Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 16 (16.4.1909)
- Date
- 1909-04-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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No. 16 DIE^ELT 339 (Inzwischen meldet der Draht, daß in Konstantinopel eine Militär- Tevolution ausgebrochen ist, die bereits das bisherige Ministerium und das Präsidium der Kammer gestürzt und eine Reihe blutiger Opfer geforderthat. VorläufigerscheintdieRuhewiederhergestellt, doch isteszur Stunde noch unmöglich, die weitere Entwicklung der Dinge abzusehen.) Die Blutliige in Mersina Wie dem Chachambaschi aus Mersina in Kleinasien mitgeteilt wird, ist anläßlich der Pessachtage dort wieder einmal die wahnsinnige Blutbeschuldigung gegen die Juden aufgetaucht und haben sich ernste Unruhen zugetragen. Der fanatische Pöbel, der über unsere Brüder herfallen wollte, war natürlich kein mohammedanischer, sondern wiederum Sprößlinge des rohen Griechenvolkes. Der Großrabbiner hat sofort nach Empfang der Nachricht energische Schritte getan, die den nötigen Erfolg gehabt haben dürften. Er sandte seinen buhta (Sekretär) zum ökonomischen Patriarchen, der bereitwilligst seine entschiedene Intervention zur Verfügung stellte. Der griechische Patriarch telegraphierte an die geistlichen Behörden des Ortes, sofort „Beruhigung zu predigen, die Unsinnigkeit der Blutliige darzutun, und der Bevölkerung seinen Wunsch auf friedliche und freundschaftliche Beziehungen zu den Juden mitzuteilen". Armenischer Antisemitismus Die Armenier, dieses zweite rechtgläubige Christenvolk der Türkei, hat scheinbar wieder einmal der antisemitische Ruhm ihrer griechischen Mitbrüder in Christo nicht schlafen lassen. Einer ihrer Zeitungen bot das demnächst in Kraft tretende Gesetz über die allgemeine Wehrpflicht Gelegenheit, in einem humoristisch sein sollenden Artikel, über die Beteiligung der Juden an ihr herzuziehen. Der Effekt ist eine Verspottung des jüdischen Bevölkerungselementes überhaupt. Bemerkenswert ist, daß zur selben Zeit, in der sich ihre Presse diese vornehme Kampagne leistet die Armenier, unter Führung ihrer ahrarischen Führer, überall Meetings veranstalten, in denen in lärmender und überflüssig drohender Weise (überflüssig, da von den Behörden schon alles Nötige veranlaßt ist) die sofortige Einreihung des armenischen Elementes in die Armee und dafür die sofortige Befreiung von der bisher geltenden Ersatzsteuer gefordert wird. Es geht doch nichts über die Gerechtigkeit. Die türkische Regierung und die Juden von Jemen Das Ministerium hat an die Provinzialbehörden in Jemen die Order erlassen, von den jemenischen Juden, in Anbetracht ihrer gegenwärtig äußerst bedrängten ökonomischen Lage, die bis zur Einstellung ihrer Rekruten in die Armee noch fällige Millitärersatzsteuer nicht einzuziehen. Der Chachambaschi und der Rabbiner der Aschkenasim Der Großrabbiner ChaTm Nahum hat vergangenen Freitag dem Rabbiner der Aschkenasirngemeinde Dr. Markus und dem Präsidenten der Gemeinde. Reisner, einen offiziellen Besuch abgestattet. Man darf, was jetzt in der Periode der sich vollziehenden Einigung der Aschkenasimgemeinden zu einer einzigen, staatlich anerkannten besonders wichtig erscheint, auf engere freundschaftliche Beziehungen zwischen dem sephardischen und aschkenasischen Bevölkerungselement der hiesigen jüdischen Gemeinde für die Zukunft hoffen. Wirtschaftlicher Optimismus Viele Anzeichen lassen erkennen, daß das internationale Kapital sehr mutig gestimmt zu sein scheint. Nach der bedeutenden Vergrößerung der Geschäfte der Deutschen Orientbank, dem Beschlüsse der Gründung einer hiesigen Filiale der Deutschen Bank, der Schaffung der russischen Don-Asow-Bank und der projektierten Ottomanischen Nationalbank folgt nun wieder die Bildung eines neuen Finanzinstituts unter dem Namen „Credit Ottoman". Sein Zweck ist die Entwicklung von Handel und Industrie; er wird rein ottomanisch sein, aber ein Syndikat von deutschen, englischen, italienischen und französischen Aktionären umfassen. Die Direktion des neuen Unternehmens soll der Deputierte Emmanuel Carasso Effendi übernehmen. Nach diesen optimistischen Schritten der internationalen Finanzwelt zu urteilen, kann man Vertrauen in die türkische Entwicklung setzen, und haben auch wir Zionisten alle Ursache, der Fortarbeit und Vergrößerung unserer Institute im türkischen Orient Zuversicht entgegenzubringen. Beginn der jüdischen Militärpflicht Das Kriegsministerium richtete ein Zirkular an alle zuständigen Behörden, mit den Vorarbeiten für die Aushebung der mohammedanischen und nichtmohammedanischen Rekruten in Konstantinopel unverzüglich zu beginnen. Die Hauptstadt war bekanntlich bisher völlig vom Militärdienste frei. Mit dieser hochbedeutsamen Reform wird es also wirklich Ernst. Die Pessachspende der türkischen Regierung Wie alljährlich hat auch diesmal die Hohe Pforte dem schönen Brauch einer Sonderspende an die verschiedenen Glaubensgemeinden aus Anlaß des religiösen Frühjahrsfestes Folge gegeben. So ist dem Großrabbinate dieser Tage die Summe von 250 türkischen Pfund (die griechische Kirche erhielt 600, die armenische 400) für die Armen der Gemeinde überwiesen worden. Bei der allgemeinen ökonomischen Notlage, die trotz der Freiheit so schnell nicht schwinden will, bedeutet die Spende einen recht fühlbaren Zuschuß zu den Mazzot-Sanimlungen, die in den letzten Wochen nach altjüdischer Sitte mit fieberhaftem Eifer veranstaltet wurden. Brief aus Saloniki (Von unserem Berichterstatter) Der griechische Boykott Die feindliche Bewegung der Griechen gegen die Juden, von der wir bereits berichtet haben, nimmt einen immer ernstern Charakter an. Obgleich einsichtige und friedfertige Männer aus beiden Lagern sich bemüht haben, einen Ausgleich zu schaffen, gehen die Griechen immer schärfer vor, und sind bestrebt, mittels ihrer Komitees dahin zu wirken, daß den jüdischen Kaufleuten die griechische Kundschaft vollständig abwendig gemacht werde. So haben sie vor kurzem eine Companie gebildet, um ein großes Kaufhaus als Konkurrenzunternehmen gegen das Warenhaus von A. Erera, eines der größten jüdischen Handelshäuser Salonikis» zu eröffnen. Der Boykott der jüdischen Fuhrleute, die bisher fast den gesamten Lastverkehr Salonikis in Händen hatten, ist zwar durch das Entgegenkommen der Juden beigelegt worden, die Griechen sind aber unermüdlich im Erfinden neuer Streitfragen. Das neueste dieser Art ist der Boykott der jüdischen Gemüsehändler. Ungefähr 250 jüdische Gemüsehändler versorgen die Stadt mit Gemüsen, die sie von den griechischen Gärtnern aufkaufen. Übrigens existieren hier auch 20 jüdische Gärtner. Nunmehr haben die griechischen Gärtner beschlossen, den jüdischen Händlern kein Gemüse mehr zu verkaufen, sondern ihre Ware ausschließlich durch griechische Zwischenhändler absetzen zu lassen, und auf diese Weise die jüdischen Gemüsehändler brotlos zu machen. Unter diesen Umständen waren die Juden, die bisher immer in größter Harmonie und Eintracht mit ihren Nachbarn gelebt haben, gezwungen, diesen feindlichen Angriffen mit der gleichen Waffe zu begegnen, wenn sie nicht für immer aus ihrer Position verdrängt und elend gemacht werden wollten. Sie begriffen, daß diese verschiedenen Boykotts nicht Fragen der jüdischen Fuhrleute und Gemüsehändler sind, sondern daß sie mit einer Aktion zu rechnen haben, die das Wohl der ganzen jüdischen Gemeinde Salonikis berührt. Der Klub der jüdischen Kaufleute und der „Cercle des Intimes" haben daher beschlossen, selbst große Gemüseplantagen anzubauen, um auf diese Weise die Versorgung der Stadt mit Gemüsen von den Griechen unabhängig zu machen. Eine Proselytenaffäre Die berüchtigten galizischen Zwangstaufen haben leider hier ein Gegenstück gefunden. In Niwrokop, unweit von Saloniki, hält eine türkische Familie ein achtzehnjähriges, jüdisches Mädchen gegen seinen Willen versteckt und weigert sich, trotz aller Vorstellungen der armen Eltern, es herauszugeben. Unter diesen Um- " ständen schickte die dortige Gemeinde den Vater und zwei andere Gemeindemitglieder nach Saloniki, um mit Hilfe des hiesigen Chachambaschi die Befreiung zu bewirken. Herr Rabbiner Jacob Meir wandte sich zweimal persönlich an den hiesigen Wali, dessen Depeschen indessen nichts bewirkten. Das jüdische Mädchen wird weiter von der türkischen Familie festgehalten. In dieser Notlage wurde von hier aus eine eingehende Eingabe mit unzähligen Unterschriften an den Oberrabbiner der Türkei Chachambaschi Rabbi Nahum nach Konstantinopel gerichtet und eine Kopie davon den jüdischen Deputierten zugestellt. Auf nochmaliges dringendes Ersuchen des Chachambaschi Jacob Meir hat auch der Wali von Saloniki noch einmal an den Mutessarif von Serres telegraphiert, daß er veranlassen möge, daß das Mädchen sofort nach Saloniki geschickt werde, widrigenfalls er ihn dafür zur Verant- \ wortung ziehen werde. Man hofft hier allgemein, daß das unglfickiche Mädchen bald befreit werden wird.