Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 14-15 (2.4.1909)
- Date
- 1909-04-02
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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314 DIEMKE LT No. 14 Nach Beendigung dieser Exekution entfernten sich die Weiber, und unsere unglücklichen gepeinigten Gefangenen sind wieder allein. Sie verkrochen sich in eine Ecke, näherten einander die klagenden Köpfe und versanken in solch traurige Gedanken, wie sie nur ganz selten, etwa eine halbe Stunde vor dem Tode über einen kommen. VII Der Wurm liegt im Rettich und glaubt, es gäbe nichts Süßeres Nichts nähert und befreundet so leicht, wie gemeinsame Sorgen, — als besten Beweis können die zwei unglücklichen Helden unserer Geschichte dienen. In der kurzen Zeit ihres Gefangenseins näherten sie sich einander, hörten auf, sich voreinander zu schämen, und alles Zeremonielle schwand aus ihrem Benehmen. Er nennt sie „Neschomenja", sie ihn „Lubenja"; er sie „mein Herr", sie ihn „mein Leben". Der türkische Shawl und das rote Tuch konnten sich an ihnen nicht sattsehen. — Was sagst du zu dem Ehepaar? — Ein Leben wie hinter dem Ofen. — Siehst du, wie sie sich bei mir erholt haben? Kein böser Blick soll ihnen schaden! Befühle sie unter den Flügeln . . . Na, was sagst du dazu, nicht schlimm, was? Gott mag mir schon helfen für dieses Ehepaar, das ich ihm zu Pessach gezüchtet habe. — Die wilden Weiber verrichteten ihre Arbeit und entfernten sich, und das Pärchen denkt nach über die Bedeutung der Worte „züchten zu Pessach" und warum ihr Gott helfen müsse? Und sie strengen ihr Gehirn an und diskutieren. " Was bedeutet das, Pessach, Lubenja? Pessach, Neschomenja, ist bei ihnen ein Feiertag der Befreiung, Was bedeutet das: „Befreiung"? Ich will's dir erklären. Es ist bei ihnen eine große Mizwah, unsereinen zu fangen, ihn so lange zu pflegen, bis der Feiertag, den man Pessach nennt, kommt. Und dann . . . schenkt man ihm die Freiheit. Begreifst du jetzt? Dauert's noch lange bis zu diesem Feiertage, den man Pessach nennt. Nach dem, was der türkische Shawl sagte, sind es nur noch drei Tage. Drei Tage! Warum erschrickst du so? Die drei Tage ziehen wie ein Traum vorbei, — dann kommt der Festtag, man wird uns die Tür öffnen und sagen: geht, woher ihr gekommen seid! Da werden wir davonlaufen. Ach, Liebster, wie süß sind deine Reden; wenn es so käme, wie du sagst. Ich fürchte aber was anderes. Mein Herz, du ängstigst dich stets. Mein Leben, du kennst die wilden Menschen nicht. Woher kennst du sie? Liebster, ich hörte genug von ihnen noch — zu Hause. Meine Schwester erzählte, sie hätte gesehen .... Wieder die Geschichte mit der Schwester? Neschomenja, vergiß die Geschichten. Liebster, ich möchte gern vergessen, aber ich kann es nicht, sie rauben mir den Schlaf. Was sind denn das für Geschichten, die du nicht vergessen kannst und die deinen Schlaf stören? Liebster, wirst du mich nicht auslachen? Warum soll ich dich auslachen, meine Seele? Das ist so deine Art, daß du mich auslachst, wenn ich etwas erzähle, und schiltst mich Närrin, dumme Pute, und so. Ich verspreche dir, diesmal nicht zu lachen. Meine Schwester erzählt, daß die Menschen, die wir sehen, schlimmer sind als die wilden Tiere. Wenn die wilden Tiere unsereinen fangen, zerreißen sie ihn und fressen ihn auf, u»d Schluß damit. Die Menschen aber tun es anders. Unsereiner, der ihrer Macht verfällt, bekommt von ihnen zu essen und zu trinken mit voller Hand, bis er gut fett wird. Nun? Und wenn er gut fett ist, schlachten sie ihn, reißen ihm die Haut vom Leibe, schneiden ihn in Stücke, salzen ihn ein und legen ihn ins Wasser .... Und was weiter? Dann machen sie Feuer und braten ihn in seinem eignen Fett und essen ihn auf mit Haut und Knochen . . . Bobemajses, Geschichten aus tausend und einer Nacht . . . Glaubst du denn an solche Sachen, Närrin, ha, ha, ha . . . Siehst du, sagt' ich denn nicht, daß du mich auslachen wirst. Was denn soll ich tun, wenn du das kleinste nicht begreifen kannst. Du hast ja schon tausendmal von dem türkischen Shawl gehört, daß man uns nur Gott zuliebe füttert. Mein Leben, was hat das zu sagen? Meine Seele, das hat zu sagen, daß du eine dumme Pute bist und weiter garnichts. Ihr tut's alle so, ihr macht euch nichts daraus, einen zu beleidigen. Wer ist das „ihr"? Ich meine euch, alle Männer. Alle Männer,--mit wie vielen warst du denn bekannt, möcht' ich wissen? Ich kenne einen, und dies genügt. — Nein, hast doch gesagt Männer, — das beweist, daß du noch andere kennst. Was wirst du noch ausklügeln? Hast schon die Nase hängen lassen? Schau her, ich will dir was sagen. — Solche liebliche Szenen wurden plötzlich durch die Kinderschar am Fenster gestört. Da sie nicht hineingelassen wurden, kamen sie jeden Tag an die Fenster heran und lärmten, pfiffen und schrien: hau — der! na — der! nemn — der! Das Pärchen erwiderte gewöhnlich in seiner Sprache nicht mehr so zornig wie früher, — nur so zum Beispiel, wie man auf einen „Guten Morgen" — ein „Gutes Jahr" erwidert. Ein Gottesgeschöpf gewöhnt sich an alles in dieser Welt. Unser Pärchen hatte sich dermaßen an seine Not gewöhnt, daß es schließlich dachte, es müsse so sein, — wie der Wurm, der im Meerrettich liegt und glaubt, es gäbe nichts Süßeres auf der ganzen Welt. VIII. Eine böse Begegnung mit einem alten Bekannten Es war an einem frühen Morgen, und draußen lag ein dichter Nebel. In der Stube war es noch finster. Das Pärchen schlummerte noch süß. Es träumte von seinem Heim. . . . Ein großer, freier Raum draußen, blauer Himmel, grünes Gras, ein silberner Teich, eine Mühle,