Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 14-15 (2.4.1909)
- Date
- 1909-04-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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•300 ^"' DlEi gekommen sind. Das Ziel des Zionismus ist ein zweifaches: die tafsächliche friedliche Besitzergreifung von Palästina für das judische Volk, — was das Baseler Programm deutlich ausspricht — und die Nationalisierung des jüdischen Volkes, sozusagen: die Verjudung des Judentums, — was das Baseler Programm wohl stillschweigend voraussetzt. Ober die erste Seite, ich möchte sie nennen die Aversseite, weil auf sie zuerst der Blick fällt, möchte ich nicht viel sagen. Da sind die Erfolge doch bekannt und in trockenen Zahlen ausdrückbar. Haben wir auch keine Veranlassung, uns in eitler Selbstzufriedenheit zu wiegen, so werden wir doch immerhin uns selbst und den andern mit einigem Stolz sagen dürfen, daß der Zionismus die innerlich gefestigteste und äußerlich zahlreichste Organisation des jüdischen Volkes seit der Diaspora darstellt. Und Organisation ist ein inhaltschweres Wort. Es bedeutet, in ein faßlicheres und bedeutsameres Wort übersetzt — Leben. Dann werden wir auch mit einigem Selbstbewustsein uns und den andern sagen dürfen, daß die Millionen, die wir für zionistische Zwecke aufgebracht haben, eine beredte Sprache reden. Sie mögen ja noch leider sehr gering sein im Verhältnisse zu dem durchsie zu erreichenden Zwecke, aber ohne geräuschvolle Millionär- Philanthropie hat noch keine jüdische Vereinigung so viel Qeld aus dem wirklichen Volke, dem arbeitenden und - hungernden aufgebracht, wie die Kolonialbank, der Nationalfonds, der Schekel usw. Und die Konsolidierung der unter dem azionisti sehen philanthropischen Regime in Verfall geratenen Kolonien in Palästina ist auch unser Werk, und unser — Erfolg. Und das rege Leben, geistiges und wirtschaftliches, das in Palästina zusehends wächst, das ist auch unserer Arbeit schöner Erfolg. Gewiß, das alles ist noch kein Bau, aber Bau- ' steine sind zusammengetragen und noch mehr, da und dort sind es schon sichere und unverrückbare Fundamententeile. Doch von alledem und vielem andern, was in diese Rubrik gehört, will ich hier nicht sprechen. Vielmehr will ich zeigen, daß wir auch auf der andern Seite, sagen wir der Reversseite, ein gut Stück unserm Ziele näher gekommen sind. W7enn die Formel, die man für den Entwicklungsprozeß neuer Ideen aufgestellt hat, wahr ist, daß sie nämlich vier Phasen durchlaufen müssen, so möchte ich die augenblickliche strategische Position der zionistischen Ideen dahin bestimmen, daß sie sich schon am Ende der zweiten; oder gar am Anfang der dritten Phase befindet. Nach jener Formel soll eine neue Idee erst verlacht, dann angefeindet, dann geachtet, schlielich angenommen werden. Das Lachen ist den „überlegenen" Geistern schon längst vergangen, und das Anfeinden hat schon beinahe ganz aufgehört, und es sind deutliche Anzeichen dafür vorhanden, daß die Achtung — die bewußte Achtung, die unbewußte Achtung ist implicite schon in der Anfeindung enthalten! —bei vielen ernsten und gewichtigen Gegnern sehr stark einsetzt. Wir sind nachgerade zum öffentlichen Gewissen des 'modernen Judentums geworden. Freilich, für manche Kreise zum störenden Gewissen, wie ja schließlich von maenhen Menschen das Gewissen überhaupt als störendes Requisit empfunden wird. Es ist mit aller Bestimmtheit festzustellen, daß im heutigen Judentum nichts Bedeutsames geschieht, was nicht irgendeine Beziehung, eine freundliche oder feindliche, zum Zionismus hat. Bald will nan uns entgegenkommen, [ELT — No. 14 bald will man uns zuvorkommen, bald will man uns den Wind aus den Segeln nehmen, bald will man uns den Boden abgraben, immerhin aber geschieht alles sozusagen sub specie sionismi. Noch wichtiger als das Sicht- und Greifbare dürfte aber die Schätzung der Suggestivkraft unserer Ideen werden. Das läßt sich selbstverständlich nicht in Maß und Zahl bestimmen, aber einen allgemeinen Eindruck von der Intensität dieser Einwirkung kann man sehr wohl aus den Tatsachen erschließen, wenn man diese nur in die richtige Beleuchtung rückt. Ich bediene mich hierzu folgender Überlegung: Zur Bestimmung der Entwicklungslinie sozialer Bewegungen gehört unbedingt die Erkenntnis, daß neue revolutionäre Ideen niemals unmittelbar siegen. Noch niemals hat eine Revolution unmittelbar und endgültig das Alte umgebracht. Das Alte rafft sich immer wieder auf. Frankreich und neuestens die russische Revolution bezeugen die Richtigkeit dieser Erkenntnis ganz unbezweifelbar. Nun nimmt aber dann, nach der ersten Erschütterung und der auf sie folgenden gewaltsamen Reaktion das Alte in tausend bewußten und noch mehr unbewußten Kompromissen das Neue in sich auf und verändert allmählich so sehr seine Gestalt, daß es dem Neuen zum Verwechseln ähnlich wird. Der Entwicklungsprozeß des Sozialismus zeigt uns diesen Weg deutlich. Die scharfe und haßerfüllte Ablehnung des Sozialismus in der bürgerlichen Gesellschaft hat es nicht zu verhindern vermocht, daß der berühmte „Tropfen sozialen Öls" in das Bewußtsein der Menschen eingesickert ist. Und nun kommtein ganzbewußterKompromiß. Es entsteht die, wenigstens in Deutschland, einflußreichste Schule des Staatssozialismus. Gewiß: Staatssozialismus ist nicht marxistischer Sozialismus, aber er ist eine sehr weitgehende Anerkennung der sozialistischen Grundprinzipien, und das im Lande der berüchtigsten Sozialistengesetze. Auf den Zionismus übertragen, würde sich nun etwa folgende Proportion ergeben: Die azionistischen Palästinabestrebungenderverschiedenen außerzionistischen Vereinigungen und Organisationen verhalten sich zum Zionismus, wie der Staatssozialismus zum eigentlichen Sozialismus. In beiden Fällen sind diese Ableger von hervorragender symptomatischer Bedeutung. Sie sind Gradmesser für die elementare Suggestivkraft ihrer bezüglichen radikal gefaßten und ausgeprägten Stammideen. Wenn heute die J. C. A., wenn auch widerwillig und lässig, in Palästina kolonisiert, wenn die A. J. K. O. Kreise erfaßt, die dem Zionismus bewußt ablehnend gegenüberstehen, wenn der Hilfsverein einen Großteil seiner Tätigkeit auf Palästina verlegt, so ist das alles und noch vieles andere ein klarer Beweis dafür, daß der Zionismus schon tief eingedrungen ist in das Bewußtsein des Judentums. Ich möchte noch eine Tatsache anführen, die mir, gerade von dieser Seite gesehen, ein bedeutsames „document social" zu sein scheint. Ich meine die sogenannte Landespolitik in Galizien. An sich erbaut mich die Landespolitik durchaus nicht; aus mehr als einem Grunde. Zunächst, weil sie uns vielleicht vom Wesentlichern ablenkt. Aber als Beweis für die große suggestive Kraft des Zionismus hat mich der überraschende Erfolg dieses ersten aktiv-politischen Auftretens außerordentlich gefreut. Galizien zählt bloß 6000 Schekelzähler, aber zionistische Stimmen hat man über 31000 gezählt, und sicherlich mindestens noch