Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1909-04-02 · 14-15 (2.4.1909) · page 16

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
14-15 (2.4.1909)
Date
1909-04-02
Page
– (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316349-3316367--51774-3345431
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

312 DIE3qEELT No. 14 Boden unter den Füßen. Sie reckten und streckten sich, um zu prüfen, ob die Beine ihren Dienst nicht versagten, und vor lauter Freude vergaßen sie, daß sie von der wahren Freiheit noch weit, weit entfernt waren, und merkten erst nach einer Weile, daß sie sich noch im Gefängnis befanden. Es war ein finsterer Winkel, auf einer Seite ein warmer Ofen, auf der andern eine kalte Wand, vorne abgezäunt mit einer umgeworfenen Leiter. Man gab ihnen zu essen und zu trinken und ließ sie allein zurück, wie man sagt auf Gottes Gnaden. Indem sie ihre neue Wohnung betrachteten, stellten sie sich knurrend einander gegenüber wie Wildfremde . . schauten sich an und . . kehrten dann einander den Rücken und entfernten sich, jeder in eine andere Ecke, und vertieften sich in Gedanken: Man ließ sie aber nicht lange in Ruhe. Es öffnete sich das Tor ihres Kerkers und in den Raum trat der türkische Shawl, gefolgt von vielen Weibern. Der türkische Shawl faßte jedes Weib am Arm, führte es an die Gefangenen heran und fragte freudestrahlend: Wie gefällt Euch dieses Pärchen? Wie viel habt Ihr bezahlt? — Schätzt ... — Alle haben geschätzt, doch keine geraten. Als aber der türkische Shawl die Summe nannte, schlugen alle Weiber die Hände vor Verwunderung zusammen-- — Ist das wahr? — Wir sollen solchen koscheren und fröhlichen Pessach haben, wie dies die Wahrheit ist! — Auf den Gesichtern dei Weiber malte sich Neid, ihre Wangen brannten, ihre Augen glühten, doch sparten sie nicht an Glückwünschen: — Es soll euch wohl bekommen! — Glück bis zum nächsten Pessach, euch mit eurem Mann und euren Kindern! — Amen, gleichfalls! Die Weiber entfernten sich. Nach einer Weile kehrte der türkische Shawl mit einem wilden Mann zurück, der mit rotem Haar ganz bewachsen war. Sie führte ihn mit demselben strahlenden Gesicht an die Gefangenen heran und fragte ihn: — Du bist doch ein Kenner, was sagst du zu diesem Pärchen? Der Rothaarige schaut mit wilden Augen um sich und erwidert: — Ich bin ein Kenner, was für ein Kenner bin ich denn? — Du bist doch ein Kenner der Thora, und dort, wo die Thora ist, ist auch Weisheit. Was meinst du, kann Gott uns 'nen koscheren Pessach schenken? . . . ... es ist doch alles nur ihm zuliebe. Der bewachsene Mann glättet sein rotes Haar, macht ein frommes Gesicht und sagt: — Allen Juden soll Gott einen koscheren Pessach schenken. — Der türkische Shawl und der rothaarige Mann verschwinden, und unser Pärchen bleibt wieder ganz allein. Eine Weile stehen sie gegenüber, ganz stumm und aufgeblasen, wie vorher. Plötzlich gibt sie einen sonderbaren Laut von sLh, eine Art Husten und Quietschen. Er kehrt sich um und fragt sie: — Madame, was ist Ihnen? 1 — Ach, nichts, ich habe mich an meine Heimat erinnert. . . . — Dummheiten, das muß man vergessen, besser sehen wir uns um, wo wir sind und was uns zu tun bleibt. — Wo wir sind? Auf der Erde sind wir, in großen Nöten sind wir. — Was heißt das? — Ihr fragt noch? Seht Ihr nicht, daß man uns an die wilden Menschen verkauft hat, so wie man Hühner, Gänse verkauft. — — Was wird man uns antun? — Oj, wird man uns zurichten. Als ich noch ganz klein war, 'hörte ich schöne Geschichten darüber, was die wilden Menschen mit unsereinem tun, wenn er in ihre Hände gerät. — Ach, Geschichten, glaubt's nicht, das sind „Bobemaises".6) — Nein, nicht „Bobemaises", ich habe es von meiner Schwester gehört. Sie erzählte, daß sie viel schlimmer sind als die wilden Tiere. Ein wildes Tier, wenn es unsereinen fängt, so zerreißt es ihn und frißt ihn auf; wenn aber . . . — Te, te, te, Madame, ... Sie sind schon zu pessimistisch gestimmt ... — Was? — Zu pessimistisch. — Was bedeutet das: pessimistisch? — Das bedeutet . . . das bedeutet, Sie schauen die Welt durch zu dunkle Brillen an. — Wo sehen Sie denn Brillen? — Ha, ha . . . — Warum lachen Sie? — Ach, Madame, sind Sie aber . . . — Was bin ich denn? Er wollte ihr gerade sagen, was sie sei, als sich plötzlich die Tür öffnete und . . . — Leset weiter ... V. Hau-der, Na=der, Nemm-der Die Tür wird aufgerissen, und in den Raum stürzt, einem Sturmwind gleich, wie ein ganzes Soldatenvolk, eine Kinderschar mit roten Wangen und schwarzen Äuglein. Sie rennen gegen den Ofen. — Au* wo sind sie, wo? Hier sind sie ..,. Jankel, Berel, Welwel, Jossei, schneller, schneller. Und nun beginnt für unser Pärchen die richtige Höllenqual, Schmerzen und Pein ohne Ende. Die Kinder überfallen sie wie Wilde, tanzen und springen um sie herum, beschauen sie von allen Seiten, lachen über sie und spotten. — — Jossei, schau mal----ha, 'ha, ha--- — Die Nase, Berel, — sieh die Nase. — Zieh Welwel, zieh ihn an der Nase! — Kräftiger, dann wird er schreien. — Ihr seid alle dumm, er schreit nur, wenn man ihm ins Gesicht pfeift, er kann's nicht vertragen. Da könnt ihr euch überzeugen . . . Leb, fang an zu pfeifen. — Fin —--- Das Pärchen wird aufgeblasen, rot, es läßt die Nasen hängen und schreit gleichzeitig nach seiner Art: Hau-der, Hau-der, Hau-der . . . Die Kinder fangen es auf und schreien mit wildem Gelächter: Hau-der, Hau-der, Nemm-der.-- '') Ammenmärchen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.