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Die Welt · 1909-04-02 · 14-15 (2.4.1909) · page 19

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
14-15 (2.4.1909)
Date
1909-04-02
Page
– (sequence 19)
Language
German
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No. 14 DIE^ELT 315 die sich dreht und klopft und Wasser spritzt; Gänse, Enten plätschern im Wasser. Die Hühner glucksen, Hähne krähen, Vögel fliegen. Ach, was für eine schöne Welt schuf Gott ihretwegen. Ihretwegen? Für wen sonst sind die hohen Bäume mit den breiten Zweigen, unter denen man so frank und frei spazieren kann. Oder für wen sonst ist die Mühle, um die sie alle mit der ganzen Mischpoche leben und keinen Fremden auf eine Meile weit zulassen. Für wen sonst ist die Sonne, die jeden Abend an einer Seite des Teiches untergeht und jeden Morgen an der andern wieder aufgeht? Was hätten sie jetzt alles hergegeben, um noch einmal in diese Welt einen Blick zu werfen, auf die schöne wärmende Sonne, auf den großen, breiten, freien, lichten Raum, auf die Mühle und all das, was umsie herum ist. . ,. Mitten aus diesen guten, goldenen Träumen hat man sie plötzlich ergriffen und ins Freie hinausgetragen. Die frische Luft des nebligen Morgens schlug ihnen ins Gesicht, und sie fühlten, wie die Flügel ihnen wuchsen, . . . gleich, gleich fliegen sie in die breite Welt hinaus, über Dächer, Gärten, Wälder dahin, dahin nach ihrem freien Heim. Dort treffen sie die ihrigen: — Gesegnet seid ihr Ankommenden! Woher kommt ihr? — Von den wilden Menschen — — Was hat man euch dort angetan? — Gepflegt zu Pessach — — Was bedeutet Pessach — — Ein Festtag, ein guter lieberFesttagder Befreiung. So träumt das gebundene Pärchen den ganzen Weg, bis man sie in ein enges, schmales, finsteres Gäßchen hineinführt und in den Straßenkot wirft. Dort erblicken sie eine mit Blut befleckte Wand, und ein ganzes Geflügelvolk liegt auf der Erde zu zwei und zu drei zusammengebunden. An der Seite stehen junge Weiber und Mädchen und plaudern und lachen miteinander. Unser Pärchen schaut sich nach allen Seiten um: Wozu hat man sie hierhergebracht? Was bedeuten die gebundenen Vögel? Warum lachen die Weiber und Mädchen? Was bedeutet die blutige Wand? Ist dies der Festtag, den man Pessach nennt? Wo ist die Freiheit, die Befreiung? So denkt unser Pärchen und betrachtet das gebundene Geflügel, das so still und ruhig herumliegt, als ob das alles um sie her ganz in der Ordnung wäre. Nur eine Henne, ein Schreihals, ruht nicht. Sie schreit mit aller Kraft, schlägt mit den Flügeln im Schmutz herum und schreit entsetzlich laut: Laßt mich, ich will nicht liegen, ich will lieber laufen, laßt mich, laßt mich! Kikariküh! ruft plötzlich ein roter Hahn, der mit zwei Hennen zusammengebunden liegt. Was sagt ihr zu der Klugen, sie will nicht liegen, sie möchte lieber laufen — — ha, ha, ha — — — Unser Truthahn hebt den Kopf, schaut den Hahn mit großen Augen an und fühlt sein Blut erkalten, seine Glieder erstarren. Schwören könnte er, daß er den Hahn einmal irgendwo gesehen und gehört hat. Aber wo, —' dessen kann er sich im Augenblick nicht erinnern. So bekannt kommt er ihm vor, auch seine Stimme. Gewalt, wo ist er ihm begegnet? Er hebt sich noch mehr in die Höhe, der rote Hahn erblickt ihn und mit seiner hohen Sopranstimme schreit er: Kü-ka-ri-kü, lange Nas! M'ot7) gestopft dich ohn a Mas Mit die beste siße Sachen, Me soll kennen fun dir machen A gebrotenes mit a Kropf, Fette Jauch8) a fule Topf Un a Hälsel in'm Zimes9) .... Es war unserm roten Poeten nicht beschert, das Liedchen zu Ende zu singen. Eine Hand erfaßte ihn so kräftig und unerwartet, daß er sofort verstummte. IX Der letzte Akt der Tragödie Es war ein wilder Mann mit einem verschlafenen Gesicht, hoch gewachsen, mager, mit langen „Pajes", in Stiefeln und Socken, den langen Kaftan aufgeschürzt, mit umgelegten Ärmeln und einem schwarzen, glänzenden Messer in der Hand. Ohne lange nachzudenken, nimmt er den roten Hahn an sich, dreht ihm den Kopf nach oben um* schaut ihm in die Augen, rupft ihm drei Federchen aus, ein Stich mit dem Messer in den Hals und marsch in den Schmutz hinein! Wie tot bleibt er eine Weile liegen; plötzlich richtet er sich aber auf und beginnt mit dem aufgeschlitzten Hals zu springen und zappelt krampfhaft mit dem Kopf, als ob er jemanden suchte, als ob er etwas verloren hätte. Unser Held betrachtet den geschlachteten Hahn, und er erkennt in ihm seinen alten Bekannten, den er schon einmal gesehen hat, und er erinnert sich an das Lied, das er ihm schon einmal sang. Und er ist nicht imstande, seiner Geliebten ein einziges Wort zu sagen, die sich an ihn schmiegt und an allen Gliedern zittert und zappelt. — Und der wilde Mann mit dem glänzenden Messer verrichtet ganz kaltblütig, einem Scharfrichter gleich, seine Arbeit. Eins nach dem andern bekommt einen Kitzel mit dem Messer in den Hals und fällt in den Schmutz. Die einen strecken sich, zappeln mit den Beinen; die andern wieder schlagen mit den Köpfen herum, zappeln mit den Flügeln über dem Schmutz. Jeder Augenblick bringt neue Opfer mit durchschnittenen Hälsen. Die Weiber und Mädchen, die an der Seite stehen, schauen zu und----nichts! — Im Gegenteil, einige werfen sich über die soeben frischgeschlachteten, noch halb lebenden Vögel und rupfen sie, reißen ihnen die Federn aus und plaudern unterdessen und lachen, als ob es Wasser und nicht Blut wäre, das dort von lebendigen Geschöpfen fließt. Wo haben sie ihre Augen? Wo sind ihre Ohren? Wo sind ihre Herzen? Wo ist ihre Gerechtigkeit, wo ihr Gott? So denken unsere unglücklichen Indians, die noch immer gebunden daliegen und dieser schauerhaften Tragödie, die sich am hellen Tage vor ihren Augen abspielt, zuschauen. Wurden sie hierher zu demselben Zweck gebracht, wie das übrige Geflügel? Sollten sie, auserwählte Aristokraten, die aus Indien stammen, ein ebenso wüstes Ende haben, wie das gewöhnliche Volk? Wahrscheinlich ist das, was man sich von den wilden Menschen erzählt, keine erdachte Geschichte? Und die Prophezeiung des roten Hahns? 7) man hat. 8) Suppe. 9) Zugemüse.

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