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Die Welt · 1909-03-26 · 13 (26.3.1909) · page 16

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
13 (26.3.1909)
Date
1909-03-26
Page
– (sequence 16)
Language
German
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290 DIE SM LT No. 13 seine Wirkung gezeigt. Die Zahl der zurückgewiesenen Einwanderer habe im Jahre 1906 493 betragen, 1907 802 und 1908 608. Das Gesetz habe eine sehr abschreckende Wirkung ausgeübt und habe eine beträchtliche Zahl unerwünschter Einwanderer davon abgehalten, ins Land zu kommen. Die von Mr. Claude Hay beantragte Resolution wurde mit einer Mehrheit von 126 Stimmen abgelehnt. Ein neues jüdisches Schauspiel Ein neues jüdisches Schauspiel, betitelt: „Im Namen des Zaren", wurde verflossenen. Freitag in einer Matinee im Kingswaytheater in Westend aufgeführt. Wie der Titel zeigt, beschäftigt sich das Stück mit dem Leben in Rußland, und der hauptsächliche Inhalt des Stückes betrifft die Vorbereitung eines Pogroms nach der Art des von Siedice. Die Szene stellt einen Laden in dem Judenviertel einer russischen Marktstadt dar. Der Gouverneur Strepow tritt ein, sucht etwas aus und gibt dem Mädchen Mirjam, die den Laden hütet, den Auftrag, die Ware in den Abendstunden zu ihm ins Hotel zu bringen. Nachdem er weggegangen ist, stürzt Mirjams Verlobter, David, der in Warschau gewesen ist, mit der «Neuigkeit herein, daß in der Stadt Vorbereitungen zu einem Pogrom getroffen werden. Er will eine Selbstwehrgruppe organisieren, aber er hat weder Waffen noch Mittel, um sich welche zu verschaffen. Er wendet sich zu diesem Zweck an mehrere Freunde, die eintreten, und sie alle singen den „Schwur", die revolutionäre Hymne. Da ertönen Schüsse auf der Straße, die Tür wird aufgebrochen und David wird von einem Soldaten erschossen. Mirjam stellt den Gouverneur mit einem ungeladenen Revolver in der Hand, schließlich aber dringen Soldaten ein und erschießen sie „im Namen des Zaren". Das Stück enthält mehrere sehr scharfe Stellen; sein Verfasser ist unter dem Psendonym „Marach Aymet" bekannt. Türkei (Von unserm Berichterstatter) Versöhnungspräludien Das Komitee und die „Ahrar" werden sich versöhnen, früher oder später. Und wieder wird eines jener Wunder perfekt sein, die die letzten Phasen der türkischen Geschichte kennzeichnen. Das ganze Land, die gesamte Presse predigen, verlangen den Frieden der Parteien. Und wenn auch ein starkes Wort Ahmed Risas auf dem Jungtürkenbankett wieder die Brandfackel ins Lager zu schleudern drohte, so hat sich doch die ruhige Besinnung bisher als stärker erwiesen. Und alarmierende Erwägungen eines Hetzorgans, die fünf Armeekorps als bewaffnete Macht der Ahrarpartei den zwei dem Komitee gehorchenden drohend gegenüberstellen und damit das furchtbare Gespenst eines blutigen Bürgerkrieges an die Wand malen, bleiben unbeachtet. Der Glaube an friedliche Beilegung des Zwistes wächst und der Idealismus der studierenden türkischen Jugend hat bereits begonnen, ihn zu rechtfertigen, indem sie die beiden Hauptrufer im Kampfe, die Redakteure HussaTn Dschahud vom „Tanin" (Komitee) und Ali Kemal Bej vom „Ikdam" (Ahrar), persönlich miteinander versöhnte. Man erwartet von der Zusammenführung dieser beiden bedeutenden Geister eine wesentlich günstige Beeinflussung der Situation und einen großen Schritt zur Lösung dieser einstweilen ernstesten Frage der innern Politik. Das Parlament müht sich an seiner Riesenarbeit weiter. Endlich, endlich ist der Budgetentwurf wirklich fertig geworden. Was. dazu gehört, dieses erste wahrhaft reale Produkt der neuen Ordnung ans Licht zu bringen, läßt sich schon aus dem kolossalen Umfange des Elaborats ermessen, das nahezu 30000 Ji an Druckkosten erfordern soll. Die Budgetberatung und -Erledigung wird die erste bedeutende Etappe parlamentarischer Wirksamkeit in der neuen Türkei verstellen. Nach ihr erst haben alle die tausend Sanierungs und Erschließungspläne die freie Bahn. Die Ungeduldigen, die das türkische „Gründerjahr" gar nicht erwarten können und, weil sein Beginn sich hinauszögert, bereits wieder ungläubig werden und für die neue Ordnung bereits die Bezeichnung „neue Unordnung" hervorgeholt haben, müssen sich schon noch bis über das Budgetgesetz zügeln. Dann kommt ihr Tag wirklich. Der Großrabbiner im Palais Am Freitag, den 19. März ist Haim Nahum Effendi vom Sultan Abdul Hamid in feierlicher Antrittsaudienz empfangen worden. Gegen 1 Uhr nachmittags langten vor dem neuen Großrabbinatsgebäude drei Hof wagen an; im ersten nahmen Platz: der Großrabbiner mit Palaat Rey, dem Vize-Zeremonienmeister des Hofes und Fresco Effendi, dem Kapu-Kehaja (Sekretär) des Großrabbinats; im zweiten Wagen die Rabbiner Levis und Funes, die Vizepräsidenten der Synode, und im dritten Abraham Effendi Farchi, der Präsident, und Nachmias Bey, der Vizepräsident der Gemeinde. Bei ihrer Ankunft im Jildis wurden der Chacham Baschi und sein Gefolge in den Salon geführt. Nach einer Ruhepause von wenigen Minuten erschien Galib Pascha, der Oberzeremonienmeister und Dragoman des Kaiserlichen Diwans, um den Chachambaschi und den Gemeindepräsidenten abzuholen und sie zum Sultan zu führen. Abdul Hamid und zwei Kaiserliche Prinzen standen in der Mitte des Gemaches. Nahum hielt eine Ansprache an den Sultan, in der er ihm für die Genehmigung seiner Erwählung und für alles dankte, was der Herrscher für die Gemeinde getan habe. Er sprach von der Ergebenheit der jüdischen Nation für die Person des Herrschers und das ottomanische Reich, die seit Wiedereinführung der Konstitution eine besonders freudige sei. Er werde alles aufbieten, um diese Empfindungen noch zu stärken. Er schloß endlich mit seinen Segenswünschen für ein langes Leben des Sultans und den Fortschritt des Staates. In seiner Erwiderung dankte Abdul Hamid dem Chacham Baschi für seine Wünsche und sagte, er nehme mit großer Genugtuung von seinem Versprechen Kenntnis. Er habe rückhaltloses Vertrauen in die Treue und Hingabe der Juden. Schließlich richtete er außerordentlich liebenswüdige Bemerkungen an die Adresse des Großrabiners und gab dem Wunsche auf eine lange Dauer seiner Amtierung Ausdruck. Hai'm Nahum dankte nochmals ehrerbietig, worauf der Sultan seine Freude darüber aussprach, auch den Präsidenten der Konstantinopeler Gemeinde und den Vizedirektor der ausländischen Presse in einer Person vor sich zu sehen. Sodann wurden die beiden Gäste in den Saal des ersten Kanzlers zurückgeführt, wo ihnen Erfrischungen geboten wurden. Nuri Bej überbrachte ihnen sowie dem Gefolge des Chacham Baschi die kaiserlichen Grüße, und der Zug nahm in gleicher Weise den Weg ins Großrabbinat zurück. Der Sitte gemß hätte sofort nach dem Empfange im lldis der in der Hohen Pforte folgen sollen. Da aber am Freitag die Ministerien geschlossen sind, hatte Nahum ersucht, diesen Besuch an einem andern Tage absolvieren zu dürfen. Dem wurde stattgegeben, und er wird also am Montag, den 22., vom Großwesir empfangen werden. * Diese großartigen Empfänge, die das Symbol der Anerkennung der jüdischen Nation in der Person ihrer Vertreter bedeutet und sie auf die gleiche Stufe mit den andern Nationen des Reiches stellen, haben leider ihre bemerkenswerte Schattenseite. Sie kosten nämlich unerhört vieles Geld — nicht dem Sultan, sondern der Gemeinde natürlich. Man spricht von einigen hundert Pfund! Bei der großen Notlage, die gegenwärtig in der jüdischen Gemeinde der Hauptstadt herrscht, und der schmachvollen Leere der Konsistoriumskasse, ergab die Tatsache eine höchst peinliche Situation. Hier die Schulen, die auf Subvention, und die Armen und Elenden, die auf Mazzot für Pessach harren, und dort die goldaufgewogenen Wagen des Hofes mit den vergoldeten Rossegeschirren und den goldstrotzenden Livreen der Palastlakaien. Rabbi Nahum mag die Ehrenfahrt, auf der er persönlich wenigstens sich mit äusserster Einfachheit in der Tracht beschied, mit schwerem Herzen angetreten haben. Hoffen wir, daß die Wohlhabenden der Gemeinde, die für diese Aufwände bereitwillig ihre Taschen auftaten, in dieser schweren Zeit sich den Armen*gegenüber nicht weniger weitherzig erweisen werden. Der eiserne Weg über Palästina Er muß doch eine außergewöhnliche Bedeutung haben, daß so zahlreiche Projekte sich mit ihm befassen. Man würde sich bis zur Langeweile wiederholen, wollte man sie alle registrieren. Schon wieder macht ein solches Projekt von sich reden, das gleichzeitig der türkischen und der ägyptischen Regierung eingereicht wurde. Von Jaffa nach Port Said über El Arisch, mit Anschluß nach Jerusalem, Haifa und Beirut hinauf natürlich, das ist immer die Trace. Werden die Juden sich wirklich diese Lebensader Palästinas, die zugleich die der drei alten Erdteile sein muß, entgehen und von andern erbauen und exploitieren lassen? Das Palästinaschiff Wieder hundertunddreißig Juden unterwegs! Auf dem Schiffe haben wir sie gesehen: littanische Juden, kleirirussische, bucharische; Handwerker, Bauern, Kaufleute, Studentinnen alle nach Altneuland! Es ist viel Kapital, unschätzbare Arbeitskraft, fruchtbare Intelligenz und vor allem Begeisterung mit ihnen. Nicht alte wollen sogleich für die Dauer in Erez Israel bleiben; auch Pilger, „Ole regel" sind unter ihnen; aber wenn die auch zurückkehren, sie kommenjwieder, wie jetzt viele für immer wiederkommen, die früher auch nur ihre „Lustreise" machten.

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