Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 14-15 (2.4.1909)
- Date
- 1909-04-02
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE^ELT No. 14 320 Eine Kommission von Sachverständigen sollte das Land besuchen, seine Beschaffenheit studieren und einen Bericht über die Maßregeln ausarbeiten, die getroffen werden müssen, um Zentren für die Auswanderung nach ottomanischem Gebiet zu schaffen. Das alles müßte methodisch vorgenommen werden, um zu einem praktischen, vernünftigen Resultat zu gelangen. Genug, genug der Worte! Die Zeit vergeht, und der, der seine Zeit ungenutzt verstreichen läßt, macht sich strafbar. Handelt mehr und sprecht weniger! Sagen Sie das, ich bitte Sie darum, Ihren Freunden, veröffentlichen Sie es in Ihren Zeitungen. Es ist Zeit, hohe Zeit, von Worten zu Taten zu schreiten; „Verba volent, acta manent" (Worte vergehen, Taten bestehen), mein Freund! Und dann will ich nicht, daß man sich ein ungünstiges Bild von unsern Freunden, den Israeliten, macht. Wenn man sie an der Arbeit sieht, wenn man sich Rechenschaft davon gibt, daß diese Arbeit fruchtbar und dem Lande nützlich ist, werden die alten Vorurteile in sich selbst zerfallen. Und das ist das Resultat, das zu erlangen ich Ihnen wünsche. Ich hoffe, daß wir uns bei meinem nächsten Besuche in Saloniki nicht mehr über die Ideale unterhalten müssen, sondern daß wir uns auf das Gebiet des Wirklichen begeben können." So sprach Dr. Riza Tewfik Bey; daß doch seine Worte gehört werden möchten! Sam. Levy Chefredakteur der „Epoca" Brief aus Konstantinopel (Von unserm Berichterstatter) Der jüdische Vertreter von Bagdad Seit einigen Wochen weilt nun auch der letzte der jüdischen Deputierten in der Hauptstadt, über dessen wechselvolle Wahlgeschichte wir seinerzeit berichtet haben. Er ist jedoch nicht wie damals verlautete, durch Verzicht eines Komiteemitgliedes zu seinem Mandat gekommen, sondern durch die spät eingelaufenen Stimmen der Landbevölkerung, die seine anfänglich durch antijüdische Agitation in der Stadt verursachte Minoritätsposition schließlich in eine entscheidende Majorität umwandelten. Sasson Askel, der am 16. März 1860 als Sprößling einer reichen und berühmten Familie in Bagdad geboren wurde, erhielt seine erste Ausbildung in der Heimat, vollendete aber seine Studien in London und ganz besonders in Wien, wo er die K. K. Orientalische Akademie besuchte. Seine Bildung ist außerordentlich vielseitig, er beherrscht außer der türkischen und arabischen Sprache auch die persische, französische, englische, deutsche und italienische. Im Jahre 1898 erwarb er den Rechtsanwaltstitel. 1899 wurde er zum Direktor der Auswärtigen Angelegenheiten in Bagdad ernannt und im Jahre 1903 zum Direktor der Bagdader Schiffahrtsgesellschaft gewählt. Gegenwärtig betreibt er ein bedeutendes Handelsgeschäft in seiner Vaterstadt. Äußerlich ist Sasson Askel die stattlichste Erscheinung unter den jüdischen Abgeordneten. Seine hohe stolze Gestalt wie der mildernste offene Ausdruck seiner Augen machen ihn zu einer imponierenden ansprechenden Persönlichkeit. Ahmed Risa Bey und die Juden Der erste Präsident des türkischen Parlaments hat ernste, bedeutungsvolle Worte an das jüdische Volk gerichtet. Welches die Meinung dieses wahrhaft freien Geistes über die Juden und das Judenproblem ist, war nicht unbekannt. Aber von dieser Meinung bis zu seiner Kundgebung an die Judenheit ist ein großer Schritt, der die Tat bedeutet. Wir haben in dieser Kundgebung einen historischen Akt zu erblicken, dessen Bedeutsamkeit erst die Jahre, vielleicht die Jahrzehnte werden ans Licht treten lassen. Und an der Judenheit ist es nun, zu zeigen, daß sie den historischen Moment versteht und nicht kleiner ist, als er es erfordert. Ahmed Risa hat dieJuden aller Länder, in denen sie leiden, aufgefordert, in die Türkei einzuwandern. Der hohe Posten, auf dem Ahmed Risa steht, hebt diese Aufforderung aus der Sphäre des Persönlichen heraus und gibt ihr die Resonanz des gesamten türkischen Volkswillens, den er in erster Linie repräsentiert. Und so dürfen wir die wahrlich in unserer Geschiente seltene Genugtuung erleben, daß ein großes Volk uns bereitwillig seine Arme öffnet, statt uns, wie andere und die meisten, mit geballter Faust von sich abzuwehren. Daß diese Gastfreundschaft des türkischen Volkes dem jüdischen gegenüber nicht zum erstenmale Ausdruck gewinnt, sondern vor Jahrhunderten bereits einmal großartige Wahrheit geworden ist, gibt der Einladung ein doppeltes, zehnfaches Gewicht. Indem das Judentum sie annimmt, weiß es, daß eine hohe historische Garantie in ihr selber enthalten ist, daß es eine aufrichtige, erprobte Freundeshand ergreift und sich anschickt, auf soliden Grund zu bauen. Für den Zionismus ist das Ereignis eine längst geahnte, gewollte Erfüllung; ein Triumph, den keine Bescheidenheit uns hindern soll, voll auszukosten. Wieder einmal ein Vollbeweis für einen unserer fundamentalsten Sätze, die Realität für einen unserer Glaubensartikel. Wir haben vom ersten Tage an den politischen Zionismus darauf basiert, daß das ottomanische Reich gerade so unser bedürfe, wie wir seiner bedürfen. Diese Logik der Mutualität war die Stärke unserer politischen Überzeugung. Wollte man uns nicht glauben, so wird man sich nun durch den größten aller türkischen Patrioten überzeugen lassen, der es doch, wie kein zweiter, wissen muß. Denn kein Geschenk ist es, was Ahmed Risa dem jüdischen Volke bietet, keine Akte des Mitleids und völkerrechtlicher Philanthropie, sondern eine Gabe von uns, die er für seinen Staat verlangt; das ottomanische Interesse gibt ihm den großen Gedanken ein. Diese Grundlage ist das Ernsteste an dem Vorschlag. Hätte er uns ein Asyl angeboten, könnten wir ungläubig sein; da er von uns Vorteile erwartet, müssen wir seinem Willen restlos Vertrauen schenken. Ahmed Risa Bey richtete seine Worte an den Großrabbiner der Türkei, in dem er den erwählten Sprecher der jüdischen Nation seines Landes sieht. Bei der offiziellen Visite, die der Chachambaschi wie auf der Hohen Pforte so dem Kammerpräsidenten abstattete, richtete dieser an ihn unter anderm folgende Worte: „Wir sind der Treue der Juden zum ottomanischen Vaterlande bei jeder Prüfung absolut sicher. Wir sind überzeugt, daß die Juden große Fähigkeiten besitzen, und daß sie in allen Ländern der Welt ein Element des Fortschrittes, einen wichtigen Faktor der Zivilisation darstellen, daß die Juden eifrig für das Glück des Vaterlandes arbeiten und es herzlich lieben. Wir wünschen sehr zu sehen, daß die Juden anderer Länder, wie die russischen und die rumänischen, in unser Land kämen und uns die Mithilfe ihrer Intelligenz und ihrer Tugenden brächten. Geben Sie diese unsere Gesinnung Ihren Glaubensgenossen in Europa und den jüdischen Organisationen kund. Unser Reich leidet an einer großen Armut, während sein Boden immense natürliche Reichtümer enthält. Es gibt ungeheure Strecken im Reich, wo nur fünf Seelen auf den Quadratkilometer kommen. Die Juden wären imstande, diese Gegenden zu bevölkern, ihre Kultur über sie auszubreiten und mit Hilfe der Wissenschaft aus der Erde die Reichtümer zu ziehen, die sie verborgen hält." Die Rede Ahmed Risas, die der offiziöse „Tiempo" wörtlich wiedergibt, hat auf die leitenden Kreise der hiesigen Judenschaft einen großen Eindruck gemacht. Man weiß, daß an den höchsten Stellen im Staate keine andere Meinung, jedenfalls keine widersprechende, herrscht. Und man findet es an der Zeit, die not-