiner Untätigkeit nichts an lebensvoller Gegenwart in der Erinnerung verloren. Der Gedanke an das tragische Schicksal, das ihn ereilt hat, erschüttert uns doppelt, da ihm die Natur in den kraftvollsten Mannesjahren ein Halt gebot und in der Blüte der reifen Kraft dem unheimlichen Dämon nervöser Zerrüttung erliegen ließ, während alle Welt noch die vornehmsten Gaben seiner Kunst und unsere Partei die große Leistungsfähigkeit seiner tüchtigen zionistischen Gesinnung erwarten durfte. Diese Traurigkeit des Schicksals macht uns den Verewigten um so lieber. Für unsere Empfindung bleibt er lebendig, wie er lebte und wirkte, rein und edel. Eine schwere Last der Trauer hat sich auf denjenigen gewälzt, der unter uns das Haus Marmorek als der einzige so ehrenvolle repräsentiert. Aber er wird sie mit dem Bewußtsein tragen, daß viele Tausende mit ihm zusammen trauern. Suchen wir denTrost in der Aufrechterhaltung der Tätigkeit, die für die Toten das Teuerste war! Denn nur so werden diese Gefeierten in dem Gedächtnis aller Zeiten festgewurzelt bleiben. N. S.

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