Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 14-15 (2.4.1909)
- Date
- 1909-04-02
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Einige Minuten vergehen in Schweigen. Dann spricht er sie wieder an: — „Madame, wie fühlen Sie sich?" — „Meinen Feinden gönne ich ähnlichen Zustand." Er schweigt eine Weile und flüstert ihr dann ein Geheimnis ins Ohr: — „Madame, ich möchte Sie etwas fragen." — „Fragen Sie!" — „Was haben Sie verschuldet?" — „Dasselbe, was Sie —" — „Sie scheinen mir böse zu sein?" — „Böse, frecher Kerl! Er setzt sich auf meine Beine nieder, daß ich schier vergehe, und behauptet dabei noch, ich sei ihm böse!" — „Wras reden Sie da für Zeug? Ich sitze Ihnen auf den Beinen?" — „Wer denn?" — „Das ist der wilde Mann in der Kutschme, ARABISCHE JUDEN AUS PEKIIN (Arbeiter in Kinereth) verflucht soll er werden!" „Ach so, und ich dachte, daß das Drücken, das mich drückt, von Ihnen kommt. Verzeihen Sie mir, wenn ich Sie damit beleidigt habe." Das war alles, was sie sich sagen konnten, denn plötzlich erwacht der wilde Mann aus seinem Schlaf. Er springt auf und treibt die Pferde an. Der Wagen jagt. Die Gefangenen hören fast das Schütteln ihrer Gedärme. Plötzlich hält der Wragen, und sie erblicken etwas, was sie in ihrem Leben noch nie gesehen haben. III Von einem Gefängnis ins andere Zum ersten Male in ihrem Leben bekamen sie so viel Vieh, Pferde, Kälber, Schweine und Menschen auf einmal zu sehen.---Überall Wagen voll mit Ware, Brot und auch lebendigen Dingen: Hühnern, Gänsen, Enten — vollgepackt, dicht nebeneinander; dort an der Seite liegt auf einem Wagen ganz allein ein Schwein und protestiert und quietscht zum Verrücktwerden. Doch wer hört es? Alles läuft, rennt, redet, schreit, — es ist Jahrmarkt. Hierher brachte sie der wilde Mann in der Kutschme. Er kroch jetzt langsam vom Bock herunter, und fing an, im Wagen herumzuwühlen. Und die Gefangenen beschlich eine bange Angst um ihr Schicksal. Was wird der wilde Mann mit ihnen anfangen, vielleicht wird er sie losbinden, befreien und sie gehen lassen, wohin sie wollen? Ach, umsonst war ihre Freude, — er rückte sie nur etwas höher hinauf, um sie sichtbarer zu machen. So eine Schandtat. Und vielleicht ist es besser so für sie, vielleicht findet sich eine gute Seele, die sich ihrer annimmt und den wilden Mann zur Rede stellt und fragt warum, weshalb? So dachten die unschuldigen Gefangenen bei sich, und, als ob sie es gewußt hätten, es fand sich tatsächlich eine gute Seele, eine dicke Person im türkischen Shawl. Sie tritt an den Wagen heran, betastet sie und sagt zur Kutschme: — Hast du dieses Ehepaar gebracht? — Was geht es dich an! — Indians? — Was denn, Türken? — Was verlangst du für sie? — Woher sollst du das Geld dazu hernehmen? — Wenn ich kein Geld hätte, würde ich mich mit so einem Bauer, wie du, nicht abgeben. Auf diese Art verhandeln und streiten die Kutschme mit dem türkischen Shawl. Der wilde Mann ist kalt wie Eis, die Dicke im türkischen Shawl erhitzt sich, geht fort, kehrt wieder zurück und handelt so lange, bis die Kutschme zornig wird und zu schelten beginnt. Das Pärchen im Wagen wechselt inzwischen einige Worte: Madame, hören Sie oder nicht? Ja, ich höre, was denn, warum soll ich denn nicht hören? Es scheint, man will uns aus dem Gefängnis erlösen. Es scheint so. Warum handelt sie um uns, als ob wir Gänse wären? Der Teufel hole sie alle beide, wenn wir nur frei davonkämen. Amen! Gott sei Dank, der türkische Shawl hält schon die Hand in der Tasche und holt das Geld. — Also, Ihr nehmt nicht weniger? — Nein. — Ist es Euer letztes, allerletztes Wort? — Ja, das letzte, allerletzte. Vielleicht doch, . . . schaut diesen bösen Kerl! . . Hier hast du das Geld, na . . Und das Pärchen geht von einem Besitzer über zum anderen, eigentlich von einem Gefängnis ins andere, wie wir weiter sehen werden. IV. Unter wilden Menschen Sobald sie an ihren Bestimmungsort gelangten, wurden sie losgebunden und fühlten mit Freude den