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Die Welt · 1909-04-02 · 14-15 (2.4.1909) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
14-15 (2.4.1909)
Date
1909-04-02
Page
– (sequence 13)
Language
German
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No. 14 DIE^ELT 309 grüßen mögen, wenn sie auf ihrer Bahn einander begegnen. Sodann zog er mit seinem Schüler von dannen. £ * Aber in der Seele des Schülers lebte das Hohe Lied. Er hörte es bei der Lehre und beim Gebet, es tönte in seine Ruhe und in seine Wege. Wenn er in den Morgen hinausschritt, flog es wie ein kleiner lieblicher Vogel vor ihm her, und wenn er nach dem Tun des Tages dastand und in den Abend schaute, breitete es seine Schwingen von Himmelsrand zu Himmelsrand. Dies währte eine Zeit, bis er beschloß, seinen Meister zu verlassen und nach Miedzyborz zu Rabbi Baruch zu ziehen, um endlich die Hand Gottes zu finden, die er von der Kindheit an mit Angst gesucht hatte. Aber er sprach zu seinem Herzen: „Dies vermag ich nicht zu tun, von meinem lieben Meister zu fliehen, sondern ich muß nach Lublin fahren und von ihm Urlaub nehmen, und es für meine Seele erbitten, daß er mir gestatte, zu Rabbi Baruch zu ziehen und sein Schüler im Dienste des Herrn zu werden." So stand er vor seinem Lehrer und sah ihn an und konnte kein Wort finden, ihm zu sagen, was er sich selbst kaum zu sagen wußte. Aber Rabbi Jaakob Jizchak sah ihn mild und traurig an und sprach zu ihm: „Lieber, du willst mich verlassen4'. Da kamen Rabbi Zwi Hirsch die Tränen, und er fühlte keine Stimme in seiner Kehle und schwieg. Und der Meister sprach weiter: „Willst du dich verfehlen an deiner Liebe zu mir? Du weißt es, wie ich dich von Stufe zu Stufe führte, einem Vater gleich, der zärtlich und geduldig seinen Knaben das Gehen lehrt. Du weißt es, wie du an meiner Hand Schritt für Schritt tatest im heiligen Erkennen, Blick für Blick in die Wahrheit des Lebens, tiefer und tiefer." Da sammelte Rabbi Zwi Hirsch seine Kraft und sagte leise: „Herr, was soll ich tun? Sieh, mein Herz brennt!" Aber der Meister redete von neuem mit einer neuen Stimme, aus der ein tiefes und trauriges Wissen gebieterisch erklang: „Glaubst du denn, du vermöchtest zu finden was du suchst, wenn du mich lässest und zu ihm gehst? Dein Suchen wird mit dir gehen und bei dir bleiben, und die Unrast wird dein Wesen verzehren. Denn was dort ist, kannst du dir nicht nehmen und dein machen, sondern in der Sehnsucht wirst du leben immerdar, und wirst ewig vor dem Ziele stehen und es nie erreichen. Und die Unrast wird darob wachsen und wachsen, und sie wird aus deiner Seele alle Weisheit ausbrennen und alle Tiefenschau, die du bei mir erlangt hast. Aber nichts Neues wird dir geschenkt werden, und du wirst angstvoll und hilflos umhertappen wie ein blinder Tor in einem fremden Lande. Und die Sehnsucht wird dir zur Lüge werden und dich doch festhalten, und sie wird nicht mehr wie ein Vogel des Wunders sein, sondern wie eine glatte und gleitende Schlange, die dein Herz umringein und vergiften wird." Da beugte sich Rabbi Zwi Hirsch vor den Worten des Meisters und nahm es auf sich, nicht mehr nach Miedzyborz zu fahren, und blieb bei Rabbi Jaakob Jizchak von Lublin. Aber das Hohe Lied lebte in seiner Seele wie eine heilige Flamme. Und wenn es ihm je geschah, daß sein Sinn im Dienste schwach ward und sein Denken erblaßte, gedachte er der Augenblicke, da er das Lied der Lieder aus dem Munde Rabbi Baruchs vernommen hatte: alsbald erstarkte sein Herz, und er tat seinen Dienst im Gedenken des Hohen Liedes, und seine Augen strahlten; denn er sah ein Feuer und hörte aus dem Feuer zwei Stimmen, die redeten zueinander die Worte der Liebe. Passahnacht fc Schmückt den Tisch mit goldnen Primelsternen, Trinkt! — Doch zählt mir nicht die Becher, Mit des Kirschbaums weißer Blütenpracht, Und des Weines süßer Purpurschaum Kränzt die Sederschüssel mit Violen: Netze Euch die Blätter der Hagadah: Überreich an Düften sei die Nacht! Freudetrunken sei der Passahtraum! Durch der Stube gastlich weite Türen Klinge hellster Kinderklang hinaus, Glaubt mir: Wenn Ihr also feiert, Zwingt Ihr Euch den Frühling in das Haus! Wien OttoAbeles

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