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Die Welt · 1909-04-02 · 14-15 (2.4.1909) · page 11

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
14-15 (2.4.1909)
Date
1909-04-02
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Unerforschliches hörte, verlangte es ihn danach, Auge in Auge mit ihm zu stehen und das aus seinem Anblicke zu erfahren, was jenseits des sichtbaren Tuns im Dunkel der innern Begnadung ruht. Aber wie er sonst immer, bevor er selbst kam und in reiner Betrachtung das heimliche Seelenwesen des andern las, zu ihm einen seiner Schüler zu entsenden pflegte, um an dessen ihm offenbarem Geiste das Wirken des unbekannten zu erschauen, so gab er auch dieses Mal den Auftrag, und Rabbi Zwi Hirsch war es, auf den seine Wahl fiel. So kam er dahin, wo seine Sehnsucht längst schon ihre Wohnung aufgeschlagen hatte, und saß am Tische des Rabbi Baruch und fühlte einen starken und warmen Blick und wagte nicht, zu den flammenblauen Augen aufzuschauen, von denen der Blick zu ihm kam und die in dem weißen stillen Angesicht das Stillste und doch auch das Lebendigste waren. Wenn er dann allein war, versuchte er, den Wurzeln des Blickes nachzusinnen und den WegdesMenschenzu verstehen, aus dem die hohe Liebe dergestalt strahlte. Aber es wollte ihm nicht gelingen, und all sein Fassen und Begreifen war eitel vor der hellen Macht, die ihm entgegentrat. Weil er aber mit dem tiefen Willen seines Herzens ein Schüler des Sehers von Lublin gewesen war, konnte er nicht leichten Sinnes aus der Seele reißen und verwerfen, was die Weisung des Lehrers in ihn gepflanzt hatte. Darum sprach er zu sich, nun wisse er, auf welchem Grunde die Art Rabbi Baruchs allem Forschen standhalte: er sei von jenen, die wohl die ewige Mauer zwischensich und denMenschen niedergerissen hätten, aber nur, um sich ihnen nicht anders als in einer dichten Hülle aus undurchdringlichem Willensgewebe zu zeigen. Und mehr als es ihn einst verlangt hatte, den Heiligen zu schauen, verlangte es ihn nun danach, ihn in seiner Einsamkeit zu schauen, wenn er ohne alle Menschengemeinschaft vor Himmel und Erde stehe und Gottes Licht und Gottes Luft als die einzigen irdischen Zeugen seines Wortes fühle. Daraus ward ihm eine eifervolle Sehnsucht, die alles aufzehrte, was außer ihr in seinem Geiste lebte. Und als der Freitag herankam, an dem, wie in jeder Woche, Rabbi Baruch vom Tauchbade in seine Kammer ging, um allein im Angesichte der obern Welt das Hohe Lied zu sprechen, hatte sich Rabbi Zwi Hirsch in der Kammer verborgen, da er der Überkraft seiner Sehnsucht nicht länger zu widerstehen vermochte. * * * Die Kammer war weiß und still, und Rabbi Baruch trat ein, und sein weißes stilles Angesicht strahlte im AUS EINER SPANISCHEN HAGADAH Räume. Er war nicht anders als zu aller Zeit, nur seine Lippen bebten leise, aber in seinen Augen war die gleiche tiefe und gesegnete Glut wie vordem. Er neigte sich sacht, und siehe, da war rings um ihn ein Neigen, keines sichtbaren Wesens, nur fühlen konnte es Rabbi Zwi Hirsch, wie das Neigen in der Stube war, seiner voll die Luft, von ihm umweht der Heilige, 3

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