Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 14-15 (2.4.1909)
- Date
- 1909-04-02
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Pärchen wird noch aufgeregter und schreit noch lauter: Hau-der, Hau-der, Hau-der.--- Die Kinder sind entzückt, halten die Bäuche vor Lachen und schreien: Hau-der, Hau-der, Hau-der.--- Alles will einander überschreien, und es entsteht ein entsetzlicher Lärm. Der türkische Shawl stürzt hervor, packt die Kinder am Hals und schmeaßt eins nach dem andern aus der Stube heraus, traktiert sie mit tüchtigen Schlägen und flucht: — Der Schlag soll euch treffen! Brand! Seuche! Cholera! Es soll euch kollern und kollern und herauskollern, samt allen „Meschimodim", süßer Gott! Kein Rest soll von euch bis Pessach zurückbleiben, lieber Vater, herziger, getreuer! Nach der Befreiung von der furchtbaren Qual konnte .unser Pärchen noch lange nicht zu sich kommen. Das wilde Schreien, Pfeifen und Gelächter der Kinder tönte, noch lange in ihren Ohren nach. — Er aber fängt an, sich überall umzuschauen und gelangt zu der Überzeugung, daß es zwecklos sei, über den Golus zu trauern und auf das Essen zu verzichten. Er geht ganz langsam an die Nahrung heran, die man ihnen zurückgelassen hatte und wendet sich an sie mit den Worten: — Madame, wie lange wollen Sie so dastehen und sorgen? Es ist die höchste Zeit, etwas anzubeißen. Die Welt ist doch eine Welt, — man kann doch nicht die Seele ausatmen. Vergeßt nicht, daß wir heute noch nichts gegessen haben. — Essen Sie, — es bekomme Ihnen wohl, — ich esse nicht. — — Hm, — warum? Ist bei Ihnen heute ein Fasttag? — Kein Fasttag, — einfach so-- — Wollen Sie de en zum Trotz hungern? — Ich begreife nkht, ' wie man jetzt essen kann, es bleibt einem ja im Halse stecken. — Ach, Quatsch! Nach dem ersten Bissen geht's leichter, er ist wie ein Bohrer. — Was, was ist er? — Ein Bohrer. — Ihr gebraucht sonderbare Ausdrücke. — — Ha, ha, ha.--- — Wieder ha, ha, ha, — weshalb lacht Ihr? — Ich dachte an die Wünsche der Alten und an die kleinen Bengels.-- — Ja, ja, lacht. — — Was denn, soll ich weinen? — Warum habt' Ihr nicht gelacht, als die Kleinen pfiffen? — Was denn hab ich getan? — Ihr habt, glaub' ich, genug gelärmt. — — Ich hab' gelärmt, ich? — Ihr habt zuerst angefangen zu lärmen: hauder, hau-der. — — Zürnt mir nicht, aber Ihr wäret die erste, die schrie: hau-der, hau-der. — Was ist denn Schlimmes dabei, wenn ich zuerst hau-der, hau-der schrie? — Was für Schande ist es, wenn ich die erste war? — Wenn es aber keine Schande ist, warum laßt Ihr dann die Nase hängen, Madame? — Ich laß' die Nase hängen? . — Wer denn läßt die Nase hängen? Leider konnte diese interessante Unterhaltung nicht länger dauern, —■ grade mitten im Gespräch wurden sie gestört. Es war der türkische Shawl, der sie in ihrem Gefängnis vergewaltigte, wie weiter erzählt wird im Kapitel VI. VI Die Exekution der Weiber Es war nicht allein der türkische Shawl, der sie in ihrem Gefängnis überfiel; es war ihnen bescheert, noch mit einem wilden Geschöpf in der Gestalt einer blassen, grünen Magd mit einem roten Tuch auf dem Kopf, Bekanntschaft zu schließen. Sie kamen hinein, beide Hände voll schmackhaften Zeugs: eine Schüssel mit Reis, mit Erbsen und Bohnen gemischt, mit gekochten Kartoffeln, gehackten Eiern, die Schürzen voll mit Apfelschnittchen und Haselnüssen. Die rote Magd wies gleich beim Eingang auf das Pärchen und versetzte: — Weh mir, Balaboesteleben, — sie haben bis jetzt das Essen noch nicht angerührt! — Kein großes Unglück, wir wollen sie sofort füttern. Ich will sie festhalten und du sollst ihnen das Essen in den Hals stecken. Na, was stehst du da, dumme Gans? — Was haben sie denn an mir erblickt, daß sie so unaufhörlich hau-der, hau-der, hau-der schreien? — Verflucht sollst du werden, — nimm doch das rote Tuch ab, sie können die rote Farbe nicht vertragen. — Meine Sorgen auf ihre Häupter! — Auf dein Haupt, Närrin, du bist billiger als sie. Recht so — gut! Warum gibst du ihm keinen Reis mit Erbsen? — Ich hätte ihn von heute bis morgen gefüttert, aber Ihr seht doch, er läßt es nicht zu. Er wendet den Kopf ab und schließt das Maul. — Da, sieh, mal. Geh, leg' hinein. — Oj, Balaboeste, gesund sollt Ihr sein, seine Augen glänzen so komisch, er soll, Gott behüte, nicht ersticken. — Erstick du lieber selbst, du bist billiger. Als ob ich es zum erstenmal täte. Steck es ihm in den Hals. Ich bin schon einundzwanzig Jahre Balaboeste, mit Gottes Hilfe. Jetzt gib ihm ein Stück Apfel mit einer Nuß. Noch mehr, was sparst du? — Ich spare nicht. Was soll ich denn sparen? Ist das mein Eigentum? Es ist nur Mitleid mit den armen Tieren. — Was sagt Ihr zu dieser Magd? Mitleid mit den armen Tieren! Tut man ihnen Leid an? Man gibt ihnen doqh zu essen. Und nur Gott zuliebe, zur Ehre des heiligen Pessach. Der ewige Gott möge mir helfen. Ich habe ihm schon so manches Pärchen zu Pessach gezüchtet. Gib ihm noch eine Nuß und Schluß. Es reicht für ihn. Er ist schon satt. Jetzt wollen wir uns an sie heranmachen und mit Ma-towu beginnen, das heißt noch einmal mit Reis und Erbsen. — Gesund sollt Ihr sein, Balaboeste, wie unterscheidet Ihr den „Er" von der „Sie"? — Alle bösen Träume über dich. Man gibt ihr Arbeit und sie fragt dummes Zeug. Heirate zuerst, dumme Magd, sei selbst Balaboeste, wirst dann fragen. Inzwischen tu, was deine Pflicht ist. Gut so, — gut, — noch mehr! Spare nicht! Es([ist Gott zuliebe, zu Pessach, zu Pessach! —