Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 14-15 (2.4.1909)
- Date
- 1909-04-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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notwendig und dem Fortschritt der Kultur als im großen und ganzen ebenso förderlich, wie den Kampf und den Wetteifer unter den Individuen. Die notwendige Folge davon mußte sein, daß ein so altes Volk wie die Juden, ein Volk mit einer so zähen Rassigkeit und einem so starken Zusammengehörigkeitsgefühl und Stammesbewußtsein, überall als rassenfremd empfunden wurde. Es liegt uns fern, damit etwa die staatsbürgerliche Zurücksetzung der Juden rechtfertigen zu wollen, obschon es von hier aus wenigstens begreiflich wird, daß die Regierungen glauben, der Volksströmung Rechnung tragen zu müssen. Vielleicht wird auch hier allmählich eine billigere, ruhigere Beurteilung Platz greifen, wenn wir den Namen unserer Nation erst wieder zu Ansehen gebracht haben und keinen allzu erheblichen Bestandteil der Bevölkerung der in Betracht kommenden Länder bilden werden. Niemals aber dürfen wir bei dem gegebenen Sachverhalt hoffen, daß wir ohne völlige Selbstentäußerung, die doch nur einzelnen gelingen kann, ohne völlige Verwischung alles Jüdischen, ohne restlose Preisgebung alles jüdischen Stammesbewußtseins als gesellschaftlich gleichberechtigt werden anerkannt werden. Ja, kaum genügt hier noch und darf uns hier genügen, daß wir als gleichberechtigt anerkannt werden. Wir müßten vielmehr als gleichartig, als nicht Stammes- und yolksfremd empfunden werden. Wie aber ist das zu erwarten und vorzustellen, solange nicht ein ganz anderes Blut in unsern Adern rollt! Die rassenhafte Verschiedenheit des Wesens kann durch keinerlei Assimilation beseitigt, kann durch alle Durchdringung mit fremder Kultur nicht überbrückt werden. Und nicht nur, daß wir bei allen vergeblichen Versuchen näch dieser Richtung unsere innere Freiheit vollkommen einbüßen, schlechte Kopien der andern werden, unser Eigenwesen verbiegen und verkümmern müssen, so ist damit auch die kulturelle Freiheit des Judentums für das Linsengericht einer prekären, jederzeit revozierbaren, gnädigst gewährten Gleichberechtigung verkauft. Die Auflösung des Judentums 'als Kulturfaktor kann bei solcher Sachlage und bei unserer in jedem Betrachteingezwängten, schwerenPositiondurchkeinerlei Maßnahmen verhindert werden. Man sollte meinen, daß eine Täuschung über alles dies nicht nur nach den gemachten Erfahrungen, sondern auch nach dem Stande der heutigen Wissenschaft nicht mehr möglich sein sollte. Man sollte meinen, daß unser Freiheitsgefühl, wrenn wir solches von unsern Vorfahren her noch wirklich besitzen, sich gegen eine so unwürdige Lage aufbäumen sollte, daß ein heißes Verlangen, nicht dauernd und hoffnungslos der Qnade der Völker preisgegeben zu sein, uns überkommen und uns unaufhaltsam auf den einzigen Weg drängen müßte, der in die wirkliche Freiheit führt. Man sollte meinen, wir müßten endlich begreifen, daß wir auf einem verhängnisvollen Irrwege sind, wenn wir die Emanzipation als die volle ersehnte Freiheit verstehen und verkennen, daß die Emanzipation nur ein Zwischen- und Durchgangsstadium zur wirklichen Freiheit bildet. Allein das Verhalten der meisten gebildeten Juden von heute belehrt uns darüber, daß unsere Erwartung nicht zutrifft. Sind wir wirklich noch die Nachkommen der stolzen, starken, von nationalem Freiheitsdrang ganz erfüllten Israeliten, wie sie uns die Bibel und wie sie uns noch Flavius Josephus zeigt? Wir feiern jetzt bald das Passahfest. Die Befreiung von der mehrhundertjährigen ägyptischen Knechtschaft ist es, die wir feiern werden. Wie ein roter Faden durchzieht die Erinnerung an die Befreiung Israels vom ägyptischeu Sklavenjoch die Bibel von dem einen bis zum andern Ende. Der Befreiungsmonat Nissan sollte uns nach der Vorschrift der Thora der erste aller Monate sein. Das für die mosaische Gesetzgebung grundlegende Zehnwort beginnt mit der Erinnerung: „Ich bin der Ewige, dein Gott, der ich dich aus dem Lande Ägypten geführt habe, aus dem Hause der Knechte." Wo auch immer Israel an die mannigfachen ihm erwiesenen Wohltaten Gottes erinnert wird, steht die Befreiung von der Sklaverei Ägyptens an erster Stelle. Wo der völlige Gehorsam Israels gegen Gottes Wort geweckt werden soll, da kennen die heiligen Schriftsteller kein stärkeres, ihnen wirksamer erscheinendes Motiv als die Dankbarkeit Israels für seine Befreiung aus Ägypten. „Auf daß du alle Tage deines Lebens des Tages gedenkest, da du auszogest aus Ägypten," diese eindringliche Mahnung lesen wir einmal und ähnlich viele Male in der Bibel. Jeder Sabbat, jedes Fest, welche sonstige Bedeutung sie auch außerdem haben mögen, sind für uns secher lizias mizrajim, „ein Andenken an den Auszug aus Ägypten". Und das Passahfest zumal, es ist von jeher mit dem reichsten poetischen Zauber umkleidet. Wer am Sederabend recht viel erzählt vom Auszug aus Ägypten, der gilt als in hohem Maße des Lobes würdig. Und die Erinnerung an die Befreiung in vergangenen Tagen nährte den Glauben an die Befreiung in zukünftigen Tagen, nährte den messianischen Glauben. Das „Passah Ägyptens" führte zum „Passah der Zukunft". Im Grunde ist ja der messianische Glaube gar nichts anderes als der durch den Zwang der Verhältnisse mehr und mehr passiv gewordene Freiheitsdrang des jüdischen Volkes. Die erdrückende Übermacht des Feindes warf uns nieder, und ob wir auch, von ^brennendem Durst nach Freiheit getrieben, uns wiederholt vergeblich erhoben hatten, um das köstliche verlorene Gut wiederzuerlangen, so hörten wir doch nicht auf, zu glauben, daß uns das Morgenrot der Freiheit künftig neu anbrechen werde. Ach, wie waren wir einst so groß und wie sind wir doch so klein, verächtlich klein geworden! Sollen wir wirklich glauben, daß das jüdische Volk seinen Charakter von Grund aus geändert habe? Aber dann hätte die Blutmischung mit andern Völkern in der Diaspora nicht eine so minimale gewesen sein dürfen, wie sie gewesen ist. Und beweist das Auftauchen und Fortbestehen der zionistischen Bewegung nicht, daß der alte Geist, das Verlangen nach einer vollen Freiheit noch nicht verschwunden ist? Aber man hat uns den Pflug und das Schwert nicht umsonst Jahrhunderte hindurch aus der Hand genommen. Solange man irgend kann, wird man an die Emanzipation als an die letzte höchste Freiheit glauben. Das zionistische Ideal schreckt die Schwachen durch seine Größe. Allein die Zeit ist eine gute Lehrmeisterin. Sie wird schon dafür sorgen, daß die anjetzt noch Blinden sehend werden. Für ein ganzes Volk bedarf es eindringlicher Erfahrung und kostet es Zeit und Mühe, sich aus den provisorischen Idealen der nachmendelssohnschen Zeit hinauszuleben. Ein gewisses Verlangen nach Freiheit ist ja da: es ist nur noch nicht glühend