Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 16 (16.4.1909)
- Date
- 1909-04-16
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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na§i ■\*#W:*&*>*- fflü t""*« mflW '* IL! 342 DIE Rache an Rußland, und Rußland will uns als Opfer hingeben, uns, die Juden. Aber solche Narren sind wir nicht, uns gleich Schafen zur Schlachtbank schleppen zu lassen." „Sie haben also ihre Heimat verlassen?" „O Gott, wo ist die Heimat eines Juden?" fragte er mit bitterer Stimme. „Meine Heimat? War irgend etwas wie Glück dort, irgend welche Sicherheit? Keine Rechte, keine Gerechtigkeit, kein Erbarmen, nichts. Aber der Jude ist im Golus, was kann er verlangen? Bis der Krieg begann, konnten wir noch leben, obgleich wir oft genug für unser Leben zu kämpfen hatten. Aber jetzt sollen wir gehen und für das Leben anderer kämpfen!4* Seine unterdrückte Leidenschaft suchte einen Ausweg. Seine Augen flackerten und seine Hand zuckte nervös. Ein jüdisches Extrablatt auf der anderen Seite der Straße erregte seine Aufmerksamkeit, der darin enthaltene Bericht einer Schlacht spornte ihn an. „Kämpfen für unser Vaterland!" fuhr er mit spöttischem Lachen fort. „Kämpfen für den Zaren, die Großfürsten, die Tschinowniks unsere Freunde und Beschützer! Wie sie uns lieben —•■ unser Geld und unser Blut! Wenigstens müssen sie zugeben, daß wir kämpfen können, sie sind erpicht darauf, uns in die vorderste Reihe der Schlacht zu stellen. Aber wir sind nicht so verloren, daß wir nicht den Spaß durchschauen würden. Besser auf dieser Seite der Grenze zu lachen, als auf jener zu weinen!" Er schwieg einige Augenblicke, und wir begannen die Straße entlang zu gehen. „Unser Land!" wiederholte er mit schneidender Ironie. „Eingepfercht in den Ansiedlungsrayon, gleich als ob wir wilde Tiere wären! Sie haben Angst vor uns, nicht vor unsern Händen, sondern vor tinsern Köpfen. Der Jude ist zu gescheit für sie, darum muß er den Universitäten ferngehalten werden; vielleicht verblödet er auf diese Weise, denken sie. Aber unser Geist ist noch klar: wir sehen das Unrecht, das sie unserm Volke zufügen, wie sie an seiner Seele zerren, sein Menschlichkeitsgefühl, seinen Rassestolz in den Staub treten! . . . Hoffnung? Es gibt keine Hoffnung! Kann Esau der Freund Jakobs sein? . . . Nun, ich habe den Tod gesehen: sollte ich bleiben, um mit ihm zu kämpfen? Zu kämpfen und zu sterben? Welches andere Ende hätte mich erwartet, und für wen? . . . So entfloh' ich, damit ich leben könnte. Dableiben wäre gleichbedeutend gewesen mit Sterben. . . . Ich will leben und arbeiten wie jedes Geschöpf Gottes!" Seine Worte klangen wie eine leidenschaftliche Anklage, und da er sprach, schien es mir, als hörte ich das Stöhnen von Millionen meiner Brüder, die zu einem unerforschlichen Geschick verurteilt waren. „Sehen Sie diesen Mann?" fragte er jetzt und zeigte auf einen finster aussehenden, asketisch blickenden jungen Mann, der, eine schwarze Mappe in der Hand, auf der andern Seite der Straße vorbeiging. „Er ist ein Meschummed und aus meiner Vaterstadt. Als ich eines Sabbats einige jüdische Plakate sah, die zu einem Vortrag einluden, ging ich hin. Da waren viele Leute, die einem jungen Mann zuhörten, dessen Stimme mir bekannt vorkam! Ich betrachtete ihn aufmerksam. Wie groß war meine Überraschung, als ich in ihm einen Freund aus derselben Stadt wiederfand, aus der auch ich kam, und den ich samt seiner Familie sehr ELT No. 16 gut kannte. Nach dem Vortrag ging ich zu ihm und fragte ihn: ,Was ist das? Wie kommst du hierher, -— du, ein Jeschiba Bachur, Sohn eines Rabbi?' ,Was willst du? fragte er. Es geht mir ausgezeichnet. Die Narren haben gesehen, daß ich einen feinen v Kopf habe und etwas Englisch kann und zu reden verstehe, da fragten sie mich, ob ich nicht Missionar werden möchte. Drei Pfund geben sie mir die Woche, und davon kann ich mir zwei sparen. In ein paar Jahren werde ich mir zweihundert Pfund zurückgelegt haben, und dann gehe ich nach Amerika und fange ein Geschäft an. Sprich, möchtest du nicht dasselbe tun?' Ich stellte ihn zur Rede, aber er lachte nur darüber. ,Man muß lebenV sagte er.u „Und seine Eltern, wissen sie davon?" „Nein, es würde ihnen das Herz brechen. Er ist ihr einziger Sohn und ist so geschickt für den Talmud. Er schreibt ihnen nur, daß es ihm gut gehe." . Wir bogen in eine Seitenstraße ein und betraten ein kleines Restaurant, in dessen Vorderraum sich eine Schiffsagentur .befand. Er wollte nichts essen, also bestellte ich Kaffee. „Ich diente fünf Jahre in der Armee", begann er, „bei der Kavallerie, und zwei Pferde waren mir anvertraut. Es war keine leichte Zeit, wenn ich mich auch in den letzten ein oder zwei Jahren mit meinen Vorgesetzten gut stand. Sie wollten mich mit Gewalt überreden, ich solle Christ werden: dann würde ich befördert werden, und alles wäre gut. Zwei Freunde von mir, Bri\der,. haben sich in meinem letzten Dienstjahre taufen lassen.'* Der Kaffee wurde von einem hungrig aussehenden jungen Manne gebracht, bei dem allein die schmutzfarbene Schürze das Zeichen seines Gewerbes war. „Bist du auch gerade von zu Hause gekommen?" fragte mein Begleiter. „Seit einem Monat,'* erwiderte der Kellner. „Ich entkam gerade noch zur richtigen Zeit." „Und wie wirst du hier bezahlt?" „Bezahlt?" echote der andere. „Ist es nicht genug, daß ich zu essen und ein Dach über meinem Kopfe habe?" „Wahr," sagte mein Begleiter. „Manch einer würde froh damit sein.4' Der Kellner entfernte sich. Wenigstens hat er zu leben," sagte der Reservist. „Aber ich habe Weib und Kind hier, und Arbeit ist keine zu finden. Ich bin Anstreicher von Beruf und jetzt schon mehrere Wochen ohne Arbeit." Dann, die Gegenwart vergessend, wandten seine Gedanken sich wieder seinem Geburtslande zu. ,,0, ich erinnere mich noch der Zeit, wo es etwas Seltenes für einen Juden war, Rußland zu verlassen. Die ganze Bevölkerung der Stadt war an der Bahnstation versammelt, um ihn abreisen zu sehen, und mehrere Wochen sprach man von nichts anderm. Aber jetzt, wieviele Familien habe ich selbst ihren ganzen Hausrat verkaufen sehen, um nach England. Amerika, irgendwohin zu fahren, wo es frei ist. Was anderes ' sollen sie denn tun jetzt, wo niemand weiß, ob nicht über Nacht ein Pogrom ausbricht." An einem Nebentische sprach ein verzweifelter Einwanderer von Rückkehr nach Hause. Er hatte weder Arbeit, noch Aussicht, welche zu erhalten. i