Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 16 (16.4.1909)
- Date
- 1909-04-16
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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no. io —- die: „Hier ist es nur ein langsamer Tod," sagte er. „Dort erreicht einen die Kugel wenigstens schnell." „Ich kann mit ihm fühlen/' sagte der Reservist, und wir gingen wieder auf die Straße. Mein Begleiter versank in Melancholie, ein Seufzer entfuhr ihm. Er blieb ernst und schweigsam; nur ein bezeichnendes Schütteln seines Kopfes gab Kunde von seinem Denken. Plötzlich durchbrach eine helle Stimme unser Sinnen. £ELT 343 Es war das kleine Mädchen mit den dunklen Haaren, das singend und jubelnd die Straße entlang hüpfte. Sein Gesicht strahlte, seine Augen leuchteten vor Lebensfreude. Es erschien uns wie ein Strahl von Hoffnung. Er sah ihm eine Weile nach, seine Augen glänzten im Wiederschein seines Glückes. „In ein paar Tagen werden wir Pessach feiern", sagte er, „und Gott danken, der uns herausgeführt hat aus dem Hause der Knechtschaft.'k | Oskar Marmorek | Baurat Oskar Marmorek, Mitglied des Engeren Aktionskomitees unter Theodor Herzl, machte in der Nacht vom 6. April seinem Leben ein Ende. Er starb am Grabe seines Vaters, wo er von der Verwaltung des Zentralfriedhofs am 7. April mit einer Schußwunde in der Sehl äf e. tot auf gef un den wu rde. OskarMarmorek war ein Mann in der Blüte seiner Jahre, arn 9. April sollte er erst 46 Jahre alt werden. Den ersten Sederabend verbrachte er im Kreise seiner Angehörigen, die zum Familienfest versammelt waren. Auch Dr. Alexander Marmorek war wie alljährlich zum Passahfest zu Mutter und Bruder herbeigeeilt. Zum zweiten Abend ist der Verblichene nicht mehr erschienen. Nach langem qualvollem Seelenkampfe verübte er die schreckliche Tat. Als Beweggrund des Selbstmordes ist eine krankhafte Überreizung der Nerven zu betrachten, die vor allem auf eine jüngst durchgeführte, sehr schmerzliche Operation zurückzuführen ist. Der Verschiedene beurteilte alle Begebenheiten, die ihn berührten, ungemein hoffnungslos, schwermütig und äußerte seit Wochen Selbstmordabsichten. Da man in Freundeskreisen wohl wußte, welche geradezu überschwengliche, zärtliche Liebe die Geschwister Marmorek verbindet, und wie sie ihre Mutter vergöttern, wurden diese Äußerungen nicht ernst genommen. Oskar Marmorek ist am 9. April 1863 in Skala in Galizien geboren. Er absolvierte die Hochbauschule an der Technischen Hochschule in Wien, studierte auch in Paris und gehörte zu den begabtesten Architekten Wiens. Besonders bekannt ist der von ihm entworfene Bau „Venedig in Wien". Oskar Marmorek war einer der selbstlosesten und begeistertsten Jünger Herzls und gehörte bis zum Jahre 1905 dem Engeren Aktions-Komitee als Obmann- Stellvertreter an. Im Jahre 1904 wurde er, auf Grund einer Vereinbarung zwischen dem Wiener Aktionskomitee und der Kahal- Partei, in den Wiener Kultusvorstand gewählt. Der frühzeitige tragische Tod Oskar Marmoreks rief ungeheure Bewegung hervor. Das Begräbnis fand am (l April unter großer Beteiligung der Wiener Zionisten und der Mitglieder des Kultusvorstandes statt. Oberrabbiner Dr. Güdemann hielt dem Verblichenen einen warmen Nachruf. Herr Dr. Stern, Präsident der Kultusgemeinde, rühmte den Pflichteifer und die Loyalität des Dahingegangenen. Am offenen Grabe ergriff im Namen der Zionisten Herr Dr. Moritz Schnirer das Wort zu einem tiefbewegten Abschiedsgruß. Redner führte beiläufig aus: „Nach einem Leben voll ununterbrochener Arbeit wurde er seiner engeren Familie, die "er so innig liebte, und seiner weiten Familie -— dem jüdischen Volke ■— entrissen." „Des Volkes Leiden bewegte sein Herz, seine Hoffnung war auch seine Sehnsucht, und des Volkes Kampf wurde der Zweck seines Lebens. Sein Denken, Fühlen und seine Arbeit weihte er dem Streben nach der Erlangung der für unsere Volksexistenz unentbehrlichen territorialen Grundlage. Als der Ruf des Meisters erscholl, da zog es ihn mächtig an, und er stellte all seine Begeisterung, all seine Kraft in den Dienst der großen Volkssache. Was er für den Zionismus als unermüdlicher Agitator und tatkräftiger Organisator geleistet hat, ist allgemein bekannt. Welcher Opfer er fähig war, wie er sich den schwierigsten Aufgaben willig unterzog, das wissen nur wir, seine nächsten Freunde im Aktionskomitee. Wie klein wird die Zahl derer um Esrah und Nehemiah! Zuerst ging er, unsere Krone! Ihm folgte der gute, treue Kokesch, dann der ewig junge, enthusiastische Doktor Kahn, und nun du der Künstler! Fallen seh' ich Zweig auf Zweig! Doch der Stamm, er lebt, und neue Zweige treibt die Kraft, die du ihm als treuer Mitkämpfer des großen Führers zugeführt hast. Wenn einst der Bau vollendet ist, dessen Grundstein du mitgelegt hast, dann wird unter den besten Söhnen des Volkes auch dein Name genannt! Ruh' in Frieden, teurer Freund! Herr Bernhard Münz widmete dem Verblichenen einen kurzen Nachruf im Namen der Freimaurerloge. Herr Kremenezky, tief erschüttert und schluchzend, richtete einige Worte des Abschiedes an den toten Freund, zugleich im Namen und im Auftrage des Präsidenten Wolffsohn und des Aktionskomitees. Adolf Stand über Oskar Marmorek Reichsratsabgeordneter Adolf Stand schreibt unter dem ersten Eindruck der Todesnachricht an die Wiener „Zeit": „Ich bin ganz erschüttert von dem Eindruck Ihrer Nachricht vom Tode Oskar Marmoreks. Erst unlängst sprach ich mit ihm. Er war voll von Ideen für die Zukunft, für sich und unsere zionistische Bewegung. Ich kannte ihn seit zwölf Jahren, und wenn auch häufig unsere Anschauungen auseinandergingen, schätzte ich ihn als guten, hilfreichen Menschen und überzeugten, ganzen Juden. Unzählige arme Leute aus dem Osten besuchten ihn und baten ihn um Hilfe. Er verweigerte sie niemandem und gab viel und oft, ohne daß es die weite Öffentlichkeit erfuhr. Er war einer der Führer der zionistischen Bewegung. Als einer der ersten schloß er sich Herzl an und unterstützte ihn nebst Dr. Oser Kokesch und Dr. Leopold Kahn ununterbrochen bis an sein frühes Ende' Er entwickelte eine starke Agitation und wirkte durch sein ungemein sympathisches Wesen. Er war launisch, zerstreut, gereizt, aber auch gut, offen und herzlich. Herzl schilderte ihn mit großem Geschick als Baumeister Steineck in seinem Roman „Altneuland". Marmorek war einer der Begründer und ersten Mitarbeiter der früher in Wien, jetzt in Köln erscheinenden Zeitschrift „Die Welt". Nicht nur Oskar Marmorek, sondern seine ganze Familie widmete sich dem Zionismus. Tiefe Wehmut beschleicht einen, wenn man