Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 14-15 (2.4.1909)
- Date
- 1909-04-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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No. 14 DIE^ELT 301 einmal so viele Stimmen, die abgegeben wurden, eben — ich möchte es so harmlos, ajs irgend möglich, ausdrücken — nicht gezählt. Gewiß, diese vielen Tausenden, die bei den letzten Reichsratswahlen mit den Zionisten gegangen sind, kann man nicht als Zionisten betrachten, aber zweifellos ist ihnen schon viel Zionistisches in die Seele gedrungen, da sie mitkommen konnten. Vor fünf Jahren noch wäre so etwas nicht möglich gewesen. Dies alles, und viel anderes, was man in diesem Zusammenhange anführen könnte, bedeutet einen großen Ertrag der zionistischen Arbeit. Wir sind offenbar in der Nationalisierung des jüdischen Volkes ein großes Stück dem Ziele näher gekommen.' Der erste Wellenberg, den wir auf unserer Entwicklungslinie erklommen haben, ist zweifellos von beträchtlicher Höhe. Das müssen wir uns sehr nachdrücklich sagen, um das unfruchtbare Klagen und ermüdende Jammern über Erfolglosigkeit oder gar Aussichtslosigkeit zum Schweigen zu bringen. Das anregende, meinetwegen sogar aufregende Fordern und Anklagen soll ja weiter voll und laut tönen. Bloß das mißmutige Weinen soll aufhören. Daß wir eine Weile in einem Tale waren, ist zweifellos wahr. Aber das war eine natürliche Krümmung, v^ie sie große und gerade sehr siegreiche Bewegungen stets durchgemacht haben. Wir sind auf der richtigen Linie, die zum Siege, zum Ziele führt. Das beweisen die tiefen Furchen und ernsten Spuren, die wir auf der ersten i eilstrecke eingegraben und eingezeichnet haben. Das beweist aber auch der Umstand, daß wir uns wieder nach aufwärts bewegen, — bergan. Bergan. Wie hoch wird uns die jetzige Steigung hinaufführen? Es wäre müßig, Weissagungen zu versuchen. Daß wir aber nun ohne jede Unterbrechung, ohne jede Hemmung und Abbiegung geradeaus schon ganz das Ziel erreichen werden, scheint mir eine allzu kühne Hoffnung. Auf Hindernisse werden wir noch stoßen. Aber ein gewaltiges Stück weiter werden wir bis dahin schon gekommen sein. Unsere Hilfsinstitutionen werden sich indessen ganz ausgebaut haben; die positive Arbeit in Palästina, die so lange brach lag, eben weil man den ganzen Weg für kurz und grade hielt, wird greifbare Resultate gebracht haben; die zionistischen Ideen werden weit tiefer ins Bewußtsein des jüdischen Volkes eingedrungen sein, so daß sie zum unverlierbaren Bestände der jüdischen Volksseele geworden sein werden; das hebräische Schrifttum wird sich zu einer respektablen geistigen Macht ausgewachsen haben. Kurz, das jüdische Leben wird voller, normaler, schöner — zionistischer geworden sein. Und wenn dann wieder einmal, wie beinahe unvermeidlich, irgendeine Abbiegung von der graden Bahn erfolgt, werden wir wohl eine schlimme Folge sicherlich nicht mehr haben, - - den Abfall. Jetzt aber, angespornt durch die bis jetzt erreichten Erfolge, erfahrener nach der bereits zurückgelegten Wegestrecke, gilt es mutig, das große Endziel ins Auge zu fassen und stramm vorwärts zu marschieren, vorwärts und aufwärts! DER PASSAH-GEDANKE Von Rabbiner Dr. Max Joseph, Stolp Wer das Verhalten der Gebildeten unter den heutigen westeuropäischen Juden gegen die zionistische Bewegung betrachtet, der wird wohl oft nicht die Frage unterdrücken können: Sind das wirklich noch die Nachkommender alten Israeliten? Sind sie ein und desselben Blutes mit denen, die einst gegen den gewaltigen assyrischen Welteroberer Sargon, gegen den großen Nebukadnezar von Babylonien gestritten haben? Gleichen Blutes mit den Zeloten, mit denen um Juda Makkabi und Barkochba? Welchen unbezwinglichen Drang nach Freiheit, welchen Löwenmut und welche Todesverachtung im Kampfe für das teure, kostbare Gut der Freiheit bekundeten unsere Vorfahren? Wie erstaunt uns alles, was zumal Flavius Josephus, ein gewiß für diese Dinge unverdächtiger Zeuge, über den Kampf gegen Rom berichtet? Wo aber finden wir die Spuren des Geistes jener kühnen Freiheitshelden in den heutigen westeuropäischen Juden? Die Frage geht nicht so sehr auf die Gebildeten aus der Zeit Mendelssohns und der nächsten auf ihn folgenden Generationen. Denn diese waren wenigstens von persönlichem Freiheitsrausch ergriffen und taumelten kopfüber aus den Toren des Ghettos, aus der tiefsten Knechtschaft in die ihnen winkende neuartige Freiheit hinaus. Sie verloren dabei freilich alle Besinnung, und aller historischen Erkenntnis bar, gaben sie die Ehre ihres Volkes preis. Sie mißverstanden den selbst in den Kammerknechten noch nicht ganz entschlummerten alten Drang und gaben ihm eine unmoralische Richtung. Sie verkauften und verhandelten die Freiheit und die Zukunft des ganzen Volkes gegen die erträumte Freiheit aller einzelnen. Wie aber ist es mit den Juden von heute? Seit mehr denn hu-ndert Jahren führen wir den Kampf um unsere Emanzipation. Es konnte eine Zeitlang wirklich scheinen, als kämen wir schrittweise vorwärts und als könnten wir schließlich zum Ziel gelangen. Der freie, menschheitliche Geist, der seit der großen französischen Revolution Europa mehr und mehr durchdrang, schien auch die Juden nicht vergessen und als allen andern ebenbürtig, gleichwertig und gleichberechtigt anerkennen zu wollen. Längst aber, nun schon seit drei Jahrzehnten, ist ein starker Rückschlag erfolgt. Gegenüber dem alten abstrakten Kosmopolitismus mit der von ihm genährten Gleichgültigkeit gegen alles nationale Leben hat der nationale Geist der Völker, haben deren materielle und ideelle Interessen sich wieder Geltung und moralische Anerkennung zu verschaffen gewußt. Das historische und das Rassenbewußtsein ist stärker und mächtiger geworden, nicht freilich, ohne mancherlei häßliche Auswüchse zu zeitigen, wie dies nun einmal in der Natur aller menschlichen Dinge begründet ist. Aber auch dort, wo man diese Auswüchse aufs schärfste verurteilt, sieht man in dem Vorhandensein der verschiedenen und verschiedenartigen Völker eine gegebene, unabänderliche Tatsache, faßt man die einzelnen Völker als Kultureinheiten auf, die je nach ihrer Eigenart ihren besondern Beitrag zur allgemeinen Menschheitskultur leisten. Kampf und Wetteifer unter den Völkern erkennt man als ebenso s>*