Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1909-04-02 · 14-15 (2.4.1909) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
14-15 (2.4.1909)
Date
1909-04-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3316349-3316367--51761-3345418
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

No. 14 -DIE 3 handelt, an deren Bewegung man teilnimmt. Da kann man — wenn man nicht mit offenen Augen jede Bewegung auch in den Teilstrecken beobachtet, und nicht ganz scharf das Endziel im Auge behält, — schon bei einer kleinen Abbiegung die Orientierung verlieren und den Weg zur Hauptstraße nicht mehr zurück finden. Ich denke hier besonders an die Vorwärtsbewegung von Parteien. Eine mehr oder minder große Menschengruppe schart sich um einen Gedanken, ein Bekenntnis, ein Ideal, ein Programm, um dessen Verwirklichung natürlich auf dem kürzesten Wege und in der kürzesten Zeit zu vollbringen. Im ersten kühnen Anlauf wird, — besonders unter starker und hinreißender Führung, — eine große Weglänge mitsamt den Hindernissen in grader Linie genommen. Nun kommt aber naturgemäß früher oder später ein plötzlicher Knacks, ein Bruch, eine gewaltsame Ablenkung, — aus innern oder äußern Ursachen. Sei es durch eine momentane Abspannung nach der ersten intensiven, vielleicht auch maßlosen Kraftanstrengung, sei es durch eine Mauer, die an einem gewissen Punkte sichtbar wird und die man zu umgehen oder zu durchbrechen haben wird, sei es durch irgendeine starke Flutwelle, die von irgendwoher heranprallt. Jedenfalls, man fühlt sich aus der graden Bahn geworfen. Und da geschieht es, nicht nur häufig, sondern geradezu immer, daß ein großer Teil der Partei versprengt wird, das Ziel aus den Augen verliert und für einige Zeit, oder gar für immer, nicht mehr den Weg zurückfindet. Ein nicht ganz gradliniger und nicht ganz ebner Weg wird eben von vielen als nicht gangbar empfunden. So ging es zu in allen lebensfähigen, lebenskräftigen und auch siegreichen Parteien. Man denke z. B. — um nicht gar zu weit in die Geschichte zurückgreifen zu müssen, — an den Werdeprozeß des Liberalismus, — in der echten, welthistorischen, wirklich grundstürzenden Bedeutung und Bedeutsamkeit dieses Wortes! — seit seinem Hervorbrechen in der französischen Revolution bis zur zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, wo er seinem wesentlichen Kerne nach zum unverlierbaren Bewußtsein — und Lebenselement der modernen Kultur geworden ist. Auf diesem langen Wege bewirkt jede Abbiegung von der graden Linie Zerrüttung, Zerstreuung, Versprengung und Abfall. Und es dauert dann lange, bis sich die Reihen wieder sammeln und zusammenschließen. Oder man denke an die große Bewegung der englischen Trade Unions, die sich zur Trades Union ausbaute. Es wird berichtet, daß die im Jahre 1834 von Robert Owen gegründete Gewerkschaftsvereinigung innerhalb weniger Wochen über eine halbe Million Mitglieder umfaßte. Einige Jahre später, im Jahre 1838 sah es aus, als ob diese ganze Organisation bereits der Auflösung nahe wäre. Sie war es vielleicht auch. Uneinigkeiten und Ungeklärtheiten innerhalb der Partei, ein momentaner wirtschaftlicher Niedergang, die alten drakonischen Gesetze gegen die Arbeiterverbände, die wieder stark in Gebrauch kamen, zersprengten die Massen. Allmählich schlössen sich die Reihen wieder zusammen, bis sie — natürlich auch nicht auf einer graden Entwicklungslinie — zu einer unerschütterlich mächtigen Organisation erstarkte, die beim Ausgange des 19. Jahrhunderts ungefähr 1 700 000 Mitglieder umfaßte. So erging es ausnahmslos allen großen Parteien [ELT 299 im ersten Anlauf überraschender Aufschwung, dann bei der ersten Abbiegung sichtbarer Verfall mit dem üblichen Tot-gesagt-werden von Feind und Freund, dann aber, über unzählige Hindernisse und Wegkrümmungen hinweg, die Sammlung und Konsolidierung bis zum siegreichen Durchdringen. Genau so erging es auch uns — bis zum Schluß des ersten Aktes des großen zionistischen Dramas. Den zweiten Akt haben wir eben begonnen .. . Herzl kam und zeigte das Ziel klar und prägnant. Und er wies auch den Weg zum Ziele, — eine gerade Linie. Ein Genie ist allemal der Mensch der geraden Linie. Er riß mit sich fort und man ging mit ihm eine große Weglänge vorwärts. Dann kamen naturgemäß und notwendigerweise die Knackse und Brüche und Abbiegungen. Brauche ich sie erst aufzuzählen? Man kennt sie ja. Also: Uganda, der Tod des Einzigen, die Revolution in Rußland, die Pogrome. Jedes einzelne dieser, ich möchte sagen: elementaren Ereignisse war stark genug, um uns aus der geraden Bahn zu werfen. Und sie wirkten alle vereint. Die unausbleibliche Folge war, wie sie eben nicht anders sein konnte: ein geradezu katastrophaler Verfall, ein fluchtartiger Abfall, eine Zerüttung, sogar bei den Besten und Ausdauerndsten eine geradezu verzweifelte Desorientierung. Natürlich sagte man uns tot, und wir fühlten uns auch mindestens halbtot. Es sah auch einer Auflösung zum Verzweiflen ähnlich. Zwischen dem 6. und 7. Kongreßjahr verloren wir allein in Rußland nahezu die Hälfte der Schekelzahler; die Zahl derselben sank von 125220 rapid auf 66529. Manche ausgiebigen Bezirke fielen nahezu ganz ab. So z. B. Sibirien, wo die Zahl der Schekelzahler von 4898 im 6. Kongreßjahr auf 1497 im 7., und gar auf 965 im 8. Kongreßjahr gesunken ist. Natürlich stellten sich auch bald die andern beklemmenden Symptome der Auflösung ein. Das ganze geistige Leben schien erloschen. Die hebräische Literatur, noch gestern voll Sang und Klang und siegessicherer Zuversicht, hat plötzlich das Sprachvermögen verloren. Was man da und dort noch hörte, war bloß ein beängstigendes Ächzen und Krächzen, wie am Bette eines Sterbenden. Man bejubelte unsern Tod, und man bereute ihn. Und doch waren wir gar nicht tot. Nicht einmal scheintot. Bloß unsere Entwicklungslinie hat sich in einem spitzen Winkel gebrochen. Merkwürdig, so oft man es schon aus der Geschichte gelernt hat, und so genau man es auch theoretisch weiß, wenn man mitten drin in der Bewegung ist, vergißt man es doch immer. Darum soll es, um künftigen unbegründeten Verzweiflungen vorzubeugen, noch einmal gesagt werden: Die Entwicklungslinie großer sozialer Bewegungen ist niemals eine Grade. Sie ist vielmehr eine Wellenlinie, in der auf je einen 1 Wellenberg ein Wellental folgt. Aus den einzelnen Wellenbergen, die in diesem Zusammenhange Teilerfolge bedeuten, setzt sich der ganze Erfolg, bis zum vollständigen Durchdringen zusammen. Einen Berg hat uns Herzl hinaufgeführt, im Tale waren wir während der schweren Krise und nun gehen wir wieder bergan. Es fragt sich nun, ob diese erste Aufwärtsbewegung die wir bereits zurückgelegt haben, ein wirklicher Erfolg war, d. h. ob wir ein Stück unserm Ziele näher

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.