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Die Welt · 1909-04-02 · 14-15 (2.4.1909) · page 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
14-15 (2.4.1909)
Date
1909-04-02
Page
– (sequence 14)
Language
German
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310 DIE ELT No. 14 DAS TRUTHAHNPÄRCHEN ZU PESSACH Eine Schauergeschichte, wie man einmal mitten in der Nacht zwei unschuldige Geschöpfe ergriffen hat, gebunden, auf den Markt gebracht, an wilde Menschen verkauft, einen Monat lang mit königlichen Gerichten gefüttert, am Tage aber vor Pessach geschlachtet hat wie Schafe. Erzählt von Scholem Aleichem Aus dem Jüdischen übertragen von H. H. N. B. Der Verfasser bittet den Leser, in der Geschichte weder Allegorien zu suchen, noch zu raten, wer darunter gemeint wäre. Es ist hier keine Spur von Allegorie vorhanden und nicht für einen Groschen von dem, was man jetzt Symbolismus nennt. Es ist eine einfache Geschichte ohne „Chochmes", ohne Klügeleien, eine Geschichte von zwei unschuldigen Gottesgeschöpfen, die gelebt, geliebt, geträumt, gelitten, gehofft hatten und mörderischerweise umgebracht wurden am Erew-Pessach, ohne zu wissen warum, weshalb . . . I Die schaurige Nacht Es geschah in einer jener finstern, regnerischen Nächte vor Pessach. Alles schlief, und Ruhe herrschte überall. Selbst der Fisch im Wasser ruhte und scheute sich, in dieser finstern, stillen Nacht den Kopf aus dem Wasser zu heben. In einer solchen Nacht hat der Engel der Träume viel zu tun. Er geizt nicht an Farben, streut mit voller Hand die schönsten Phantasien. . . . Die Träume, die der Held unserer Geschichte in jener Nacht geträumt hat, waren sonderbar und wild. Die ganze Nacht schwirrte vor ihm das Qeflügelvolk, Hühner, Gänse, Enten. Ein roter Hahn, ein ganz junger, aber frecher Kerl, springt ihm mit Arroganz ins Gesicht und lacht und singt ihm ein ganz sonderbares Liedchen vor: Kü—ka—ri—kü — lange Nas! Met1) dich packen wie a Has! Met dich binden, met dich schlogen, Met dich lejgen in a Wogen, Met dich mutschen2) ohn a Sof:i) Met dich kojlen4) wie an Of5). Und der kleine rote Bösewicht schließt das Liedchen mit einem schrillen Kükarikü. Unser Held glaubt zu hören, wie die Gänse, Enten, Hühner glucksen, gackern und ausgelassen lachen, und er stürzt sich wütend über den roten Hahn, den Halunken, und in dieser Wut erwacht er mit bangem Herzklopfen und vernimmt einen Lärm, ein Geräusch, ein Getrampel, erblickt einen Lichtschein--- Wilde, unbekannte Stimmen schreien: „Nein, nicht dieser, ja, jawohl, der da, nehmt ihn, faßt ihn, bindet ihn, vorsichtig, brecht ihm nicht die Beine, na, fertig? Jetzt los! Die Nacht vergeht, marsch in den Wagen!" Er spürt kräftige Arme, die ihn wie eiserne Zangen festhalten, binden; er wird in die Höhe geschmissen und auf einen hohen, breiten Wagen niedergeworfen. Drinnen im Wagen liegt ein verwandtes Wesen, nur, wie es scheint, ein Weib---und zittert an allen Gliedern. Zwei Menschen machen sich um sie zu schaffen. Der eine, ein wilder Mann ohne Mütze, der andere, ebenfalls ein Wilder mit einer „Kutschme", einer Art Mütze. Der erste steht unten, betrachtet den Wagen, die Räder, die Pferde; der andere setzt sich in den Wagen, ihnen direkt auf die Beine, mit solcher Wut, daß sie das Jenseits zu erblicken glauben. 1) man wird. 2) quälen. 3) Ende. 4) schlachten. 5) Vogel. „Gib acht, daß sie sich nur nicht losmachen und davonlaufen--—" So spricht der Mann ohne Mütze zu dem Mann in der Kutschme. Die Kutschme aber schweigt und versetzt den , Pferden einen tüchtigen Schlag. Und der Wagen bewegt sich und rennt davon. — II Die Gefangenen schließen in ihrem Gefängnis Bekanntschaft Wie sie so diese grausige Nacht überlebt und vor lauter Schrecken ihre Seelen nicht ausgehaucht haben, £W itt*'« W^^^^k^ >H; v>; *- - : .;'>(>'^T:",. J w*-? " „ * w« **V * ' * *mi ***** ^^^M % - \ : « •'«♦^ "-v* »u; *'*>•." \* t*** "^$^j^s * "* -* y SEPHARDISCHER JUDE AUS TIBERIAS (Arbeiter in Kinereth) ist ein Gottes wunder. — Wo sind sie? Wohin werden sie geführt? Und warum, weshalb? In der Finsternis der Nacht konnten sie sich nicht einmal sehen, — und erst bei Tagesanbruch fingen sie an, einander zu betrachten und still zu plaudern. — „Guten Morgen, Madame!" — „Guten Morgen, gutes Jahr!" — „Ich könnte schwören, Sie sind eine von den Unsrigen,--von den Indianvögeln?" — „Sie brauchen nicht zu schwören, man glaubt's Ihnen aufs Wort." — „Ich hab' Sie an Ihren Krallen sofort erkannt." — „Das beweist, daß Sie eine gute Beobachtungsgabe besitzen."

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