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Die Welt · 1909-04-02 · 14-15 (2.4.1909) · page 2

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
14-15 (2.4.1909)
Date
1909-04-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
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298 Ägypten erlöst-worden, ist schön, aber daß man sich auch jetzt darnach sehne, das ist störend, vielleicht gar strafwürdig. Das ist die Philosophie der Ägypter, die das Balsamieren erfunden haben, damit man lange verwese. Nichts hallen die Reichen für so unentbehrlich wie das Elend, nichts die Tyrannen und die Sklavenseelen für so notwendig wie die Knechtschaft, — nicht die der Vergangenheit, sondern die der Gegenwart. Den meisten Reichen ist die Armut Naturgesetz, natürlich nur die Armut andrer. Hungernde, auch noch so viele, sind der Gleichgültigkeit der meisten Zeitgenossen gewiß; die meisten halten es für das Ende ihrer Schuldigkeit, wenn sie neben einem Hungernden beten, daß Gott ihnen helfe. Und kündet die Hagada den wunderschönen Spruch: Jeder, der hungrig ist, er möge kommen und mitspeisen, so ist es eben nur ein Spruch; denn sollten die Hungernden wirklich herbeiströmen, so würde man sie mit dem Spruch abspeisen wollen. Wir lassen auch diese Pietät der Symbole und der schönen Sprüche gelten. Sie hängen mit dem großen, rettenden Wunderglauben zusammen, und schon das ist vielleicht das größte und nützlichste Wunder, daß man daran glaubt. Sie wirken erziehlich, wenn sie eine Andacht erzeugen, die Güte einflößt. Ihre Harmonien sind Kunstwerke einer Vergangenheit, und wer sie vernichtet, tut Vandalenarbeit. Aber wer Ideale zerstört, mordet! Das Auslöschen der Erinnerungen ist die Verwahrlosung der geweihten Ahnengräber, der Undank, der Stumpfsinn, der jene Ringe wegwirft, welche Ketten machen, die das Ganze erhalten; das Aufgeben der Freiheitsbestrebungen ist Kindermord, Vernichtung der Zukunft, Verleugnung des keimenden Lebens. Unser Pessach ist nicht nur Erinnerung, sondern auch das Ringen um die Zukunft. Es ist der Frühling und das Kind. Daher der familienhafte Charakter unseres Seder, daher das Sichzusammenschließen des Hauses. Es ist mehr als ein bloßer Brauch, als eine angewohnte Sitte; es liegt ihr vielmehr die Ahnung zugrunde, daß mit dem Pessach die jüdische Familie für ein freies, No. 14 eignes, nationales Leben wahrhaft geweiht und bestimmt worden ist. Die jüdische Familie! Der Mann ist Hauspriester, die Frau strahlt in voller Menschenwürde, die Kinder fragen wie die echten jüdischen Kinder, und es wird ihnen erklärt und erzählt. Die Volksgeschichte wird ihrem Bewußtsein nahe gebracht. Das ist das Blutj das in die Adern des Volkskörpers geleitet wird. Das kommende Geschlecht empfängt in der Familie sein Leben, seine Pflege und seine Lebensrichtung. Im Schoß der Familie wird das edle nationale Selbstbewußtsein großgezogen, auf dem sich die Existenz des Volkes aufbaut. Das ist 'der nationale Sinn der Feste. Die weihevollen Pessachtage haben eine ganz gewaltige Aufgabe für den Wiederaufbau des jüdischen Volkes. Der Segen einer vom Geist des lebendigen Judentums durchwehten Pessachfeier ist gar nicht hoch genug einzuschätzen. Die Leiden und die fremde Freiheit, das Ghetto und die Ghettoflucht, die Zerstreuungssucht, die Veräußerlichung des Sinnes, das vollständige Vernachlässigen der Symbole einerseits und die geistlose Scheinheiligkeit ohne tieferes. Verständnis anderseits, die Verwandlung unserer glaubensstarken, lebendigen Volksentwicklung in eine farblose humanisierende Phrase oder in eine versteinerte Reliquie haben das jüdische Haus untergraben. Die Risse müssen geheilt, die Entfremdung beseitigt, die Lieblosigkeit besiegt, die Unruhe, die Zerrissenheit und die Unstetigkeit überwunden werden! Das kann nur der uralte jüdische Volksgedanke, der die Religion des Volkstums und den Lebensinhalt der Religion bildet, zustandebringen. Das ist die Vergegenwärtigung der Vergangenheit! Vergebens sucht man in neuen Formeln das jüdisch Moderne. Die Geschmacklosigkeit hat sich zu allen Zeiten den Begriff des Modernen beigelegt; im wesentlichen gibt es aber ebensowenig eine moderne Kunst wie eine moderne Natur, — am allerwenigsten: eine moderne Freiheit. Ist doch das Alte so modern! „Der Auszug aus Ägypten" — der Weg ins Freie! Das alte und ewig-junge Ideal! N. S. ENTWICKLUNGSLINIEN Von Dr. O. Thon, Krakau Man pflegt in den Volksschulen den kleinen Kindern, die doch unmöglich die Kugelgestalt der Erde begreifen können, da sie noch nie von der Erde heruntergefallen sind, und immer unendliche gradlinige Strecken vor sich sehen, dies dadurch begreiflich zu machen, daß man die Erdkugel mit einer ungeheuer großen Kuppel, und sie selbst mit Fliegen vergleicht. Die winzige Fliege, — so sagt man zu ihnen, — sieht auf einer so großen Kuppel sicherlich keine Krümmung vor sich, sie sieht bloß Ebenen, weil der kurze Weg, den sie zurücklegt, und den sie übersehen kann, wirklich fast eben ist. Darum sehen auch wir auf der kurzen Spanne Weges, die wir gehen und übersehen können, keine Krümmungen, sondern bloß Ebenen. Irgend etwas ähnlich Anschauliches müßte man erfinden, um großen Kindern die tatsächliche Richtung und Gestalt der Entwicklungslinien begreiflich zu machen, die soziales Geschehen und Werden zu durchlaufen pflegt. Und zwar nicht so sehr für schon abgeschlossene Evolutionen, als vielmehr für solche, in deren Berechnung wir gerade begriffen sind. Sieht man auf bereits vollzogene Evolutionen, so glaubt man in der Regel, daß da eine ganz gerade Linie zurückgelegt wurde, ohne irgendwelche Abbiegung, ohne irgendwelche Krümmung. Die übliche Geschichtserzählung ist auch sehr beflissen, eine vollständig grade Linie zu konstruieren, weil sie nur so eine lückenlose Übersichtlichkeit erreichen kann. Und so springt man in der Erzählung kühn über Schluchten und Hügel, Furchen und Lücken, Winkel und Brüche und was der Abweichungen von der graden und geschlossenen Linie noch mehr sind, hinweg, und es entsteht eine grade und geschlossene Linie, wie sie die Planimetrie gelehrt, mit einem Anfangspunkt A und einem Endpunkt B. So etwas merkt man sich, und erlernt man leicht. Nun, das ist eben falsche Geschichtserzählung und entstellt bis zur Undeutlichkeit, das Bild der Vergangenheit, hat aber weiter keine nachteiligen Folgen. Höchstens, daß die „magistra vitae" noch untauglicher für den Lehrberuf wird, als sie es schon sonst ist. . . . Bedenklicher wird diese falsche Auffassung von der wahren Richtung, wo es sich um EntwicklungsÜnien

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