Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 16 (16.4.1909)
- Date
- 1909-04-16
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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340 DIE ELT No. 1(> Eine neue jüdisch-nationale Zeitung Der „Cercle des Intimes" hat soeben die erste Nummer seines neuen Organs „La Nation", das in spaniolischer Sprache erscheint, herausgegeben. Die Nummer ist 24 Seiten stark und enthält eine Reihe interessanter populärer Artikel. Die erste Auflage von 1000 Exemplaren war binnen wenigen Stunden vergriffen, so daß sich die Herausgeber veranlaßt sahen, eine Neuauflage dieser Nummer herstellen zu lassen. Das Programm dieser Halbmonatsschrift drückt sich in dem Motto „Kol Isroel arewim se bose" aus, das sie zur Grundlage ihres Leitartikels gemacht hat. Der Programmartikel führt aus, daß dieser Spruch das Symbol und die Fahne des jüdischen Volkes gewesen sei und es in den Stand gesetzt habe, all die Jahrhunderte der Verfolgung zu überdauern. „Dieser ewigen Devise entsprechend ist unser Klub von seiner Gründung an tätig gewesen. Wir haben nicht mit Pauken und Trompeten gearbeitet, sondern wir wollten etwas Praktisches schaffen. Unsere Tätigkeit begann noch unter dem alten Regime, damals war sie natürlich mehr allgemeiner Natur. Als wir aber vom Despotismus befreit wurden, waren wir in einer etwas delikaten Lage. Während die verschiedenen Elemente Mazedoniens sich zu Parteien vereinigt hatten und für sich politische Programme ausarbeiteten, standen wir Juden daneben und feierten und applaudierten: „Es lebe die Konstitution, es lebe dieses, es lebe jenes!" Aber mit unserm Judentum, vom Standpunkte unseres nationalen Lebens aus, wußten wir nicht, was wir tun sollten. Da kam die Devise unseres Klubs zur Geltung. Und wir können schon konstatieren, daß unsere Arbeit bisher nicht vergebens war. Alle Schichten unserer Gemeinde haben sich in diesen Tagen der nationalen Bewegung zugewandt, und jedweder verficht in Wort und Tat die Parole: „Alle Juden bürgen für einander." In diesem Zeitpunkt, wo die nationale Bewegung ein Allgemeingut der Judenheit geworden ist, haben wir es für richtig befunden, an die Herausgabe eines Organs zu schreiten, wo die nationalen Fragen erörtert und unsern Brüdern zugänglich gemacht werden." ... In der Tat zeigt die erste Nummer daß der Klub nicht nur verspricht, sondern auch erfüllt. Alle Artikel sind von nationalem Geiste durchtränkt. Eine jüdische Bibliothek Unterstützt vom Großrabbiner Jacob Meir, haben einige junge Leute die Initiative ergriffen, um eine jüdische Bibliothek für die hiesige Gemeinde zu gründen. Ein Lokal ist bereits gemietet, worin auch eine Volkslesehalle errichtet werden soll. Eine hebräische Zeitung in der Türkei Die hiesige spaniolische Zeitung „La Libertad" teilt mit, daß sie demnächst eine hebräische Wochenschrift herausgeben wird. Urheber des Planes ist Großrabbiner Jacob Meir, der auch seine ständige Mitarbeiterschaft versprochen hat. Die Zeitung soll der Behandlung aller jüdischen Fragen gewidmet sein und eine nationale Tendenz verfolgen. Die Freunde der Verbreitung der hebräischen Sprache außerhalb der Türkei würden durch Abonnierung der Zeitung der nationalen Sache einen guten Dienst erweisen. Praktischer Zionismus Herr Darjo Nehama, Präsident des „Cercle des Intimes", hat sich nach Palästina begeben, um die dortigen Verhältnisse zu studieren und sich aus eigner Anschauung ein Bild von den Aufgaben der Judenheit in Palästina zu schaffen. Man darf erwarten, daß der Klub nach der Rückkehr seines Präsidenten sich offiziell der zionistischen Organisation anschließen wird. Aus der zionistischen Bewegung Der Zionismus faßt hier immer festem Fuß. Sogar die Volksschichten, die ihn bisher nicht einmal dem Namen nach kannten, befassen sich jetzt eingehend damit und sind eifrig bemüht, Schekel zu sammeln. Dieser Erfolg ist der unermüdlichen Tätigkeit des zionistischen Vereins „Bnei-Zion" zu verdanken, der alle Mittel anwendet, um den Zionismus hier populär zu machen. So hat er die ausgezeichnete Rede des Herrn Josef Usiel in spaniolischer Sprache als Broschüre drucken lassen und vertreibt sie zu einem niedrigen Preis. Bis jetzt sind hier bereits ungefähr 600 Schekolim und 120 Aktien der Jüdischen Kolonialbank verkauft worden. In Uesküb und Monastir bestehen bereits zionistische Vereine, die vom hiesigen Verein „Bnei-Zion" Schekel erhalten. Auch in Adrianopel wird jetzt ein zionistischer Verein „Bnei-Zion" gegründet. Leider fehlt hier eine organisatorische Kraft, die geeignet wäre, die bestehenden Ansätze zu einem mächtigen Ganzen zu verbinden. Erwähnenswert ist auch, daß sich unter den Schülern der Schule „Alscheich" eine zionistische Verbindung unter dem Namen „Jaldei Zion" gebildet hat. Der Verein sammelt energisch Schekel und entfaltet auch eine eifrige Tätigkeit für den Jüdischen Nationalfonds. Die Schüler sind sehr bemüht, die' hebräische Sprache zu verbreiten. o! °! o l_ (□□□□□□ o A--O j FEUILLETON □ □□□□□ o J)°o AUS DEM HAUSE DER KNECHTSCHAFT*) Eine Skizze aus der Zeit des japanischen Krieges Von Israel Cohen Ein bleifarbener Himmel lag über der langen, schmalen Hauptstraße des Londoner Ghettos. Ein. schneidender Wind trieb einen vorwärts, noch fühlte man die Gewalt des Winters. Aber in den Schaufenstern lagen hohe Säulen ungesäuerten Brotes, Vorboten des Frühlings. Die Schönheit freilich und der Duft der Natur, den die Oberlieferungen der Dichter dieser Jahreszeit beigelegt hat, war nirgends zu erblicken; denn hier war die Natur selbst unsichtbar. Nicht knospende Bäume, noch heimkehrende Schwalben kündigten das Erwachen der Mutter Erde an. Nur die Plakate in den Kramläden, die die Preise der Pessachwaren anzeigten, waren es, die keinen Zweifel mehr übrig ließen, in welcher Jahreszeit man sich befand. Vielleicht hätte man erwarten sollen ein Gefühl der Heiterkeit, des Frohsinns zu finden; aber nur Traurigkeit war es, die in diesem Viertel zu Hause war. Das Fest der Befreiung der Kinder Israels aus dem Hause der Knechtschaft stand vor der Türe, aber die *) Für die Passahnummer verspätet eingegangen. Erinnerung daran hatte bis jetzt ihre Nachkommen noch nicht froh gestimmt. Sie eilten zu ihren mannigfaltigen Arbeiten mit all dem finstern Ernst ihrer Vorfahren; ihr Eifer und ihr Fleiß hätten selbst einem Aufseher des Pharao widerwillige Anerkennung abnötigen müssen. Gebückt unter der Last, ihrer Sorgen hasteten sie vorwärts, wie getrieben von der unsichtbaren Hand des Schicksals. Da durchbrach plötzlich ein Schimmer von Freude das leidvolle Einerlei. Ein kleines Mädchen kam, eine Strophe eines Schulliedchens trällernd, über die Straße gesprungen. Ihr dunkelglänzendes Haar hing ihr wild unter ihrem roten Kopftuch hervor, das Glück der Kindheit glänzte auf ihrem Antlitz. Ein seltsamer Gegensatz zu der melancholischen Umgebung: die Strahlen ihrer blitzenden Augen, die Musik ihrer Stimme verbreiteten Freude ringsum. Ein Kind des Ghetto war sie: ihre olivenbraunen Wangen mit einem Hauch von Rot, ihre schwarzen, glänzenden Augen verrieten auf den ersten Blick ihre Abstammung. Schönheit und Glück waren in ihr vereinigt und, wie i