Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 27 (2.7.1909)
- Date
- 1909-07-02
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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590 DIE^ELT No. 27 kannte der große amerikanische Dichter Amerika besser, als der nichtarnerikanische Verfasser des „Melting-Pot". Dann sprach Mr. Straus über die Pläne der Territorialisten und sagte: „Der Zionismus will nicht ein Haus mit vier Wänden und einem Dach, sondern ein Heim. Er strebt nicht nach einem Land, sondern nach einer Heimat. Der Zionismus sucht nicht nach einem Punkt auf der Erde, wohin der Jude deportiert werden kann, sondern wohin er zurückkehrt." Das Gelächter und der fröhliche Beifall, die Mr. Straus' sarkastischen Wendungen über die „Schmelztiegelpolitik" folgten, bewiesen, wie der „Jewish Comment" sagt, daß Mr. Zangwill als der Verfasser eines unglücklichen Stückes ebenso bekannt ist, wie er es in der Rolle des sich als Erlöser seines Volkes Aufspielenden ist. Alles in allem war die Rede Mr. Straus' ein warmer Appell für jüdische Tätigkeit in Palästina, der jeden Versuch einer Kolonisation irgendwo perhorreszierte. Im Namen der Stadt New York, „der Stadt, die mehr Juden zählt als irgendeine Stadt der Welt" begrüßte die Konferenz im Auftrage des Mayors Herr N. Tajdor Phillips, Deputy Controller der Stadt New York. Er bekannte sich als einen begeisterten Zionisten, der der Bewegung seit dem ersten Rufe Herzls angehört. Zugleich aber stellte er sich als Amerikaner vor, als der Typus eines solchen Amerikaners, dessen Vorfahren seit Jahrhunderten im Lande ansässig sind, und der trotzdem oder eben deshalb doch ein eifriger und glühender Zionist ist. „Der Platz für den Zionismus ist Zion und nirgendwo anders. Mein „Schmelztiegel" ist nicht ein solcher, worin Juden mit Christen verschmolzen werden, sondern worin der Jude sich verschmelzen soll mit seinem eigenen Volke. (Stürmischer Beifall.) Niemals war die Situation für uns besser. Dieselbe Methode, die uns Mesopotamien geben würde, könnte uns auch Palästina geben, und es würde keine größere Schwierigkeit bereiten, von der Türkei die Erlaubnis zur Besiedelung Palästinas als Mesopotamiens zu bekommen." Diese Begrüßungsrede erweckte großen Beifall, der sich zu einem unbeschreiblichen Enthusiasmus auswuchs, als Dr. Magnes, der beliebte Vizepräsident der Federation, das Wort zur Entgegnung nahm. Die ganze Versammlung erhob sich, Stürme von Beifall durchbrausten das Haus, Fahnen und Tücher wurden geschwenkt und es dauerte lange, bis sich der Redner verständlich machen konnte. Seine Rede war das Meisterstück eines Aufrufs für Palästina. „Palästina ist ein wundervolles Land," sagte er tiefbewegt, „es ist unser Land. Seine Hügel und Täler und Flüsse rufen uns zu: Kommt, meine Kinder, kommt zu eurer Mutter, deren ausgebreitete Arme und nährende Brüste euch erwarten!" „Die Territorialisten verstehen uns nicht. Was sie tun wollen, wollen sie für andere tun. Wir aber arbeiten nicht im Namen derjenigen, die jenseits des Meeres leiden, sondern um unserer selbst willen, auf daß wir hier in dieser großen und glorreichen Stadt Juden sein sollen, ohne einen Riß in unserrn Gemüt und ohne Furcht in unserm Herzen." Hierauf hielt der Präsident der Federation, Herr Dr. Fried enwald, von stürmischem Beifall begrüßt, die eigentliche Eröffnungsansprache. Er gedachte zunächst der Toten des Jahres: Dr. Leopold Korm und Dr. Oskar Marmorek, sowie Dr. Radin, um ferner in warm empfundenen Worten Dr. Nordau die Glückwünsche der Federation zu seinem bevorstehenden sechzigsten Geburtstage auszusprechen. Die Federation werde seinen Geburtstag in würdiger Weise begehen. Sodann ging er zu den Ereignissen des verflossenen Jahres über und erwähnte zuerst die Schaffung einer jüdischen Gesamtgemeinde in New York. „Die größte und aus den widerstreben dsten Elementen zusammengesetzte Masse der Juden der ganzen Welt habe es für nötig gefunden, eine organisierte Gemeinde zu bilden und habe den Versuch erfolgreich durchgeführt. Für uns' Zionisten habe dies ein besonderes Interesse, weil sich eben hier ein Erstarken des Einheitsgefühls gezeigt habe, für das der Zionismus eintritt, dann aber auch infolge der hervorragenden Stellung, die die Zionisten bei der Entstehung dieses Planes und seiner endgültigen Verwirklichung eingenommen haben. Die Fortschritte der Bewegung in Amerika seien sehr ermutigend. Im Laufe des Jahres sei die lange geplante jüdische Wochenschrift der Federation erschienen und habe die beste Aussicht auf Erfolg. Die Sammlungen für Schekel, Nationalfonds und andere zionistische Zwecke hätten im abgelaufenen Jahre rund 15 000 <p, d. s. ca. 65 000 Mark, ergeben. Der wichtigste Fortschritt sei aber in dem bessern Funktionieren der administrativen und organisatorischen Einrichtungen der Federation zu erblicken. Die Propagandareisen Mr. Fromensons hätten sich sehr bewährt, und das schwierige Unternehmen, Ordnung in die internen Verhältnisse der Federation zu bringen, dem sich der Sekretär Dr. Jasin mit großem Eifer unterzogen hätte, sei ebenfalls von Erfolg begleitet gewesen. Mit großer Genugtuung gedenkt sodann der Bericht des unaufhörlichen Fortschrittes in Palästina und erwähnt an erster Stelle die bevorstehende Gründung des Technikums, die, wenn auch nicht in zionistischen Händen, so doch auf der Linie des Zionismus liege. Die amerikanische Federation sei stolz darauf,. die Anregung zum Besuche Palästinas durch Dr. Schmarjahu Lewin gegeben zu haben, der dann zur Aufnahme des Planes der Gründung des Technikums geführt habe. Die Ausdehnung des Interesses an Palästina zeigt sich auch in der Gründung der zahlreichen Landgesellschaften, die in letzter Zeit in Amerika entstanden seien, besonders der Achuzath Nachla in NewYork, der Hoachoozo-Palestine Land» Development Company of St. Louis und der Texas-Palestinian Land-Company und anderer. Ihnen stände eine große Aufgabe bevor. Es sei unbedingt erforderlich, daß diese Gesellschaften in irgendeiner Weise Garantiemaßnahmen träfen, denn ein Fehlschlag sei unter Umständen von tiefgehendster Wirkung. Auch die immer wachsende Zahl der Palästinabesucher beweist das erstarkende Interesse an Palästina. Das große Ereignis, das historische Ereignis indessen des abgelaufenen Jahres sei die türkische Revolution. Die Umwandlung der despotischsten und absolutesten Monarchie in einen modernen, liberalen, konstitutionellen Staat, der Zusammenbruch der Konterrevolution. und die deutlich zutage tretende allmähliche Beruhigung und Stärkung der neuen Ordnung seien von tiefstem politischem Interesse. Die Zivilisation habe wieder einen Schritt vorwärts gemacht, und niemand habe mehr Grund, sich darüber zu freuen, als das jüdische Volk. Nun haben die Zionisten die Gelegenheit, Palästina zu entwickeln und seine wüsten Strecken in fruchtbringende Ländereien zu verwandeln. Wir haben die Möglichkeit, eine immer stärker werdende jüdische Siedelung im Lande zu beginnen und die arme und elende Judenheit Palästinas in eine glückliche und gedeihende Gemeinschaft zu verwandeln. Es liegt in den Händen der Juden selbst, dieses Ziel zu erreichen, der Juden überall in der Welt. Denn ohne unsere Hilfe sind alle Versuche unmöglich. Die Juden der Welt haben jetzt der Erwerbung von Land und seiner Bebauung der Ausführung der großen Projekte zur Hebung und Verbesserung des Landes, der Besserung der Kulturverhältnisse usw. usw. ihre Mitwirkung zu leihen. Die bereits bestehenden Institutionen müssen gekräftigt werden, und gerade aus Amerika müssen die größten Summen den Direktoren unserer Anstalten zur Verfügung gestellt werden. Das trifft insbesondere für unsere Banken zu. Dr. Friedenwald wies sodann auf den Umschwung in den An- * schauungen der Territorialisten hin, die sich uns offenbar wieder zu nähern beabsichtigten. Das dürfe uns aber nicht veranlassen, von unserm unwandelbaren Standpunkt auch nur im geringsten abzugehen. Unsere Palästinapropaganda müsse immer stärker werden und müsse sich ausbreiten und vertiefen unter den Juden der ganzen Welt. Mit einem feurigen Aufruf für Palästina schloß die hochbedeutsame und eindrucksvolle Rede, die die Zuhörer ganz in ihren Bann zwang und sie zu stürmischem, sich immer wiederholendem Beifall fortriß. Es folgte die Verlesung zahlreicher Begrüßungsschreiben von Präsident Wolffsohn, J. H. Kann, Prof. Warburg, Dr. M. Nordau, Dr. Bodenheimer, M. Ussischkin, N. Sokolow u. a. Nach einer Ansprache des Rev. Masliansky und einem ausgezeichneten Vortrage von Prof. Max Margolis über das Thema: „Der große Zionist des Exils" schloß die imposante Versammlung mit dem Absingen zionistischer Lieder. Die erste Sitzung der Konferenz fand am Sonntag vormittag statt. Zu Beginn wurden verschiedene Begrüßungsschreiben verlesen, von denen insbesondere das nachfolgende des Präsidenten Wolffsohn Beifall auslöste: Sehr geehrte Herren Gesinnungsgenossen! Ich sende Ihrer 12. Jahresversammlung meine aufrichtigsten und herzlichsten Glückwünsche. Mögen Ihre Beratungen inhaltsreich und Ihre Beschlüsse fruchtbar und segenbringend sein! Sind zionistische, jährliche Landeskonferenzen überall von großer Wichtigkeit für die Erstarkung unserer Organisationen und für die Entwicklung einer ersprießlichen Tätigkeit all unserer Kräfte, so muß man doch den amerikanischen Landeskonferenzen eine noch viel größere Bedeutung beimessen. Infolge der großen Entfernung sind ja die meisten unserer Gesinnungsgenossen in Amerika nicht imstande, unsern Kongressen beizuwohnen. Deshalb haben die Jahreskonferenzen, die Sie in Ihrer eigenen Mitte abhalten, die hohe Aufgabe, auf die Mehrheit der Zionisten Amerikas denselben erzielichen Einfluß ausüben, dieselbe Kräftigung der Einheit herbeizuführen, denselben Enthusiasmus anzufachen und dieselbe Energie anzuspornen, die unsere Kongresse bei der Gesamtheit unserer Partei bewirken. Es ist dies im gegenwärtigen Jahr von um so größerer Bedeutung, zumal der Kongreß in diesem Jahre infolge der politischen Verhältnisse — Neugestaltung der Türkei — erst im Dezember