Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 16 (16.4.1909)
- Date
- 1909-04-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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336 DIE^ELT No. 16 Trockenheit in Palästina In diesem Jahre lassen die für Palästina so wichtigen und erwünschten Spätregen sehr lange auf sich warten und man sieht infolgedessen mit großer Unruhe der Ernte der Körnerfrüchte (Gerste, Weizen usw.) entgegen. Am 23. Februar hat es den letzten großen Regen gegeben, und von diesem Tage ab wehte bereits mehrmals der heiße Sirokko, der auf die ganze Pflanzenwelt von versengender Wirkung ist. Erst am 26. und 28. März regnete es, aber in ganz ungenügendem Maße. Manche Saaten, beispielsweise die Gerstensaat in der Gegend von Gaza und Berseba, sollen zum großen Teil schon verloren sein. Die Preise für Brot und Mehl sind erheblich gestiegen.* Während hier die Ernteaussichten in den Körnerbaukolonien keine günstigen sind, erwartet man in den Pflanzungskolonien ein gutes Jahr, da die Mandelbäume sehr reichlichen Fruchtbehang haben und auch die jetzt in Blüte stehenden Orangen eine gute Ernte versprechen. Streitigkeiten mit Arabern Jaffa. In der deutschen Kolonie Wilhelma in der Nähe von Petach-Tikwah kam es vor einigen Tagen zu einem Konflikte zwischen den deutschen Kolonisten und den arabischen Fellachen aus der Nachbarschaft. Die Deutschen nahmen arabisches Vieh, welches sie auf ihren Weideplätzen angetroffen hatten, fort und fesselten die Hirten. Zur Befreiung ihres Viehs erschienen in der darauffolgenden Nacht die Araber in großer Zahl, denen die Kolonisten aus Wilhelma keinen Widerstand zu leisten in der Lage waren. Sie konnten sie an der Verwüstung einer großen Ölbaumpflanzung von ca. 150 Dunam nicht hindern und mußten das Vieh und die arabischen Wächter wieder freigeben. Der deutsche Vizekonsul in Jaffa erschien bald darauf in Wilhelma und leitete einen Prozeß gegen die schuldigen Araber ein. Auch in Sichron Jakob kam es vor kurzem zu einem kleinen Zusammenstoß zwischen Arabern und Juden wegen unrechtmäßiger Benutzung jüdischer Weide durch die Araber, der aber bald einen •friedlichen Abschluß fand, da die Araber vor der großen Zahl der jungen jüdischen Arbeiter und Kolonisten zurückschraken, die gewünschte Satisfaktion gaben und durch ihren Schech feierlich versprachen, sich in Zukunft solche Mißgriffe nicht zu erlauben. Europäischer Besuch Jaffa, 4. April 1909. In den letzten Tagen ist eine große Zahl europäischer Juden in Jaffa eingetroffen, um das Pessachfest in Palästina zu verbringen. Mehrere von den Gästen, so die Herren Götz und Wischniak aus Moskau, sind schon zum zweitenmal in Palästina, andere, wie die Herren Neiditsch, Posniak, Koppelmann und Gurewitsch aus Moskau, Leon Levite aus Warschau, kommen zum erstenmal hierher. Von deutschen Besuchern erwähnen wirt> die Herren Dr. Elias Auerbach und Herrmann aus Berlin; aus Österreich sind die Herren Dr. S. Rappaport, Dr. Hausmann und David Schönfeld aus Lemberg gekommen. In Jerusalem werden an diesem Pessachfeste mehr jüdische Besucher aus Europa versammelt sein als in irgendeinem frühern Jahre. Den Besuch des Präsidenten der Jüdischen Kolonialbank, Dr. Katzenelsohn, haben wir schon gemeldet. Ehrung Bialiks Jaffa, den 31. März. Vorgestern traf der Dichter Bialik zusammen mit seinem Freunde, dem Schriftsteller Rabnitzki, in Jaffa ein. Einige Mitglieder des hiesigen Turnvereins fuhren frühmorgens auf einem mit jüdischen Fahnen beflaggten Boote dem Dichter auf die hohe See entgegen, um ihn von dem Dampfer abzuholen. Am Abend versammelte sich eine große Menge aus allen Schichten der hiesigen Bevölkerung, um den Dichter zu begrüßen. Vertreter verschiedener Gruppen und Vereine hielten warm empfundene Ansprachen an den allverehrten Gast, die alle in den Wunsch ausklangen, der Dichter möge Palästina nicht wieder verlassen und auf jüdischem Boden weiter Stoff für seine erhabenen Dichtungen finden. Der Dichter lehnte in seiner Erwiderung das ihm gespendete Lob ab und teilte nur in großer Ergriffenheit die ersten Eindrücke mit, die er hier vom belebten hebräischen Worte aus dem Munde jüdischer Kinder empfangen hat. „Unter diesen Kindern, die heute auf meinem Schöße spielten, befindet sich vielleicht schon der größte Dichter der Zukunft", rief er in großer Rührung aus. Die ganze Menge begleitete den Dichter nach der Wohnung seines Gastgebers und Freundes A. Ben Zion (Guttmann), sang auf den Straßen hebräische Lieder und trennte sich erst um Mitternacht vom Hause des Dichters. Am darauffolgenden Abend fand ein vom hiesigen Lehrerverbande veranstaltetes Festessen zu Ehren des Dichters statt, zu dem an 70 Gäste, zumeist aus Lehrer- und Schriftstellerkreisen, erschienen waren. In einer sehr gehaltvollen und formvollendeten Rede skizzierte der Dichter Ben-Zion die Bedeutung Bialiks in unserer Literatur, dem es stets gelungen sei, das erlösende Wort in seinen Gedichten zu finden und damit die Gemüter in Zeiten großer Erregtheit und mühevollen Suchens zu beruhigen. Aus persönlichen Erlebnissen konnte er auch die Art der Empfindung des Dichters schildern, der nach außen hin unbewegt zu bleiben scheint, in sich aber ringt und Beruhigung erst findet, wenn er diesem Ringen in Gedichten bleibenden Ausdruck verleiht. Viele hebräische Lieder, zumeist Bialiksche Gedichte, wurden — besonders gelungen von der Leiterin des Kindergartens Frl. Bachmann — vorgetragen. In seiner Ansprache hob der Dichter die Motive seines Schaffens hervor, die nur dem Schaffensdrange selbst entspringen und keiner außerhalb liegenden Quelle. Auch das jüdische Volk wird dann in eine Phase produktiven kulturellen Schaffens eintreten, wenn die Entwicklung der Individualität in physischer und geistiger Beziehung auch unmittelbar die Stärkung und den Fortschritt des Volksganzen mit sich bringen wird. Vielleicht beginnt hier in diesem Lande die Periode des echten und tiefen Naturempfindens bei dem jüdischen Volke, welches eine wahrhaft dichterische Produktion bedingt. Nachdem noch Toaste auf den ältern Freund des Dichters, den Schriftsteller Rabnitzki, der ihn in die Literatur eingeführt hat, ausgebracht waren, verblieb man noch in gehobener fröhlicher Stimmung bis 3 Uhr nachts zusammen. Pachtung der heißen Quellen bei Tiberias Tiberias, 3. April 1909. Die heißen Schwefelquellen bei Tiberias, die wegen ihrer großen Heilwirkung bei Rheumatismus und Hautleiden seit dem Altertum berühmt sind und in jedem Jahr von vielen Tausenden aus Syrien und Palästina besucht werden, sind in diesem Jahr auf die Initiative des Palästina-Industrie-Syndikats von Juden aus Tiberias gepachtet worden. Es wird, wie wir hören, dafür Sorge getragen werden, daß die Bäder, die unter dem bisherigen arabischen Pächter für europäische Ansprüche an Sauberkeit und Bequemlichkeit fast alles zu wünschen übrig ließen, in einen bessern Zustand kommen und allen Ansprüchen an Reinlichkeit und Bequemlichkeit genügen. Es ist zu hoffen, daß hierdurch nicht nur die Juden in Palästina und Syrien in verstärktem Maße von der Heilkraft der Bäder Gebrauch machen, sondern daß auch Juden von Europa die Bäder besuchen werden, die den Bädern von Aachen in der Heilwirkung ebenbürtig sein sollen. Die Bäder liegen landschaftlich sehr reizvoll und sind mit der Bahn von Haifa aus in 4—5 Stunden zu erreichen. Erwerbsaussichten für neue Einwanderer in der Landwirtschaft in Palästina In der Landwirtschaft können noch sehr viele Juden ihr Unterkommen finden. Je nach dem Vermögen, dem Aller und dem Familienstand (verheiratet oder unverheiratet) ergeben sich folgende Möglichkeiten: I. Leute ohne Vermögen können als Arbeiter Beschäftigung erhalten, entweder in den Pflanzungskolonien in Judäa oder in den Ackerbaukolonien in Galiläa- Anfangs werden die Arbeiter nur tageweise beschäftigt, später können sie auch monateweise angestellt werden. Da die Arbeit ziemlich schwer ist, eignen sich nur junge, kräftige Leute dazu. Die tägliche Arbeitszeit beträgt acht Stunden. Als Lohn erhält der Arbeiter im Anfange ungefähr 1.25 Francs (1.20 Kr., 50 Kopeken) pro Tag; geübten Arbeitern wird später bis zu 2 Francs (1.90 Kr., 80 Kopeken) gezahlt. Bei 25 Arbeitstagen im Monat verdient also der Arbeiter im Anfange 32 Francs, später bis zu 50 Francs. Dieser Arbeitslohn reicht zum Unterhalt für eine Familie nicht aus, denn eine Familie von Mann, Frau und zwei Kindern braucht zum Unterhalte 75 Francs monatlich, nämlich 15 Francs für Wohnungsmiete und 60 Francs für Nahrungsmittel; ein unverheirateter Arbeiter kann