Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1909-04-02 · 14-15 (2.4.1909) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
14-15 (2.4.1909)
Date
1909-04-02
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3315709-3316349-3316367--51765-3345422
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

No. 14 DIE^ELT 303 genug und sucht eben darum seine Befriedigung noch immer auf falschen Wegen. Noch eines! Mehr als anderthalb Jahrtausende hindurch hat der Freiheitsdrang des jüdischen Volkes notgedrungen den Charakter der Passivität annehmen müssen. Erst das Ende des achtzehnten Jahrhunderts gestattete es, daß dieser Freiheitsdrang sich wieder als aktives Streben äußerte. Werden wir da glauben können, daß schon in so wenigen Generationen dieser Freiheitsdrang im ganzen jüdischen Volke einen so hohen Grad der Intensität erlangen werde, wie ihn der zielbewußte Zionismus erfordert? Wir müssen eben Geduld haben und durch unablässige Arbeit an uns selber, an unserm Volke und durch Förderung der Arbeit im Lande der Väter den Boden vorbereiten. Ist das jüdische Volk noch immer das alte? Nun, ich vermag noch immer nicht daran zu zweifeln. Erst wenn wir, wie kürzlich allen Ernstes vorgeschlagen worden ist, das Passahfest nicht mehr als Befreiungsfest, sondern als bloßes Frühlingsfest feiern werden, und erst dann, wenn wir, wie weiter gewünscht wurde, versuchen werden, uns der makkabäischen Heldentaten am 25. Dezember zu erinnern, erst dann werde ich glauben, daß wir nicht mehr die Alten sind, erst dann werden wir auch unsere Hoffnungen begraben müssen. Bis dahin aber sprechen wir getrost: „Jetzt hier, künftig im Lande Israel, jetzt noch Knechte,künftig freie Männer!" Denn in diesen Worten liegt der wahre Sinn und die unvergängliche Bedeutung, liegt die Schönheit und der Zauber des Passahgedankens. DIE NEUEN Von Dr. S. . Im Zeitalter des Industrialismus, der Zentralisation, der Ökonomie der Arbeit, der Aktien-, Synagogen- und Musikgesellschaften sind weder Schlangenunflat noch alter Damen Langweile vor Industrialisierung und Fabrizierung sicher. Alles wird verwendet, alles ausgebeutet: — des Kaisers Bart, der Glaube, der Unglaube, alte Matratzen, der Ordenbesitz, die Dummheit und selbst die Klugheit. Neue Gesellschaften und neue Industriezweige schießen wie Pilze aus — dem Sumpfe hervor. Ist einer glaubensfest und fließt noch in seinen Adern Apostelblut, dann gründet er flink eine Religions¬ und Glaubensgesellschaft, und glaubt einer nicht, — na, der Monistenbund, der Freidenkerverein. — Hat einer viel Geld, keine Arbeit und ein meilenweites, portemonnaielederweiches Herz, dann wird er Vizepräsident des Almosenkastens des israelitischen Hilfsvereins oder Vorstandsmitglied eines Siechen- und Waisenhauses, oder er gründet selbst einen Verein und macht sich selbständig. Da fährt er vielleicht billiger, und der Adlerorden IV. Klasse ist en marche. — Mit einem Worte, jeder verwendet seine Kräfte zum Besten mehrerer oder vieler, jeder sammelt, zentralisiert, industrialisiert, — und Handel und Gewerbe blühen. In diesem industriealisierendem und zentralisierendem Treiben sind, dank den Bemühungen vieler kahlköpfiger, glatt rasierter und leiblich unbescheidener Herren, zwei neue Industriezweige groß geworden, — die Schnorr- und Kultusindustrie. Aber, ich bitte, nicht lachen, immer langsam! Die erste Industrie setzt sich, wie alle gutgepflegten, feinkultivierten Industrien, aus Rohstoffen, Fabrikation, Fabrikanten und Kunden zusammen, nur mit einigen unwesentlichen Unterschieden. Der Rohstoff: der Kaufmann, der gutmeinende Spießer, der Laie, die Gutmütigkeit der Vielzuvielen, der gleichgültige Geber, die weichherzige Dame. Die Fabrikation: der Verein, sein Schriftführer (honoris causa), die besoldete Verwaltung, die Vereinsstatuten und die Launen und Schrullen der Almosenausteiler. — Der Fabrikant: der Kommerzienrat mit dem Kronen- und Adlerorden, der Justizrat, dessen Schwiegersohn seine Praxis übernommen, dann der Sanitätsrat, ein Mitglied des Synagogenvorstandes, der Schwiegervater INDUSTRIEN VI. Mölamed des Gemeinde,,parnes", ursprünglich ein ländlicher Jud' und später gewaltsam kultiviert, der und andere philanthropische Bestien; die Frau Geheimrat, die Damen des Logenpräsidenten, einige Mitglieder des Vereins „Weibliche Fürsorge4', einige würdevolle Bankierswitwen und andere Wohltätigkeitshyänen. Die Triebkraft der Fabrik: gähnende, tötende Langweile, dumpfe Verzweiflung, philanthropischer Protz, Pietät vor dem Glauben der Väter und das Bedürfnis für eine ausfüllende Tätigkeit. Die Kunden: polnische Juden, „Russen4', rumänische Juden, Berufs- und Zufallsbettler, unglückliche Emigranten, Flüchtlinge, dem Pogrom Entflohene; bleiche, hagere, ausgehungerte Gestalten, an deren Kreditfähigkeit weder der Kommerzienrat noch die alte Bankierswitwe zweifeln dürften, — und doch zweifeln sie. Jankel Velvel, der Glaser, Vater von acht Kindern, war ein Jahr in Amerika Und fährt jetzt nach Rußland zurück, — mit demselben Hut, mit dem er hingereist ist. Gewiß ein kreditfähiger Kunde. Er kommt in die Fabrik, will sagen, in den israelitischen Hilfsverein, wird von einem dort diensttuenden Schutzmann „sanft" begrüßt, daß ihm ein Schrecken in den Leib fährt; dann wird er vom Herrn Sekretär durch die Luke betrachtet, angeschnauzt: „Polack, Schnorrer, sind Sie schon wieder da? Haben Sie einen Paß?4' Der „Kunde" zittert am ganzen Körper, stammelt im jüdischen Esperanto, Jargon genannt, einige dem Sekretär unverständliche Worte; der Sekretär weist auf den Schutzmann, schlägt ihm die Luke vor der Nase zu und brüllt philanthropisch, herrenmäßig: „August, schreiben Sie eine Anweisung für eine Suppe und sechzig Pfennig; abends bringen Sie ihn an die Bahn!" Der Kunde steht zum Fabrikanten in einem ganz eigenartigen Verhältnis. Der Fabrikant fährt erster Klasse, der Kunde fünfter. Für den Fabrikanten sind alle Kunden gleich: eine Suppe und sechzig Pfennig Geld. Und doch ist der Fabrikant vom Kunden abhängiger, als der Kunde vom Fabrikanten. Wie viel edle Kommerzien- und Justizratsseelen wären vor gähnender Langeweile gestorben, wenn es keine Schnorrer gäbe! Was hätten diese bessern Herren wohl angefangen, wenn es keine Emigranten und Pogromflüchtlinge gegeben hätte? Christliche Herren ihres Standes und ihres

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.