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Die Welt · 1909-07-02 · 27 (2.7.1909) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
27 (2.7.1909)
Date
1909-07-02
Page
– (sequence 4)
Language
German
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586 DIESaKELT No. 27 Für den Zionismus heißt es, nicht verkennen, daß die akute Lage der nationalen Probleme, jedenfalls für den Moment, eine Erschwerung seines Vormarsches bedeutet. Die türkischen Nationalisten sind mißtrauisch geworden gegen alle Nationalitäten. Durch das griechische Beispiel geschreckt, fürchten sie von jedem andern Elemente, auch dem friedfertigst und reichsgetreuest gesinnten, ähnliche Komplikationen. Und so kann nicht nur die Fortarbeit und der Ausbau unserer hebräischen Erziehungsanstalten in Palästina gefährdet werden, sondern auch die schon sehr nahe gerückte Einwanderung größerer jüdischer Massen in die Türkei ein unliebsames Hemmnis erfahren. Jedenfalls ist diese plötzliche Ungunst der Konjunktur nur auf diese allgemeinen politischen Ursachen zurückzuführen und nicht etwa auf andere Motive, wie sie der durchaus übertriebene Bericht des „Jewish Chronicle" anzunehmen schien. Auch ist, wie wir bestimmt versichern können, eine Petition aus Jerusalem oder von Seiten eines Deputierten gegen die jüdische Kolonisation an die Kammer, von der der ganz falsche Bericht des „Jewish Chronicle" zu melden wußte, weder eingegangen noch an eine Kommission weitergegeben worden. Daß hiesige jüdische Kreise, die die Denkweise und Gemütsstimmung aus ältern Zeiten der Unfreiheit noch picht verloren haben, bei jedem Schritt von Juden als Juden in die Öffentlichkeit von der Furcht einer unheilvollen Wirkung ergriffen werden, ist nicht zu verwundern. Unsere Informationen an maßgebenden Stellen haben jedoch nichts zutage gefördert, was dem Zionismus gegenüber diese Furcht als gerechtfertigt erscheinen ließe. Im Gegenteil hat die Verteidigung unserer angegriffenen und verleumdeten Gedanken allenthalben günstigen Eindruck hervorgerufen. Die hiesige Presse, die türkische nicht ausgenommen, hat bisher, kein einziges Zeichen der Mißbilligung gegeben, sondern sich äußerst wohlwollend gegenüber der Äußerung der zionistischen Zukunftspläne verhalten. Und die Presse muß noch immer, und auch hier, als der beste Spiegel der herrschenden Meinungen angesehen werden. Wenn Schwierigkeiten vorhanden sind, so liegt das, wir wiederholen, an den allgemeinen Zuständen. Die Hoffnung, daß diese sich bald wieder besser gestalten, ist durchaus nicht abzuweisen. Die Jungtürken wie die Griechen werden erkennen, welchem Abgrund sie sich nähern, und werden rechtzeitig bremsen. Die bisherige Mäßigung auf beiden Seiten wird wiederkehren und auch der jüdischen Frage ihre augenblickliche Unerquicklichkeit nehmen. Jüdische Deputierte des türkischen Parlaments in Europa Auf Einladung der Parlamente von London und Paris wird sich an diesem Mittwoch eine Deputation hiesiger Abgeordneter auf die Reise nach Europa begeben. Dieser Deputation werden auch die jüdischen Abgeordneten Nessitn Mazliah Effendi und Sasson Effendi angehören. Die Juden und der Militärdienst Wie bereits gemeldet, hatte die letzte Versammlung des Mischlisch Umumi eine Kommission zum Studium der Frage des jüdischen Militärdienstes eingesetzt. Diese Kommission, in die u. a. auch unser Gesinnungsgenosse Rabbiner Dr.. Markus gewählt war, hat beschlossen, drei Wünsche im Namen der ottornanischen Juden durch den Chachambaschi der Regierung und der Parlamentskommission zu übermitteln: 1. Es möge denjenigen jüdischen Soldaten, die rituell zu leben wünschen, ihre Verpflegung in Geld abgegeben werden, damit sie sich auf eigene Faust beköstigen können. 2. Es mögen die Rabbiner der großen Garnisonsfädte das Recht und den Staatsauftrag erhalten, in jeder Division aus der Mitte der jüdischen Mannschaft einen Asker-Chacham zu ernennen, der als Chasan oder Schochet für die religiösen Bedürfnisse, der jüdischen Soldaten zu sorgen in der .Lage wäre. 3. Es möge den jüdischen Soldaten zu Pessach und an den Jamim hatowim ein Urlaub gegeben werden, der es ihnen ermöglicht, an dem Gottesdienste der nächsten größern Gemeinde teilzunehmen. Allenthalben besteht die Ansicht, daß diese Forderungen ohne weiteres Bewilligung finden werden und daß infolgedessen die Frage des jüdischen Militärdienstes, die der Chachambaschi anfangs glaubte als schwierige pessimistisch betrachten zu müssen, leicht zur Befriedigung beider Teile gelöst sein wird. Eine neue jüdische Zeitung Mit dem 25. Juni ist ein neues jüdisches' Wochenblatt in französischer Sprache, ,. L'Aurore", in Konstantinopel erschienen. Herausgeber ist ein bestbekannter hiesiger Publizist. Das Blatt, das vorläufig nur vier Seiten stark erscheint, aber bald seinen Umfang verdoppeln und zweimal wöchentlich herauszukommen gedenkt, ist in gut nationalem Sinne geleitet und scheint dem Zionismus gegenüber eine sehr sympathische Haltung einzunehmen. Das programmatische Vorwort nimmt in seinen ersten Zeilen das Schlagwort des Programmartikels der ersten Nummer der „Welt" auf, um es als das seine zu adoptieren. Weiter bringt die Nummer den ersten Artikel einer Enquete über den Zionismus, die, wenn die weitern ähnlich sind, sich zu einer für unsere Sache gestalten wird. Das Blatt ist von der hiesigen Presse mit Beifall begrüßt und der wackere Herausgeber, IM. Luden Scinto, beglückwünscht worden. Wir schließen uns mit den besten ^Wünschen an. Eine Palästinabank Die heutige Ausgabe des türkischen Staatsanzeigers teilt die Verleihung einer Konzession für eine Palästinabank an die Firma Hadschi Jussuf & Cie. mit. Das Vereinsgesetz In der ersten Lesung des Vereinsgesetzes am 26. d. M. ist der vierte Artikel, der das Verbot politischer und auf ethnologischer oder nationaler Basis aufgebauter Vereine und Gesellschaften enthielt, mit überwältigender Majorität verworfen worden. Damit ist eine gefährliche Klippe vermieden worden. Alle Reichselemente, die Türken so gut wie die Nationalitäten, haben Ursache, sich zu gratulieren. Ferner ist der Artikel, der Verei nen das Recht juristischer Personen gibt, angenommen worden. Ebenso ist den Vereinen das Recht gegeben worden, auf ihren Namen Boden zu kaufen. (Minister Ferid Pascha hat zwar gegen diese . Beschlüsse der Kammer Protest eingelegt, wird aber zweifellos nichts gegen sie ausrichten. Dasselbe Ergebnis scheint auch für die zweite und dritte Lesurig sicher, da die gesamte jungtürkische Partei sich energisch dafür einsetzt.) Die ganz außerordentliche Bedeutung, die die Annahme dieser beiden Beschlüsse für den Zionismus und die praktische Kolonisationstätigkeit hat, braucht wohl keine Auseinandersetzung. Türkische Nationalgesellschaft Ober die Gründung dieser Gesellschaft, über die wir bereits in unserer letzten Nummer berichteten, erfährt die „Deutsche Orientkorrespondenz" noch folgendes: „Die Nationalgesellschaft für Industrie, Handel und Ackerbau in der Türkei ist am 18. Juni in Paris konstituiert worden. Die Gründung erfolgte auf Initiative der „Banque de Paris et des Pays-Bas" unter Mitwirkung der Ottomanbank, der SociSte" Generale in Paris und der Deutschen Bank in Berlin. Die Statuten sind bereits vom türkischen Arbeitsministerium genehmigt und durch kaiserliches Jrade sanktioniert. Das Hauptziel der Gesellschaft ist die Schaffung der türkischen Bodenkreditbank, deren Statuten der ottomanischeri Regierung sofort eingereicht werden sollen. Die erste Generalversammlung wurde in Paris unter Vorsitz von Ghasi Ahmed Muchtar Pascha abgehalten, der der Führer der europäischen Sondergesandtschaft ist." Ober das eigentümliche Telegramm des „Jewish Chronicle" nach Konstantinopel, von dem wir in unserer letzten Nummer berichteten, äußert sich der dieswöcherrtliche „Jewish Chronicle", wie folgt: „In unserer letzten Nummer kündigten wir an, daß wir in Anbetracht der ernsten Nachrichten, die uns von unserm Konstantinopeler Korrespondent zugegangen waren und die von einer möglichen antijüdischen Agitation sprachen, verursacht durch die Verbreitung von absurden Berichten über die Absichten der in der Türkei angesiedelten oder anzusiedelnden Juden, unsern Vertreter telegraphisch instruiert hatten, in unserm Namen öffentlich die Versicherung abzugeben, daß niemals Einwanderer nach dem Türkischen Reiche durch die Organisationen des Westens unterstützt würden, wenn sie nicht die selbstverständliche Forderung erfüllen würden, so schnell wie möglich loyale Untertanen Seiner Majestät des Sultans zu werden. Wir bedauern nun, aus der Presse zu erfahren, daß unser Vertreter bei der Bekanntgabe unserer Botschaft, ohne sich mit uns in Verbindung zu setzen, ganz auf eigene Verantwortung hin, gewisse Worte unserm Telegramm], wie es in unserer letzten Nummer abgedruckt war, hinzufügte, Worte, die wir niemals hinzugefügt haben würden. Wir haben uns mit unserm Vertreter in Verbindung gesetzt und ihn aufgefordert; eine Erklärung für sein Vorgehen zu geben."

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