Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1909-04-02 · 14-15 (2.4.1909) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
14-15 (2.4.1909)
Date
1909-04-02
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3315709-3316349-3316367--51770-3345427
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

308 DIE3§KELT No. 14 der nun aufrecht dastand, nur das Haupt ein wenig vorgebeugt, und das Hohe Lied zu sprechen begann: „Das Lied der Lieder Salomos." Aber als er dieses Wort sprach, den Namen Salomos, des Königs zu Jerusalem, erhob er die Stirn, und seine Gestalt wuchs königlich empor. Und als er weiter sprach und die Worte aus seinem Munde kamen: „Es führte mich der König in seine Gemächer", da weitete sich die Kammer und ward zum Königssaale mit zypressenem Getäfel, und von den Wänden schlug ein purpurner Glanz, und der Heilige stand da, an einen Zedernpfeiler gelehnt. Und er sprach weiter: „Ich bin eine Blume zu Saron." Da schwanden die Wände und aller Prunk zerfloß, und ein Weingarten dehnte sich in köstlicher Blüte. Und mitten in der blühenden Fülle stand er und sprach: „Sein Panier ist über mir, die Liebe. Stärket mich mit Trauben, erlabet mich mit Äpfeln, denn krank in Liebe bin ich." Und die Worte wurden zu Flammen, und die Flammen zu loderndem Feuer, und die Weinstöcke entbrannten, und im Feuer lebte eine Stimme, die redete von der Liebe und wuchs im Reden und war wie ein gewaltiges Stürmen. Aber über Rabbi Zwi Hirsch fiel eine große Bangigkeit und wuchs mit dem Wachsen der Stimme. Und er schloß die Augen und wagte nicht zu atmen und war in der Macht der Bangigkeit. Und als über ihm die Worte ertönten: „Meines Freundes bin ich und nach mir ist sein Verlangen," da war es ihm, als sei die Last zu schwer und^als müsse seine Seele von seinem Körper abscheiden. Aber er faßte die innere Kraft seines Herzens, wie man ein Schwert erfaßt, und kämpfte wider die Macht der Schwere und schlug sie und sprach zu seinem Herzen: „Ich übergebe Gott meine Seele in Liebe und will ausharren, und wenn meine Se^le scheiden soll, da bin ich, um den Willen des ewigen Herrn zu tun." Und als er dies in sich gesprochen hatte, da ward von der Höhe ein neuer Geist über ihn ausgegossen, und ihm war, als wäre ihm Auge und Ohr neu geworden. Und er fühlte das Wunderbare: die Stimme, die er aus dem Feuer hörte, war nicht allein, sondern umgeben und umschlungen von einer andern. Und er hörte, es wurde eine Stille, und danach hörte er die andere Stimme, und es war, als ob der Mund der Erde redete: „Die Mandragoren gaben ihren Duft, und über unserer Tür sind mancherlei edle Früchte. Mein Freund, ich habe sie dir, neue und alte, bewahrt." Als Rabbi Zwi Hirsch nach Lublin zurückgekehrt war und vor dem strengen Angesicht seines Lehrers stand, war es ihm, als sei die Menschensprache gestorben und er solle sie zum Leben erwecken. Er rang um die Erzählung, nach der das Auge des Meisters fragte, aber er konnte nur stammelnd vermelden: „Herr, ich habe Rabbi Baruch gesehen und gehört, da er das Hohe Lied sprach." Und das Auge fragte weiter. So redete er wieder: „Herr, das Lied war in seinem Munde, als würde es heute geboren, und, was er sprach, erhob sich und war da durch sein Wort." Da umfing es den Hörenden wie ein Walten aus der Tiefe der Zeiten, und der Geist des Schauens war über ihm und er fragte: „Weißt du nicht, daß in ihm Salomos Seele lebt, des Königs zu Jerusalem? So spricht er das Lied aus Salomos Seele." Aber in Rabbi Zwi Hirsch war das Geheimnis entglommen, und er wußte sich keine Ruhe mehr und sagte leise: „Herr, ihm antwortete eine Stimme der Liebe." Da senkte der Meister das Haupt und erzitterte, und er sah sein Leben. Es war wie eine Felsenwildnis mit zackigen Gipfeln, in kalter, klarer Einsamkeit. Dann richtete er sich wieder auf und in seinen Augen war ein Leuchten wie aus Gletscherfirnen. Sie kamen zu Rabbi Baruch und wurden in Ehren empfangen. Und Rabbi Jaakob Jizchak schaute lange und tief Rabbi Baruch an. Aber es schien, als sagte ihm sein Blick dieses Mal nicht alles aus der Ewigkeit dieser Menschenseele und als werde ihm etwas vorenthalten, etwas Zartes und Gewaltiges, um das alles, was er sehend erkannte, nur wie Gewänder war, die im Rausche der Zeiten sich woben und zerfielen. Als aber am Vortage des Sabbats Rabbi Baruch zum Flusse ging, um das heilige Tauchbad zu vollziehen, lud er den Zaddik von Lublin ein, mit ihm zu gehen. Und Rabbi Baruch schritt unbewegt, als bände er in der Stille alle Gluten und Kräfte in eins, um des Werkes willen. Aber Rabbi Jaakob Jizchak fühlte eine Macht auf sich eindringen, die er nicht kannte. Da sprach Rabbi Baruch: „Wir gehen durch das Reich, in dem ich lebe". Aber Jener verstand ihn nicht. So kamen sie an ein weites Blachfeld, und plötzlich umwehte sie eine heiße und trockene Luft. Da sah Rabbi Baruch den Gefährten mit einem gütigen Blicke an und fragte ihn: „Was fühlt der Seher?" Und Rabbi Jaakob Jizchak sprach: „Ich fühle die Luft des Landes Israel. Sie ist wie die Luft der Wüste". Dann gingen sie weiter und kamen an eine öde Lande, darüber ein undurchdringliches Schweigen lag, nur ein ganz blasses, kaum hörbares Summen tönte darein. Und wieder fragte Rabbi Baruch: „Was hört der Seher?" Und Rabbi Jaakob Jizchak sprach: „Ich höre den Sand rinnen im Lande Israel. Er rinnt über die Erde der Weinberge und über die Erde der Weizentriften. Er rinnt über die Gräber der Propheten und über die Gräber der Könige". Dann gingen sie weiter und kamen an den Fluß und sahen in das dunkle Wasser. Und wiederfragte Rabbi Baruch: „Was sieht der Seher?" Aber Rabbi Jaakob Jizchak fiel nieder und schluchzte wie ein Kind und rief: „Ich sehe die verbannte Gottesherrlichkeit. Sie wandelt auf den Trümmern des Tempels". Da legte Rabbi Baruch die Arme um ihn und hob ihn und sprach: „Tauche mit mir in den Fluß". Und sie tauchten miteinander. Und Rabbi Jaakob Jizchak fühlte um seinen Körper den Strom des Paradieses, und er hörte eine Stimme erschallen, die rief die Verwaisten aus allen Enden der Erde, und seine Augen schauten die Erlösung. So kam der Sabbat heran, und Rabbi Jaakob Jizchak lebte in Rabbi Baruchs Reich. Aber als der Sabbat ging, sah er, daß sein Herz einer fremden Macht Stätte geworden war und eines fremden Feuers voll, und er erschauerte ob der Glut seines Herzens, und ein Verlangen erfaßte ihn nach der kalten klaren Luft, die seine Heimat war. Sein Herz war hier und dem Wunder Untertan, aber sein Auge war rein und stark geblieben und schaute das All und das Wesen wie vordem. Und Rabbi Jaakob Jizchak war es, als sei er ein Diener seines Auges, und nur so könne er Gott dienen nach seiner Weise. Und er befahl seinem Herzen und zwang es zum Entschluß. Und er ging zu Rabbi Baruch und nahm den Abschied von ihm für das Leben und für alle Leben, und er grüßte ihn mit einem langen und tiefen Gruße, wie Sterne einander

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.