Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 14-15 (2.4.1909)
- Date
- 1909-04-02
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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304 DIE^ELT i\o. 14 Alters sind Ehrenvorsitzende von Kriegervereinen, beschäftigen sich mit Jagd, schreiben Bücher oder lesen mindestens, — aber unsere Glaubensgenossen? Man sieht wohl hier und da einen Major a. D. im Hause, der geldbedürftig und judenfreundlich ist, und ohne Philanthropie, mein Qott, — die Langeweile ist wohl die schrecklichste Todesart. Und dg.nn ist man humanitär gesinnt. Jüngst kam es zu einer furchtbaren Krise in dieser Industrie. Kommen da vormittags um 10 Uhr die Herren und Damen und die Sekretäre und der Schutzmann in die Fabrik, will sagen, in den israelitischen Hilfsverein und erwarteten wie jeden Tag ihre Kunden. Aber sieh! Die Kunden blieben aus! Sie streiken! Warten da die Herren eine Stunde, zwei Stunden, und niemand kommt. Der Handel stockt. Die Herren vergehen vor Langweile und der Sekretär vor Ärger. Sie sitzen da an einem langen, grünen Tisch, öden sich gegenseitig an, der Sekretär sieht alle HP Augenblicke durch die Luke, brummt: „Donnerwetter!" — aber niemand kommt. Der — Schwiegervater desJustizrats flucht in seiner ländlichen Art, — würdige Damen rufen: „Unerhört!" — aber nix zu machen, — die Polackerl streiken. ^So ver^ lief der Vormittag, der Nachmittag und der nächste Morgen. Die Situation war schrecklich, der Tod der Langweile war im Anzug. Da besann sich der Vizepräsident, sich an die Kunden einer verwandten Industrie zu wenden, — an die Gemeindefaster und Kaddoschsager. Aber auch diese verhielten sich steif und waren wortkarg. Und der langbärtige Führer dieses edlen Standes sprach zum Herrn Gemeindevorstand: „Die Schnorrer, die haben ganz recht, wir machens bald ebenso. Für einen Taler können wir nicht mehr fasten, denn die Preise der Lebensmittel sind gestiegen, Sie verstehen. Und für nur sechzig Pfennig und eine Suppe können weder die in ihrem Berufe Ergrauten noch die andern zufälligen„\Vanderer"arbeiten.' Sprachs und verschwand. Und da erkannten die Herren die ganze Gefahr der Situation. Wenn doch die Falter streiken, — na, und jeder von uns hat doch Jahrzeit, — was soll da aus der Pietät für die Väter werden? Und in der nächsten Sitzung der Gemeindevertretung, zu der auch Vertreter der andern Fabrik eingeladen waren, ward über diese Frage verhandelt. Die Frage wurde von allen Gesichtspunkten erörtert, es gab eine erregte Diskussion, und schließlich siegten der Wille zum Leben, die Pietät für die Väter und die Freude am Sport. — Und die Faster DIE FARM DER PAL. LAND DEVEL. CO.: KINERETH AM T1BERIAS-SEE fasteten wieder fleißig, und die Schnorrer und Flüchtlinge und ausgehungerten Juden kamen wieder in die Fabrik, wo sich die Herren am Austeilen und Anschnauzen ergötzten, und die Krise war überwunden. — Jetzt ist die Konjunktur ziemlich hoch, auch die Aktien stehen gut. Die Nachfrage wird immer größer, zur innern Freude der Justiz-, Kommerzien- und Sanitätsräten, die ehrwürdigen Bankiersdamen baden in Philanthropie und Humanität, und der gestrenge Herr Sekretär lebt sich im Schimpfen auf die armen Kunden aus. Die Schnorrindustrie sieht überhaupt jetzt glückliche Tage, im Gegensatz zu frühern, schlechtem Zeiten. Vor drei Jahren zum Beispiel lebten die Fabrikanten in Furcht und Aufregung, — vielleicht bekommt wirklich Rußland die Konstitution, die Kultur und die Freiheit, und vielleicht — geht es den Glaubensgenossen gut, — was Gott verhüten soll, — dann sind wir verloren. Wenn es doch mindestens jüdische Krieger- und Jagdvereine gäbe, wie es jüdische Börse und jüdische freisinnige Vereine gibt! — Aber die Kultur macht nur langsame Fortschritte, und uns ginge es schlecht. So als Vizepräsident eines Hilfsvereins ist man doch etwas, — man ist edel, hilfreich und gut, die Glaubensgenossen achten einen, ,,die Kunden64 fürchten ihn, die anderen gläubigen Mitbürger schätzen einen, denn ein Führer, ein Helfer der Bedrängten, der sich seiner armen Glaubensgenossen annimmt, das wissen auch edleChristen zu schätzen. Kurz, man ist etwas. Innerlich ausgefüllt, von allen Seiten geschätzt und geachtet, — versteht sich. — Und die Industrie blüht. Die Fabrikanten können von Glück reden. Rußland ist kein Kulturland, und noch für Jahre hinaus werden sie ihre hilfreiche Hand den armen glaubensgenössischen Russen bieten können. Zu ihrer Freude und zu ihrer Kurzweil. Wie alle Industrien hat auch die Schnorrindustrie ihre speziell guten Tage, ihre Saison, ebenso die Kultusindustrie. Die Messetage der Kultusindustrie fallen in der Regel so vor Rosch-Haschono und Jom- Kippur, während die Vor-Ostern-Woche die Saison der Schnorrindustrie ist. In diesen Tagen geht es in der Fabrik lebhaft zu. Tanchen, der Packer, ein alter Jud mit einem großen Bart steht schon zwei Stunden am Schalter des Sekretärs und — bettelt um Mazzoth. Er hat acht Kinder, eine chwiegertocther und seine eigne Frau zu ernähren —und am Pessach mit Mazzoth zu versorgen. Die Fabrikleitung will ihm nur zehn Pfund