Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 16 (16.4.1909)
- Date
- 1909-04-16
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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338 DIE E LT No. 16 Das gesamte Kapital dieser 293 Emigranten betrug 1 115 300 Rubel. Von 483 Fragestellern, die ihren Beruf angegeben haben, waren: 216 Handwerker, Arbeiter, Landarbeiter, 183 Handel- und Gewerbetreibende, 84 Angehörige liberaler Berufe. Der Aufschwung Beiruts D. O. — Über die Entwicklung Beiruts, des Haupthafens der gesamten syrischen Küste, wird der „Deutschen Orient-Korrespondenz" von dort geschrieben: Mehr als alle anderen Städte Syriens hat Beirut sich in den letzten Jahrzenten gehoben, aber hier war auch eine ganz besondere Ursache wirksam gewesen. Wie die andern alten Kulturstätten Syriens war auch Beirut von einer glänzenden Vergangenheit zu fast völliger Bedeutungslosigkeit herabgesunken und dürfte den größten Tiefstand wohl anfangs des achtzehnten Jahrhunderts erreicht haben. — Ums Jahr 1780 hatte Beirut etwa 6000 Einwohner, stieg dann bis 1860 auf 25000 und wurde zu einer der bedeutendsten Hafenstädte des östlichen Mittelmeeres durch die Christenverfolgungen im Libanon, die im Jahre 1860 zu einem Einschreiten der Mächte führten. Zehntausende von Flüchtlingen aus Damaskus und* dem Libanongebiet strömten damals nach Beirut, das im Jahre 1885 schon 100000 Einwohner zählte und jetzt die 150000 bereits überschritten hat. Beirut hat heute einen Handel von ca. 60 Millionen Mark, es hat einen vorzüglichen Hafen mit bedeutendem Schiffsverkehr, hat Bahnverbindungen bis Aleppo im Norden, bis Damaskus im Osten und (über Damaskus) bis Medina im Süden. Dabei ist es landwirtschaftlich sehr schön gelegen. Der Libanon, an dessen Fuß die Stadt sich ausbreitet, bietet in der sommerlichen Hitze eine angenehme Erholung und entwickelt sich mehr und mehr zu einer Art „vorderasiatischen Schweiz", die sogar seit einigen Jahren schon richtige „Schweizer Hotels" mit allem Komfort der Neuzeit aufweist und besonders auch von Ägypten her sich eines regen Besuches erfreut. Brief aus Konstantinopel (Von unserm Berichterstatter) Jüdische Politik Über dieses Thema hielt in vergangener Woche auf Einladung der „Ahwa, ligue nationale des juifs del'empire ottoman" der Redakteur der zionistischen Zeitschrift „Tiempo", Herr Florentin, einen in Gedankeninhalt wie Form gleich vollendeten Vortrag. Im ersten Teile seiner Rede besprach er eingehend die Pflichten der ottornanischen Juden ihrem Staate und der Nation gegenüber, um im zweiten Teile als deren vornehmste Krönung den Zionismus zu behandeln. Mit besonderer Begeisterung trat er für die Belebung und Verbreitung unserer nationalen Sprache ein. Die Zuhörerschaft, die nur aus Mitgliedern der „Ahwa" und wenigen Geladenen bestand, brachte den Ausführungen lebhaftestes Interesse entgegen. Vielfach wurde der dringende Wunsch um eingehende Aufklärung über den Zionismus und seine Institutionen laut. — Leider wird es schwer werden, diesem Wunsche in geeigneter Weise zu entsprechen, solange unsere zionistische Literatur an dem Mangel französischer und spaniolischer Übertragungen so bitter leiden wird wie gegenwärtig. Auf den 11. April hat die .Ahwa" über das gleiche Thema, das Herr Florentin behandelte, eine große Volksversammlung angekündigt, für die als Redner Dr. Risa Tewfik und Dr. Israel Auerbach vorgesehen sind. Für die hebräische Sprache in Schule und Haus ist in der letzten Nummer des spaniolischen „Tiempo" ein prächtiger Artikel des hebräischen Novellisten Kabak in Form eines offenen Briefes an die Eltern eingetreten. In der gleichen Zeitung schrieb Redakteur Florentin einen vielbemerkten Aufsatz über die kolonisatorischen Aufgaben des Zionismus. Der bedeutsame Antrag Ahmed Risas beim Besuche des Chacham Baschi hat in der hiesigen jüdischen Welt, einstweilen wenigstens, noch keinerlei aktive Folgen gezeitigt. Ob wirklich die orientalische Passivität der kompetenten Persönlichkeiten oder das herannahende Passahfest die Schuld daran trägt, sei heute nicht entschieden. Jedenfalls war mehr Energie vonnöten und zu erwarten. Sollte es wirklich wahr sein, daß alle Anregung und Initiative der türkischen Juden auch heute noch und in den sie 1 persönlich am nächsten betreffenden Dingen von außen an sie kommen muß? Konstantinopel scheint dieser Annahme fast recht zu geben. Salonik aber widerspricht ihr nachdrücklichst. In dieser Stadt ist jüdische Verve, Beweglichkeit, Unternehmungslust immer lebhafter bemerkbar. Dort ist das gesamte soziale jüdische Leben, das wirtschaftliche, das Vereinsleben, die Presse von der Erörterung der jüdischen Probleme erfüllt. Ob diese gerade immer den richtigen Weg nimmt, ist eine sekundäre Frage, das Wichtige bleibt die Bemühung. Dieser Tage erörterte das „Journal de Salonique" die jüdische Immigration aber von einer Seite, die Salonik zwar nahe, um so ferner jedoch dem jüdischen Volke als Ganzes liegt: von der mazedonischen. Es klingt wie ein Projekt von Zangwill, wenn der Verfasser des Artikels, übrigens unser Gesinnungsgenosse Redakteur Sam. Levy, auseinandersetzt, daß die Ansiedlung der russischen und rumänischen Juden in Mazedonien eine Lösung der mazedonischen Frage oder eine Lösung der Frage des jüdischen Elends wird, — wenn man so wolle, — selbst des Balkanproblems und der Erhaltung des internationalen Friedens werden könne! Es ist doch wohl, alle diese schönen Möglichkeiten selbst zugestanden, kaum eine ideale Zukunftsidylle für die Juden, in dieses Wespennest zwischen mordende, sengende und brennende bulgarische, griechische, serbische und walachische Banden gesetzt zu werden, die — zweifellos — die Pausen in ihren nationalen und kirchlichen Metzeleien zu gemeinsamen „internationalen" Aktionen gegen die „fremden Juden" benutzen würden. Nein, der türkische Orient als jüdisches Zukunftsgebiet durchaus unbestritten: aber die darin für uns zweckmäßigen Teile sind wohl doch mit größerer Vorsicht auszuwählen, — wenn man denn durchaus wählen will. Wir freilich möchten meinen, daß die Wahl vor Tausenden von Jahren bereits die Geschichte und in -neuer Zeit unser Gefühl, das Gefühl und der Wille der Nation bereits endgültig vollzogen haben. Wenn denn, und überhaupt in der Türkei: warum denn nicht Palästina? Die neue Türkei in Gefahr Die vergangene Woche ist die ernsteste, welche die neue Türkei bisher durchzumachen hatte. Sie zeigte den Parteikampf auf einem Siedepunkte, der fast den Bürgerkrieg bezeichnet. Wenn nicht sofort eine Beruhigung eintritt, ist Schlimmes, vielleicht das Schlimmste zu erwarten. Der Chefredakteur eines oppositionellen Blattes ist ermordet worden, und alle Welt hält ihn für ein politisches Opfer. „Union et Progres" ist der idealen Urheberschaft angeklagt; und wenn das Komitee auch diese Bezichtigung offiziell entrüstet zurückweist so fällt die Tat ihm doch, ob es will oder nicht, zu einem Teile wenigstens, moralisch zur Last. Solange der Mörder nicht gefaßt und das Gegenteil demonstriert ist, wird man ihn als fanatisierten jungtürkischen Kreisen zugehörig erachten. Wie auch die Wahrheit sein mag, die Opposition schlägt furchtbar Kapital aus der Untat; und nie ist die gefährliche Gegnerschaft der liberalen Preßorgane so zutage getreten wie jetzt. Geht das so fort so ist alles zu erwarten. Gegenpropaganda der Tat, der beginnende Terror vielleicht noch ein Schlimmeres: die europäische Einmischung, von der man schon munkelt. Der Moment ist wahrlich bedenklich. Das Komitee, dessen moralische Position durch die ewig bohrenden Angriffe der letzten Monate bereits erschüttert zu werden anfing, verliert durch den unglücklichen Vorfall, vielleicht unverdient, alle Sympathie. Die Ahrar, mächtiger werdend, macht immer offener krasse Machtansprüche geltend. Erst heute verlangt sie drei Ministerportefeuilles als „Beruhigungsmittel". Die Einheitlichkeit der Politik und Beständigkeit der ökonomischen Entwicklung sind bedroht, die Staatsautorität geschwächt, die öffentliche Ruhe gefährdet. Die optimistische Prognose der vergangenen Monate ist bis auf weiteres nicht festzuhalten, wenn auch Anzeichen dafür sprechen, daß auch diese Krise glücklich überwunden werden könnte. Die schwere Verantwortung des Moments ist doch an gewichtigen Stellen zum Bewußtsein gekommen. Vielleicht hat mehr als alles andere die drohende Einmischung von außen dazu beigetragen. Soeben erläßt das armenische Komitee „Taschraktsution" ein Manifest, das zur Beruhigung auffordert und eine gemeinsame Beratung von Delegierten der feindlichen Parteien vorschlägt. Diese verständige, energische Intervention hat bei den wichtigsten Blättern beider Richtungen starkes Echo gefunden und besonders durch die früher Kiamil Pascha dienende „Jeni Gasetta" beredte Unterstützung erfahren. Vielleicht resultiert doch daraus die Verständigung und Beruhigung, die jeder aufrichtige Freund derTürkei von Herzen wünschen wird, und voir der auch vieles für unser eigenes Volksschicksal abhängen kann.