Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 13 (26.3.1909)
- Date
- 1909-03-26
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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No. 13 ■DIEMKE LT 291 Unter den Palästinafahrern ist diesmal auch der Seher und Sänger seines Volkes, Ch. N. Bialik. Der Dichter mit dem großen, starken Innenleben und dem so merkwürdig unscheinbaren Äußern. Unsere Stadt hat er leider diesmal kaum für einen Tag besucht; mit dem Chacham-Baschi und dem Deputierten Farraggi wurde er an diesem Tage zusammengeführt. Wir hoffen aber, ihn auf der Heimreise längere Zeit in unserer Mitte zu haben. Einstweilen zieht unsere Sehnsucht mit ihm. Ein jeder hofft still oder laut, es bald ihm nachzutun. Jeder muß hinüber! Unruhen in Syrien D. O. — Der „Deutschen Orient-Korrespondenz" wird aus Beirut von Unruhen unter den Drusen berichtet. Da gleichzeitig auch die Beduinen vielerorts eine bedenkliche Haltung zeigen, so macht sich in der syrischen Bevölkerung eine steigende Beunruhigung fühlbar. Zum Schutze der Hedschasbahn, die neuerdings mehrfach von Beduinen angegriffen und stellenweise zerstört worden ist, wurde das Kriegsministeriuni mit der Bildung eines Kamelreiter-Korps beauftragt. Das Territorium Zangwills London, 25. März. (Privattelegramm.). Zangwill kündigt an, das von ihm ausgesuchte Territorium sei die Cyrenaica, der Küstenstrich zwischen Ägypten und Tripolis. Der ausführliche Bericht wird in der nächsten Woche veröffentlicht werden. Eine bemerkenswerte Feier Köln. Zu einer höchst bemerkenswerten Kundgebung seitens der Kölner Judenhe.it gestaltete sich die Einweihung des neuen, bedeutend vergrößerten Lokals der von der Zionistischen Vereinigung gegründeten „Jüdischen Lesehalle" in der Agrippastraße 19, die am Sonntag den 21. d. M. stattfand. Zum ersten Male fanden sich die Vertreter aller hervorragenden jüdischen Korporationen Kölns, einschließlich des Vorstandes der Kölner Synagoa:engemeinde zusammen, um eine von Zionisten für die kulturelle Hebung der Judenheit Kölns gegründete Institution zu fördern und ihr ihre Unterstützung zuteil werden zu lassen. Das neue Lokal der Lesehalle, das aus drei Teilen besteht und in seiner einfachen, aber geschmackvollen Einrichtung einen ausgezeichneten Eindruck macht, war bis auf den letzten Platz gefüllt. Im Namen der Zionistischen Vereinigung, die gemeinsam mit dem Jüdischen Turnverein und dem zionistischen Herzlklub die Lesehalle gegründet hat, eröffnete Herr Max Goldreich die Reihe der Begrüßungsansprachen. Er gab in kurzen Worten die Geschichte der bisherigen Entwicklung der Lesehalle. Die primitive Ausgestaltung der Lesehalle hat gleich zu Beginn den großen Anforderungen nicht entsprochen, die an sie gestellt wurden. Da wir aus eignen Kräften die materiellen Mittel nicht aufbringen konnten, um an eine größere Ausgestaltung der Lesehalle heranzutreten, so haben wir es freudig begrüßt, daß sowohl die Rheinlandloge, als auch der Literaturverein und nicht in letzter Linie der Vorstand der Synagogengemeinde in richtiger Erkenntnis der Sachlage, sich in den Dienst der Institution gestellt haben. Redner.gibt der Erwartung Ausdruck, daß die Lesehalle dazu beitragen wird, Ost- und Westjudentum einander näher zu bringen. Möge die Lesehalle — schloß der Redner — auch ferner zum Wohle derjenigen, für die wir die Stätte gegründet haben und zum Wohle und zur Ehre der Judenheit Kölns und somit des ganzen jüdischen Volkes gedeihen. Rabbiner Dr. Rosenthal begrüßte als provisorischer Vorsitzender des Kuratoriums nochmals die Vertreter der Korporationen sowie alle andern Anwesenden. Er dankte den Gründern und bisherigen Leitern der Lesehalle, den Vertretern der zionistischen Vereinigungen Kölns, die mit dem ihnen eignen Idealismus daran gegangen sind, dieses schöne Werk ins Leben zu rufen und es mit Einsetzung ihrer ganzen Kraft gefördert haben. Redner verweist auf die weitere Entwicklung der Anstalt, an die sich auch eine Bibliothek angliedern soll, wofür die Bibliothek des Literaturvereins in Aussicht genommen ist. Ferner sei die Veranstaltung von populär-wissenschaftlichen Vorträgen und die Errichtung von Fortbildungskursen in elementaren Gegenständen und kaufmännischem Wissen geplant. Mit einem schwungvollen Appell an die Anwesenden, mitzuwirken, daß die Lesehalle nach jeder Richtung hin den Anforderungen entspricht,, schloß Dr. Rosenthal seine Ausführungen. Im Namen des Vorstandes der Synagogengemeinde wünschte Herr Blumenau dem jungen Unternehmen Glück zu seinem weitern Entwicklungsgange. Der Vorstand der Synagogengemeinde erblickt in der Schaffung der Lesehalle einen Schritt zur' kulturellen Hebung der Kölner Judenheit, und deswegen wendet er sein Wohlwollen der Lesehalle zu. Möge das Werk gute Erfolge haben und mögen hier viele nach des Tages Last geistige Erholung finden. Rechtsanwalt Dr. Apfel spricht im Namen der Rheinlandloge, die schon seit langem die Absicht hatte, eine Lesehalle zu gründen. Da es ihr an ausführenden Kräften mangelte, hat die Rheinlandloge es mit Freuden begrüßt, daß die Zionistische Vereinigung mit der Gründung hervorgetreten ist. Er wünscht im Namen der Rheinlandloge, daß all die Hoffnungen, die heute in bezug auf das weitere Gedeihen der Lesehalle ausgesprochen wurden, in Erfüllung gehen. Die Rheinlandloge wird auch weiterhin ihre weitestgehende Förderung und Unterstützung der Sache zuteil werden lassen. Herr Isaak begrüßt im Namen des Unterstützungsvereins der Synagogengemeinde die Errichtung der Lesehalle und sieht in der überaus starken Beteiligung am heutigen Abend eine Gewähr dafür, daß der Lesehalle das Interesse auch weiterhin erhalten bleiben wird. Rabbiner Dr. Frank bemerkt, daß er nicht im Namen einer Korporation seine Wünsche für das Gedeihen der Lesehalle ausspräche, sondern im eignen Namen. Aber ein Rabbiner spreche niemals im eignen Namen, sondern stets im höhern Auftrage. Er spricht den innigen Wunsch aus, daß die Lesehalle dazu beitragen möge, Wissenschaft und Glauben harmonisch jenen zu vermitteln, die ihre Segnungen in Anspruch nehmen werden. Soweit es in seiner Kraft steht, wird er das nützliche Werk, auf dem das Auge Gottes ruhen möge, fördern. Der nächste Redner war der Präsident des Zionistischen Aktionskomitees, Herr David Wolf f söhn, welcher bemerkt, daß ihm der heutige Abend eine doppelte Freude bereite, zunächst, weil die Initiative zur Gründung der Lesehalle von den hiesigen zionistischen Gruppen ausgegangen sei, aber noch mehr, weil die andern jüdischen Korporationen Kölns ihre Bereitwilligkeit, diese . segensreiche Gründung zu unterstützen, ausgesprochen haben. Es ist nicht Aufgabe des Zionismus, sich im allgemeinen mit derartigen Gründungen zu befassen, weil er eine viel größere Aufgabe habe: „Die Schaffung einer Heimstätte für das jüdische Volk." Aber hier wurde auch eine kleine Heimstätte geschaffen. Wasvor wenigen Jahren hier in Köln unmöglich schien, ist heute geschaffen worden. Ein Hauptbestandteil des Judentums bildete immer das Lernen. So wie bei den alten Juden im Osten das Beth-Hamidrasch bestand, so soll auch diese Lesehalle ein Beth-Hamidrasch werden. Zum Schluß sprach Herr Sokolow in überaus geistvoller Weise über die Aufgaben einer solchen Lesehalle. Er spricht die Hoffnung aus, daß es ihm als Schriftsteiler vergönnt sein möge, dazu beizutragen, daß die Halle gefüllt werde mit jenem geistigen Inhalte, der ein wesentlicher Bestandteil ihrer künftigen Entwicklung ist. Hierauf erklärte Herr Rabbiner Dr. Rosenthal die Lesehalle für eröffnet und forderte die Anwesenden zum häufigen und zahlreichen Besuche auf. Verein Esperanza In aller Stille beging der Verein jüdisch-nationaler Hochschüler spaniolischer Herkunft „Esperanza" sein 25 semestriges Jubiläum. Vielleicht ist diese geräuschlose Feier das Charakteristikum des gesinnungsfesten Vereins. Gegründet ohne jegliche politische Tendenz, bloß um den sephardischen Hochschülern, die von den Balkanländern nach Wien der Hochschule wegen gekommen waren, einen gewissen Halt zu bieten, trug schon der verheißungsreiche Name „Esperanza" (Hoffnung) dazu bei, die jungen Abkömmlinge der ehemaligen alleinigen jüdischen Kulturträger, die Nachkommen Jehuda Halevis und Ibn Esras, in die Arme der jüdisch-nationalen Idee zu führen. Strammheit, Unentwegtheit und strikte Befolgung der zionistischen Parteidisziplin kennzeichnet stets diese „Vollblutjuden". Nichtsdestoweniger trat dieser Verein selten geräuschvoll in die Öffentlichkeit, weil seine unaufhaltsame Tätigkeit stets nach innen gekehrt war. Jüdische Ausbildung, Rückassimilation, Verwertung und Vertiefung des mühsam erworbenen jüdischen Bildungsinhalts bildeten die Ziele, denen der Verein durch stetes Hinaufsteigen vom Kleinen zum Großen unentwegt und entschlossen zustrebte. Diese Verinhaltlichung des Zionismus und dieses energische Hinarbeiten auf die Erlangung der jüdischen Vollwerte sind gerade für diesen Verein ein nervus rerurn. Die Mitglieder der „Esperanza" begeben sich nach Ablauf ihrer Studien in ihre Heimat, in die verschiedenartigen sporadischen Städte der Balkanländer zurück, und dort müssen sie vereinzelt ihre zionistischen Pflichten erfüllen. Ein jeder Esperanzist ist ein künftiger Pionier unserer heiligen Idee; manchmal sich selbst überlassen, muß er seinen Ehrenposten mit Zähigkeit und unermüdlicher Ausdauer behaupten. Darin liegt ihre große Bedeutung.