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Die Welt · 1909-04-02 · 14-15 (2.4.1909) · page 1

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
14-15 (2.4.1909)
Date
1909-04-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
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KÖLN AM RHEIN, KAROLINGERRING 6 ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XIII. JAHRO. KÖLN, 2. April 1909 ]2^rb dW« No. 14/15. PESSACH Festliche Kleider, üppige Mahlzeiten, unterhaltender Müßiggang, — sind es diese, die einen Feiertag ausmachen? Ja, vielleicht bei den andern; bei uns sind das nur Äußerlichkeiten. Die Hauptsache ist die Vergegenwärtigung der Vergangenheit. Es gibt wohl kaum ein Wort in unserer Nationalsprache, das so unmittelbar zu unserm Herzen spricht, und das die tiefsten Saiten der jüdischen Seele so voll erklingen läßt wie das Wort: Sech er (Erinnerung). „Secher Ii'j'ziath Mizrajim" — Erinnerung an den Auszug aus Ägypten! Wer könnte diesem Zauberklange sich verschließen? Gewiß, für den Übersättigten hat sich alles überlebt, steht alles im Greisenalter, gähnt die ganze Natur; aber wir gehören nicht zu den Satten, geschweige denn zu den Übersättigten. Und unsere Feiertage sind so voll Innerlichkeit, weil sie zugleich auch Trauertage sind. Aus den Erinnerungen seiner Jugend macht sich der Unglückliche Feiertage; und so auch das unglückliche Volk. Es ist wie der Luxus der Armen, der zuweilen mehr rührt als die Armut selbst. „Ma nischtaneh" —was ist es nun, was dieses Fest vor allen andern Festen so tief in unser Herz eingegraben hat, was unsere Augen heller leuchten und unsere Herzen höher schlagen läßt in den Pessachtagen? Vor allem doch dies: Pessach ist das Fest der fragenden Kinder. „Und wird dich dein Sohn morgen fragen: was bedeutet dieser Dienst, so erzähle ihm....." Wer die Dinge ohne den Blick der Gewohnheit betrachtet, ist ein Genie oder ein Kind. Denn der Idealismus ist eine Tugend der Unerfahrenheit; und das Genie wie das Kind sind unerfahren. Für das Genie ist noch nichts erfunden. Jeder Schöpfer findet am Anfang ein Chaos vor. So auch das Kind. Mit den Jahren gewöhnt man sich viel Gutes ab, — selbst das Gewissen. Und in welches Gelächter müßte die Welt ausbrechen, verliehe nicht die Gewohnheit gewissen Possen einen feierlichen Ernst! An dieser Gewohnheit rüttelt nur das Genie und das Kind. Was bedeutet das Symbol? Warum und wozu feiern wir Feste? Die fragenden Kinderaugen verleihen dem Zeichen einen Sinn, und alles lebt und lächelt, wo sie hinblicken. Denn in allem ist Poesie, wenn nur der richtige Strahl darauf fällt. Pessach ist das Fest der jüdischen Familie, und die jüdische Familie ist das mächtigste volkserhaltende Element. Mit der Tiefe und Innerlichkeit seines Gemüts war das jüdische Volk vor allem dazu befähigt, das Familienleben zu pflanzen und zu pflegen. In dem geweihten Boden der Familie hatte es von altersher die stärksten Wurzeln seiner Kraft gehabt. Deshalb ist das Pessachfest das denkbar schönste und idealste Familienfest geworden. Mit viel größerer, äußerer und innerer Beteiligung als in den Gottesdiensten der Synagoge wird es im häuslichen Kreise gefeiert. Schon Wochen zuvor sinnen die Herzen und schaffen die Hände, um diese häusliche Feier zur eigentlichen Höhestunde zu gestalten. „Dreißig Tage vor Pessach werden die Fragen des Pessach untersucht und erörtert." Alle Vorbereitungen drehen sich um den' Mittelpunkt: das Haus, die Familie. Mit einem Anflug von Humor verleiht die jüdische Folklore dem jüdischen Familienvater beim „Seder" die königliche Würde, die er mit der Gattin ehrlich teilt. Aus der Ferne und vom Bann der Pflichtenkreise eilen die zerstreuten Familienmitglieder nach dem Elternhause. Jeder von uns hegt in einer Truhe den Schatz der Erinnerungen, und die Gedanken suchen jenes Märchenland, das man als Kind beim ersten Anblick einer Sedertafel zu sehen anfing. Man schwärmt, man fragt ganz wie zuvor, denn man ist jung, solange das Temperament nicht altert . . . Mit nationalen Erinnerungen und Hoffnungen treten wir in das Zeichen der Sonnenwende. Generationen stehen hart nebeneinander am Pessachfest, dem Symbol nationaler Befreiung. Wir sind ein mühsam kämpfendes, aber kein elendes Volk, denn das Elend beginnt erst, wenn es auch an Hoffnungen verarmt. Wir haben noch Hoffnungen, deshalb sind uns die Feste mehr als Gewohnheitsveranstaltungen. Die meisten glauben zu denken und erinnern sich nur . . . Sie glauben Feste zu feiern und schmücken nur die Gräber der Vergangenheit. Es ist die Pietät für die Toten. De mortuis nil nisi bene. Es ist doch zwecklos, — sagte ein Weiser, — daher soll man den Toten nichts Böses nachsagen, — nur den Lebenden. Daß man einst aus

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