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Die Welt · 1909-04-16 · 16 (16.4.1909) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
16 (16.4.1909)
Date
1909-04-16
Page
– (sequence 9)
Language
German
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No. 16 DIE ]0[E LT 341 sie jetzt in ihren wallenden Locken so leicht dahinschritt, durch ein ungebändigtes Gefühl der Freiheit miteinander verbunden. Seltsames Produkt des Ghetto, das die unwissende Welt gewohnt ist als eine Masse von Elend und Schmutz zu betrachten! Nichts von Müdigkeit lag in ihren glänzenden Blicken, nichts von Sorge verriet ihr froh beschwingter Gang. Wie auf den Flügeln des Windes flog sie vorbei und ließ hinter sich einen Wiederhall von Fröhlichkeit, bis sie plötzlich in einem dunkeln Torweg verschwand. Es war, als ob die Sonne durch finstere Wolken gebrochen wäre und auf einmal wieder in den dunkelsten Tiefen versank. Die Straße war wieder so düster wie zuvor. Die kraftlose Gestalt eines Rabbiners, gekleidet in einen langen Mantel von feierlichem Schwarz, den Kopf wiegend, als ob er in ein tiefes talmudisches Problem vertieft sei, schlürfte vorbei. Ein Händler zog seinen kreischenden Wagen voll Früchte über die Straße, kaum daß er seine heisere Stimme über ein Flüstern hinaushob, als ob er sich schämte, etwas so Süßes an einem so traurigen Platze zu verkaufen. Ein blinder Mann bat um Almosen, er stapfte seinen Weg vorwärts und rief vergebens das Mitleid der Straße für sein Leiden an. Unbekümmert um die ungläubige Welt saß unter seinem Käppchen ein Schreiber in seinem Fenster, das er mit einem Uhrmacher teilte, (der also den Fortschritt der Zeit markierte), und schrieb fromm die Worte der alten Thora auf ein neues Pergament. An der Ecke der Straße erhoben sich die Mauern der Synagoge. Es war ein hohes und mächtiges Gebäude, in seiner eindringlichen Festigkeit eine wahrhafte Burg des Glaubens. Die Zeit des Morgengebetes war längst verstrichen und doch waren die Tore erfüllt von ein- und ausströmenden Menschen. Das waren nicht die üblichen Beter, Bewohner der Nachbarschaft, wo sie schon ein Heim gefunden hatten und ihrer Tagesarbeit nachgingen. Nicht Heim noch Arbeit hatten diese sorgenvollen Geschöpfe, die um das Gotteshaus herumstanden, so als ob seine Gewalt ihren Kummer heilen könnte. Im Frühling des Lebens, mit kraftvollen Gliedern und straffen Schultern, blickten sie mit Augen voll Müdigkeit und Sorge um sich. Zu zweien und dreien standen sie da, kopfschüttelnd und achselzuckend diskutierten sie ihr Los, suchten Trost einer in dem Elend des andern. Der und jener sah sich um mit einem Blick voll Verwunderung, als ob er der neuen Umgebung noch ungewohnt sei. Fremde waren sie aus einem fremden Lande, noch trugen sie den hohen Hut und die Stulpstiefel des Ansiedlungsrayons. Jüdische Flüchtlinge waren es aus dem Lande des Zaren. Ich betrat die Synagoge. Ein paar flackernde Kerzen beleuchtenden die Szene, von der sich das Licht des Himmels für einen Augenblick ganz zurückgezogen zu haben schien. Um die dunkle Lade standen in Gruppen zerstreut Männer und Jünglinge, einige sich unterhaltend, andere betend. Ein weißbärtiger Gelehrter trug einer kleinen und geduldigen Zuhörerschaft die Gesetze des „Wegs des Lebens" aus einem verschlissenen Buch vor, er erhielt Licht von einem Leuchter, von dem hin und wieder das Wachs tropfte wie eine heiße Träne. Ein verspäteter Beter, mit buschigem Bart, rollte seinen roten Hemdsärmel auf und legte Tefillin, entschlossen, keine Gelegenheit zu verlieren, sich an den Allmächtigen zu wenden. Ein alter Mann war über einem Bande des Talmud in Schlaf versunken; sein Geist blieb in Frieden, wo so vieb Köpfe mit endlosen Konflikten erfüllt waren. Hingestreckt auf einer Bank lag im Schatten der Mauer ein junger Mann und schlief gleichfalls, aber ohne den Schutz der babylonischen Weisen; seine ungezwungene Lage, sein tiefes Atmen zeugte von einem süßen, traumlosen Schlummer. Dicht nebenan waren zwei oder drei Männer in eine ernste Unterhaltung vertieft, einer zog sein Notizbuch heraus und wies einige Papiere vor. Dann und wann wollte einer eintreten, sah sich flüchtig für einen Moment oder zwei um und ging wieder weg oder schritt auf und nieder in tiefe Betrachtung versunken. Und über all dem lagerte das trübe Gemurmel einer schmerzlichen Melancholie. Das Haus des Herrn war eine Zufluchtsstätte geworden und die Flüchtlinge der Unterdrückung waren die Erwählten des Herrn. Ihre Brüder waren schnell bei der Hand mit Hilfe, obgleich sie sich selbst im Schweiße ihres Angesichts abmühen mußten. Hier, wo der Rabbi gewohnt war, zu predigen, daß man nicht vom Brot allein leben könne, wurde es offenbar, daß der Glaube allein den ausgehungerten Körper nicht erhalten kann. . Denn hier wurden den Notleidenden Brotlaibe ausgeteilt und Suppe gegeben all denen, die sich mit der neugewonnenen Freiheit noch nicht hatten abfinden können. . . . Und die Zeitungen berichteten davon, und die Welt las es und sprach darüber. Neben mir saß ein breitschultriger Mann von ungefähr dreißig Jahren, mit einem dichten Bart und starrte unablässig auf den Boden. Sein Haupt war in Träumerei versunken, seine Arme waren übereinandergeschlagen und seine Lippen bewegten sich wie im Selbstgespräch. Hin und wieder zuckte er die Achseln und biß sich auf die Lippen; nach einer Weile Stander mit einer ungeduldigen Bewegung auf und ging hinaus. Er ging einen festen Schritt; er schien kräftig genug zu sein, einen Ochsen zu fällen. Ich folgte ihm * und fand ihn an der Straßenecke stehend wieder. Als ich mich ihm näherte, betrachtete er mich verstohlen mit einem Blick voll Mißtrauen. Es war etwas Gehetztes in seinem Blick, das in einem Gegensatz stand zu seinem mächtigen Körper. Einen Augenblick zögerte ich, ihn anzusprechen, aber einem plötzlichen Antrieb folgend gab ich ihm den hebräischen Gruß: „Friede sei mit dir." Er erwiederte mit einem Blick voll Zorn und Verdacht und schien mit sich selbst zu kämpfen, ehe er antwortete: „Irren Sie sich nicht?" „Ich würde glücklich sein, wenn ich mich in der Annahme irrte, Ihr Los sei schwer," erwiderte ich. „Schwer?" antwortet er mit einem bezeichnenden Zucken der Schultern. Seine unterdrückte Stimme verlieh der einen Silbe Nachdruck. „Sind Sie schon lange in England?" fragte ich. „Vier Monate, aber lange genug, um elend zu werden, nachdem das erste Gefühl der Freude ausgekostet ist, in einem Lande der Freiheit zu sein." Er stockte einen Moment, als ob er sich das wonnige Empfinden wieder zurückrufen wollte. „Sie sehen sie hier", fuhr er fort, „zu Hunderten kommen sie herüber, froh, wenn sie nur dieses Land erreichen können. Ach, es ist eine furchtbare Zeit!" Ein Seufzer entfuhr ihm. „Niemals konnte mir träumen, daß solche Dinge vor sich gehen würden. Nun nimmt der Engel des Todes

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