Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 27 (2.7.1909)
- Date
- 1909-07-02
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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592 WEMELf No. 27 Auch diese Resolution entfesselte noch einen scharfen Kampf. Die Anhänger der von St. Louis eingebrachten Resolution sahen darin ein Verschlerjpungsmänöver und erklärten, auf der Oberleitung der von ihnen beantragten Gesellschaften durch die Federation deshalb bestehen zü müssen, weil dadurch das* diesen Gesellschaften zufließende Kapital, das sie sonst auf 1OQO00 Dollar veranschlagten, leicht bis zu einer Million gebracht werden könne. Dem wurde entgegengehalten, daß es gegen die Grundsätze der Organisation verstoße, weun man diese selbst mit Kolonisationsarbeit in Palästina identifiziere. Abends gaben die Jügendzirkel eine festliche Veranstaltung, die die ausgezeichneten Erfolge dieser Zirkel ins hellste Licht rückte. Auch in der Montagssitzung wehte eine scharfe kritische Luft. Der Bericht des Organisationskomitees wurde nicht genehmigt. Eingehend wurde über den Bericht des Erziehungsausschusses verhandelt. Der Bericht wurde einstimmig angenommen. Eine Menge von Anregungen wurden gegeben, die eine schärfere Durchdh'ngüng der Massen mit kulturellen Werten zum Zweck hatten, U. a. wurde beschlossen, auf eine stärkere Vertretung, der Ziöhisten in den Schulleitungen zu dringen. Der Vorsitzende (des Erziehungsausschusses, Herr David Schneeberg, erntetete für seine ausgezeichnete Arbeit lebhaften Beifall. (Schluß folgt) England (Von unserm Berichterstatter) Der erste jüdische Kabinettminister in England Am verflossenen Sonntag kündigten die Zeitungen ein geschicht liches Ereignis an; — die Ernennung des ersten Juden zum Mitglied des englischen Ministerkabinetts. Der Name des so ausgezeichneten Staatsmannes ist Mr. Herbert Samuel, der in das Ministerium des verstorbenen Sir Herbert Campbeli-Bannermann im Dezember 1905 als Unterstaatssekretär des Innern eintrat. In dieser Stellung, die keinen Sitz im Kabinett mit sich bringt, gewann Mr. Samuel die Anerkennung aller Parteien durch den Takt und das Geschick, mit denen er das Kinderschutzgesetz durchs Parlament steuerte, ein Gesetz, das einen Markstein in der sozialen Gesetzgebung Englands bedeutet. Das Amt, zu dem Mr. Samuel jetzt berufen wurde, ist das des Kanzlers des Herzogtums Lancaster, an Stelle des Lord Fitzmauricey . eines Bruders des Lords Landsdowne, der wegen Krankheit zurückgetreten ist. Diese Stellung bringt nicht viel Arbeit mit sich, da ihr Amtsbereich beschränkt ist; aber man erwartet, daß der Staatsmann, der diesen Posten bekleidet, der Regierung in jeder Gefahr besonders wertvollen Beistand leistet, und Mr. Samuel hat bereits den Beweis der erforderlichen Gewandtheit erbracht. Es ist nicht ohne Bedeutung, von seinem Erfolg Notiz zu nehmen, denn Mr, Samuel ist der erste bekennt nistreue Jude im Kabinett. Er ist ein)Mitglied der New-West-End Synagogue und. mit . einer Tochter des verstorbenen, durch seine Orthodoxie und Wohltätigkeit bekannten Ellis Franklin verheiratet. Sein Onkel ist Lord Swaythling, der Präsident der Federation of Synagogues in East End. Mr. Herbert Samuel ist erst 39 Jahre alt und ist ein jüngerer Bruder des Parlamentariers Mr. Stuart Samuel. Ein Angriff auf Lord Rothschild Die politische Sensation der Woche war der Angriff, den Mr. Lloyd-George, der Kanzler des Schatzamtes recte Finanzminister, gegen Lord Rothschild machte. Die Rede, die den Angriff enthielt,, wurde nicht im Hause der Gemeinen, sondern bei einem öffentlichen Mahle gehalten,' das von fast allen Mitgliedern der liberalen Partei besucht war, urid bei dem der Premierminister eine beredte Verteidigung des Budgets lieferte. Der Grund zu dem Angriff des Finanzministers ist die hervorragende Stellungnahme Lord Rbthschilds beim Proteste gegen verschiedene Vorschläge der Regierung. Erst am vergangenen Donnerstag war er der fiauptsprecher Sei einer öffentlichen Versammlung von Finanzmännern und Kaufleuten, die zum Zwecke des Protestes gegen das Budget veranstaltet wurde. Es ist unnötig, die Worte Mr. Lloyd-Georges zu erläutern, da sie für sich selbst sprechen. „Tatsächlich haben wir bei all diesen Dingen zu viel Lord Rothschild. Wir haben keine Wirtschaftsreform in diesem Lande. Warum? Weil Lord Rothschild die Peers in einem Zirkulär darum ersucht hat, dagegen zu stimmen. Wir müssen mehr Dreadnoughts haben. Warum? Weil Lord Rothschild es uns bei einem Meeting* in der City gesagt hat (Gelächter). Wir brauchen sie nicht zu bezahlen, wenn wir sie bekommen haben. Warum? Weil Lord Rothschild es gesagt hat'; (Gelächter). Wir dürfen keine Besitzsteuer haben. Warum? Weil Lord Rothschild einen Protest im Namen der Bankiers dagegen verlassen hat (Gelächter). Wir dürfen keine Erbschaftssteuer haben. Warum?1 Weil Lord Rothschild, der Vorsitzende einer-Versicherungsgesellschaft, erklärt, er würde sie nicht zulassen (Gelächter). Sie dürfen keine Steuer aufunbebautes Land legen. Warum? Weil Lord Rothschild Vorsitzender einer Industrie-Baugeseilschaft ist (Gelächter). Sie sollen keine Altersversicherung haben. Warum? Weil Lord Rothschild Mitglied eines Komitees war, das sagt, diese Einrichtung sei unmöglich (lautes Gelächter). Gut, ich möchte ''wissen, ist 'Lord Rothschild der Diktator dieses Landes?••' Sind uns; wirklich 1 alle Wege der finanziellen und sozialen Reform versperrt: Kein Durchs gang! Befehl Nathaniel Rothschilds!? (Beifall und Gelächter:) Es gibt Länder, wo man es sehr zum Ausdruck gebracht hat, daß man nicht die Politik von den großen Finanzleuten diktiert haben will. Und wenn es nötig ist, ^wlrd unser Land dem Beispiel dieser Länder folgen." (Lebhafter Beifall1.); >• Es ist überflüssig zu sagen, daß diese Rede den Haüptgesprächsgegenstand der letzten Tage gebildet hat. Die Apostrophierung als „Nathaniel Rothschild" wird als ein Hinweis auf den fremden Ursprung Lord Rothschilds betrachtet. Es ist zweifelhaft, ob irgend ein anderer Lord Gegenstand eines so scharfen Angriffs geworden wäre. Indessen unsere jüdischen Lords, wie vornehm auch ihr Charakter sein mag, werden daran erinnert, daß sie Juden sind, — von einem liberalen Minister! Konferenz jüdischer Literaturvereine Die jährliche Tagung der jüdischen Literaturvereine fand am Sonntag im JewsV College statt. tEs waren Vertreter aus London und aus vielen Provinzstädten erschienen,. Die Verhandlungen betreffen meist geschäftliche Gegenstände. Der Bericht erwähnt, daß seitens des Verbandes ein „Schalom AIeichem Abend" veranstaltet wurde und daß in diesem Jahre in East End eine Serie von Vorträgen über „Die moderne Periode der jüdischen Geschichte" abgehalten wurde. Leider verzeichnet der Bericht auch das Eingehen mehrerer Vereine. Ungarn (Von unserm Berichterstatter) , „ Israelitischer11 Antisemitismus; Die Oberbehörden der ungarischen Judenheit, die neologe und orthodoxe Landeskanzlei, erachteten es zwar nie als ihre Aufgabe und Pflicht, die Interessen der Judenheit zu verteidigen und das Judentum zu. festigen, doch hielten es die Führer bisher zumindest für unangemessen, die israelitische Konfession zu schädigen. Allein, tempora mutantur: der Liberalismus wurde zu Grabe getragen, der Antisemitismus tat unter der Ägide der allmächtigen Volkspartei seinen Siegeszug durchs ganze Land an, und da glaubten denn „unsere Führer" dem Zeitgeiste Rechnung tragen zu müssen, und die beiden israelitischen Landeskanzleien wurden, antisemitisch. Von dem antisemitischen Grundsatze ausgehend, daß es .auch ordentliche Juden gäbe, beschlossen sie eine Scheidung der Juden in erst- und zweitklassige vorzunehmen, Rechte nur den erstklassigen, vollwerten Israeliten zuzugestehen, hingegen die Pflichten der zweiten Klasse aufzubürden, wobei es als natürlich und selbstverständlich gelten mußte, daß vollwertig nur derjenige Israelit genommen wurde, der die Infallibilität und Allweisheit der Führer anerkannte, Und in ihrer Liebe für die Konfession verstiegen sich die Führer sogar so weit, die zweitklassigen Juden zu Feinden des ungarischen Staates und der ungarischen Kultur zu stempeln. Ein schändlicherer Verrat der' jüdischen Sache wurde wohl noch nie begangen! Die Tatsachen, die es. verdienen, als Schandmal in der jüdischen Geschichte verzeichnet zu werden, sind folgende: In einigen orthodoxen Gemeinden wurden in letzter Zeit Vorstände gewählt, die teils wegen ihrer zionistischen Gesinnung, teils aus andern Gründen den orthodoxen Machthabern nicht genehm waren. Da gegen die Legalität der Wahlen nichts einzuwenden war, und die Gewählten sich des Vertrauens der breiten Volksmassen erfreuten, konnte die das verlotterte Reghne der Landeskanzlei bedrohende/Gefahr hur durch eine gründliche Reform des Gemeindewahlrechtes beseitigt werden, und zwar in der Weise/ daß das Wahlrecht nur einem kleinen Kreise von „gesinnurigstüchtigen" Gemeindemitgliedern als Privilegium reserviert würde. Diesem Zwecke sollten folgende zwei Mittel, dienen: In einigen Gemeinden gab es veraltete, zum Teil in Vergessenheit geratene Statuten, laut welchen : nur diejenigen Kultüssteüerzahler als vollberechtigte Ge-