Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 14-15 (2.4.1909)
- Date
- 1909-04-02
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
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wendigen Schlüsse ohne Versäumnis aus der Situation zu ziehen. Man spricht davon, daß die jüdischen Deputierten und die Notabein der hiesigen Gemeinde zu Beratungen über die Angelegenheit zusammentreten werden. Der Chachambaschi seinerseits hat die allerwillkommenste Gelegenheit seine große Idee der Vereinigung der alljüdischen Organisationen auf dem Boden gemeinsamer Arbeit im türkischen Orient zu realisieren. Er hat jetzt zu beweisen, daß er nicht nur ein Mann der Worte, sondern auch der Tat ist. Wir dürfen wohl erwarten, daß er, an den der Kammerpräsident die Aufgabe gab, die jüdischen Organisationen über den gewaltigen Plan zu informieren, keine Sekunde mehr ungenützt verstreichen läßt, sondern seine „Königstat" beginnt. Das zweite Wort werden die Organisationen selber zu sprechen haben. Das letzte entscheidende Wort aber wird unbedingt vom jüdischen Volke selber fallen. Es wird „Palästina" heißen! In loyalster Weise das Vertrauen des großen, neugeborenen türkischen Volkes rechtfertigend, mit seinen Fähigkeiten zur Hebung, Stärkung und Bereicherung des ottomanischen Gesamtreiches nach Kräften beitragend, wird es darüber doch auch sein eigenes Heil, seine eigene endliche Erlösung und Neugeburt nicht vergessen. Und diese wird durch seine ökonomische und moralische, von separatistischer Politik unberührte Konzentration im Lande Israels vor sich gehen. ^KORRESPONDENZEN^ Diese Rubrik, für die die Redaktion keine Verantwortung trägt, ist Zuschriften aus dem Leserkreise zum freien Meinungsaustausch offen Zionismus und Religion Eine Erwiderung In der Nummer vom 5. d. M. der Wiener Jüdischen Zeitung hat ein Herr St. das Verhalten der akademischen Verbindung „Unitas", die an einem Samstag eine feierliche Auffahrt zur Universität veranstaltete, verteidigen zu müssen geglaubt. Da Herr St. gerade vom zionistischen Standpunkte den Ärgernis erregenden Vorfall zu rechtfertigen suchte, möchte ich seine Ausführungen nicht unwidersprochen lassen, um nicht dem Glauben Raum zu lassen, als handele es sich im vorliegenden Fall gar um eine offizielle Sanktion des von der Unitas beliebten Vorganges durch die zionistische Partei, wenn auch die „Jüdische Zeitung" natürlich kein offizielles Organ ist und ihre Veröffentlichungen demgemäß nicht als offizielle Verlautbarungen zu betrachten sind. Ich halte die Veranstaltung einer offiziellen Auffahrt zur Universität am Samstag seitens einer zionistischen Studentenverbindung, < mag sie auch sonst im studentischen Brauch üblich sein, für ein Ärgernis, eine Taktlosigkeit und einen schweren politischen Fehler, der in Deutschland, selbst bei den im K. C. vereinigten rein assimilatorischen Verbindungen unmöglich wäre. Aber wenn man es noch immer begreifen, wenn auch keineswegs entschuldigen kann, daß junge Leute, dem studentischen Brauch Rechnung tragend, einmal einen Fehler machen, so ist es m. E. auf das entschiedenste zu mißbilligen, wenn dieses Verhalten gar noch nachträglich öffentlich in einem weitverbreitesten nationalen Blatt gewissermaßen mit dem zionistischen Plazet bedacht wird. Die selbstverständliche Solidarität mit unsern Gesinnungsgenossen darf uns nicht hindern, Fehler, die von ihnen gemacht werden, offen als solche einzugestehen; die Freude, die wir an der tüchtigen Arbeit unserer Studentenschaft sonst empfinden, darf uns nie von einer, im Gesamtinteresse notwendigen Kritik abhalten noch veranlassen, die Verantwortung für einen schweren Fehler, der von ihr gemacht wurde, ohne weiteres auf die Partei zu übernehmen. Und ebensowenig kann uns das Triumphgeheul der Gegner in unserer Haltung irgendwie beeinflussen. Ich stehe nicht an, die Antwort, die Herr Dr. Stern unsern Studenten gab, sachlich gerechtfertig zu finden. Ich hätte es bedauern und gerade vom zionistischen Standpunkte aus tadeln müssen, wenn der Präsident der größten jüdischen Kultusgemeinde Oesterreichs sich an einer solchen Brüskierung der religiösen Empfindungen der Judenschaft beteiligthätte. Wie weit es dabei gerade ihm, wie weit es den andern Kritikern dabei ehrlich um die jüdische Sache zu tun war, in wieweit die zahlreichen gehässigen Angriffe von ehrlicher Entrüstung oder von Schadenfreude veranlaßt, wie weit unsere Gegner anständige oder unanständige Menschen sind, muß für die Beurteilung des Falles ganz außer Betracht bleiben. Den Maßstab für die Beurteilung unserer Handlungen tragen wir in uns, und dürfen uns darin nie durch Tadel oder Beifall der Gegner beirren lassen. Wir sind stark genug, um einen begangenen Fehler einer zionistischen Korporation offen zu rügen, oder einen von uns begangenen Fehler — und die Frage ist noch offen, inwiefern die in Betracht kommende Parteiinstanz das Ärgernis nicht noch rechtzeitig hätte verhüten können und sollen — einzugestehen. Ob wir aber stark genug sind, um stets die von einzelnen gemachten Fehler auf die Partei zu übernehmen, jeden einzelnen ohne Rücksicht auf die Richtigkeit seiner Haltung durch die Partei zu decken, scheint mir noch sehr zweifelhaft. Das Verhalten der Unitas ist gerade vom zionistischen Standpunkte aus nicht zu entschuldigen und absolut zu verurteilen. Der für uns maßgebende Grundsatz „Religion ist Privatsache" besagt, daß der Einzelne es für seine Person halten könne wie er wolle, heißt weiter, daß von Parteiwegen in positiver Hinsicht irgendwelche religiösen Handlungen weder vorgeschrieben noch vorgenommen werden können; bedeutet aber nicht, daß seitens der Organisation, als solcher auch in negativer Hinsicht, die religiösen Gebote einfach ignoriert werden können. Im Gegenteil hat hierüber in der Partei stets Einigkeit geherrscht, daß seitens der zionistischen Organisation offiziell nichts unternommen werden dürfe, was gegen die religiösen Gebote verstößt. Selbst Herr St. ist darin anscheinend der gleichen Ansicht; allerdings geht er in der Auslegung dessen, was ein interner privater Akt sein soll, sehr weit. Diese bisher beobachtete Übung, daß die Organisation als solche zwar nichts zu tun brauche und dürfe, was ein positives religiöses Bekenntnis voraussetzt und zum Ausdruck bringt, und daß gegen die Überzeugungen eines Teils der Gg. verstoßen würde, daß sie># aber anderseits alles unterlassen müsse, was die religiösen Überzeugungen des konservativ gerichteten Teils unserer Gg. verletzen müßte, ist eine ganz selbstverständliche Konsequenz unseres Programms und der Idee, die unserer Organisation und Bewegung zugrunde liegt. Wenn es uns ernst ist mit dem Wunsche, ganz Israel in unserm Lager zu vereinigen, dann dürfen wir doch unsern konservativ gesinnten Gg. nicht zumuten, sich an Äußerungen der Partei zu beteiligen oder für solche als Mitglieder verantwortlich zu sein, die sie in ihren heiligsten Empfindungen auf das tiefste verletzen müssen. Wir dürfen sie nicht vor das Dilemma stellen, entweder gegen ihre zionistische Pflicht der Mitarbeit oder ihre religiöse Überzeugung zu handeln. So wie wir, die wir in dem überlieferten Gesetz nicht die Basis der jüdischen Gemeinschaft erblicken, für uns das Recht in Anspruch nehmen, zu verhindern, daß die Organisation uns zu Handlungen zwinge oder veranlasse, oder für solche uns die Verantwortung aufbürde, die gegen unsere Überzeugung in religiösen Fragen ist, so müssen wir doch selbstverständlich auch den religiös gesinnten Zionisten dasselbe Recht zubilligen. Und sollten dabei nicht vergessen, daß der religiös gesinnte Jude, der sich mit Zionisten, die lediglich das ethische Band als Zusammenhang der jüdischen Gemeinschaft anerkennen, zur gemeinsamen Arbeit für unser Programm verbindet, ein weit größeres Opfer zu bringen hat, einen weit schönern Beweis seiner Vorurteilslosigkeit und Weitherzigkeit liefert, als wir, die wir ja programmgemäß mit jedem Juden, der unser Ziel billigt, zusammenarbeiten können. Dieses größere Opfer auf der einen Seite erfordert rücksichtsvolles, taktvolles Benehmen auf der andern Seite. Wir haben doch nicht die geringste Ursache, der konservativen Judenschaft den Eintritt in unsere Organisation dadurch zu erschweren, daß wir ihnen zumuten, an Verletzungen religiöser Verpflichtungen mitzutun. Mir erscheint es als eine Pflicht des Anstandes, die religiösen Empfindungen der konservativen Judenschaft in der Partei nicht überflüssigerweise, nicht provokatorisch zu brüskieren. Und was bei dem einzelnen Sache des Taktes, ist bei der zionistischen Organisation politische Verpflichtung. Ich kann darin beim besten Willen keine Heuchelei erblicken, wenn eine Studentenverbindung es vermeidet, am Samstag ihre offizielle Auffahrt zur Universität zu machen. Eine gefestete philosophische Überzeugung ruft man nicht zum Fenster hinaus, man produziert sich damit nicht auf dem Marktplatz. Abgesehen davon, daß die Möglichkeit, daß einer Studentenverbindung auch konservative Juden angehören, sowohl theoretisch wie praktisch gegeben ist, und man solchen doch einen Gewissenszwang nicht auferlegen darf. Machen wir nicht wiederholt Assimilanten die demonstrative Außerachtlassugg jüdischer Gebote, die Brüskierung derselben zum Vorwurf, weil wir dahinter die Absicht vermuten, der Öffentlichkeit ihre Unabhängigkeit von jüdischen Geboten recht deutlich zu demonstrieren? Und was bedeutet die offizielle Auffahrt einer jüdischen Studentenverbindung am Samstag zur Universität anders als eine demonstrative Vernachlässigung jüdischer Gebote in der Öffentlichkeit? Ist das mit unserer sonstigen Auffassung wirklich in Einklang zu bringen?