Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1909-03-26 · 13 (26.3.1909) · page 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
13 (26.3.1909)
Date
1909-03-26
Page
– (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316349-3316366--51750-3345406
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Die zionistische Lage Sonntag abend fand im Jüdischen Arbeiterklub eine Versammlung von Mitgliedern der Londoner zionistischen Vereine zwecks Besprechung der Lage des Zionismus in England statt. Der Vizepräsident der Federation, Herr L. J. Greenberg, führte den Vorsitz. Er führte aus, daß die ganze Krisis durch den Rücktritt Dr. Gasters entstanden sei. Wenn Dr. Gaster mit ihm nicht zusammenarbeiten könne, hätte er es sagen sollen, ehe die Wahl vollzogen worden sei; dann hätte er, Greenberg, gewußt, was er zu tun habe. Herr Greenberg protestierte lebhaft gegen das Begehren eines einzigen Mannes, die Zusammensetzung des Vorstandes der Federation zu bestimmen, da doch der Zionismus auf demokratischer Grundlage gegründet sei. Er verlas einen Brief des Präsidenten Wolffsohn, worin dieser sich für die von anderer. Seite gegebene Anregung ausspricht, den Sitz der Federation nach Manchester zu vei legen. Auch er stehe diesem Vorschlage sympathisch gegenüber, wenn er auch fürchte, daß seiner Verwirklichung Schwierigkeiten im Wege ständen. Es folgte eine lange Debatte, die bis Mitternacht dauerte und an der folgende Herren teilnahmen: Joseph Co wen, L. Kessler,N Israel Cohen, B. Grad, H. Ginsburg, J. K. Goldbloom, Dr. Salkind und Dr. Friedeberger. Mit großer Mehrheit wurde schließlich eine Resolution angenommen, die die Wahl des Herrn Dr. Dreyfuß aus Manchester zutn Präsidenten der Federation empfiehlt. Die folgende Resolution indessen, die besagte, der Sitz der Federation solle nach Manchester verlegt werden, wurde abgelehnt. Eine Spezialkonferenz der English Zionist Federation Die Exekutive der English Zionist Federation hat eine Spezialkonferenz von Delegierten aller der Federation angehörenden Vereine einberufen, die am 28. d. M. in Leeds stattfinden soll. Das Ersuchen um die Einberufung dieser Konferenz ist von zwanzig Mitgliedern des Zentralkomitees gestellt worden. Nach den Gesetzen der Federation hätte die Exekutive das Recht, die infolge der Resignation der Herren Dr. Gasten Moser usw. entstandenen Lücken im Vorstande auszufüllen, ohne die Vereine vorher zu befragen, indessen hat die Exekutive es für das beste gehalten, die Besetzung der freigewordenen Ämter einer Spezialkonferenz der Delegierten der Vereine zu überlassen. Die Mitglieder der Exekutive haben außerdem beschlossen, auch die von ihnen eingenommenen Ämter in Leeds einer Neuwahl unterziehen zu lassen, so daß also eine vollständige Neuwahl des ganzen Exekutivkomitees in Leeds stattfinden wird. Die Entwicklung, die seit der Konferenz von Sheffield platzgegriffen hat, wird in dem Zirkular ausführlich geschildert, mit dem die Vereine zur-Beschickung der neuen Konferenz aufgefordert werden.* Es wird fesgestellt, daß Herr Dr. Gaster, der von seinein Vorsitzendenposten zurückgetreten ist, es abgelehnt hat, auf die Briefe des Vizepräsidenten und des geschäftsführenden Schriftführers zu antworten, und daß die Exekutive nicht in der Lage ist, Zugang zu dem Bureau der Federation zu erhalten, da die Schlüssel hierzu sich irn Besitze Dr. Gasters befinden. Übrigens erkennen alle Vereine die Autorität der gegenwärtigen Exekutive an. Um so mehr ist zu hoffen, daß die Konferenz in Leeds der gegenwärtigen bedauerlichen Krisis ein Ende setzen wird. c ooooooooo NACHRICHTEN =35^2: OOOOOOOOO Österreich (Von unserrn Berichterstatter) „Im Reich Judäa" Der Verein „Jüdische Bühne" veranstaltet am 27. März im Saale „Continental" eine historische Redoute. Die Wiener Judenheit wandert zur Faschingszeit ins Schlaraffenland, füllt „unzählige Narrenabende", steigt zu den „Sternen" empor und ist selig, bis zum „Meeresgrund" unterzutauchen. Ist es nun unmöglich, die Unterhaltungslust mit jüdischen Kunstbestrebungen zu vereinen, den Fasching gleichsam zu verjuden? Verjuden nicht im Sinne des Wiener Sprachgebrauchs. Eine Redoute, die ihre Farbenpracht und historische Trachten aus der jüdischen Geschichte entlehnt, ist ein schöner Gedanke, der wert ist, von Künstlern beachtet und von geschmackvollen Frauen gefördert zu werden. Die Redoute ist als Purimf ei er gedacht, das Reinerträgnis ist für den Verein, der sich bekanntlich die Aufführung jüdischer Bühnenwerke zum Ziele setzte, bestimmt. Akademischer Antisemitismus Im Wiener Franz Josef-Spital ist das Ideal der*radikaldeutschen Mensastürmer verwirklicht. Dort speisen nicht mehr Juden und „Arier" an einem Tisch. Die deutschen Ärzte weigerten sich, mit ihren jüdischen Kollegen gemeinsam zu speisen. Schließlich wurde die Trennung von Tisch durchgeführt. Eine spanische Wand teilt den Speisesaal in zwei Räume, und den Ariern wird durch den Anblick der Juden der Appetit nicht mehr verdorben. — Das muß aber ein trautes Zusammenarbeiten sein! . . . Friihj ahrsausstellung Die Frühjahrsausstellung im „Künstlerhaus" wurde am 13. d. M vom Kaiser eröffnet. Von den jüdischen Malern sind Isidor Kaufmann, Jehudo Epstein, Schattenstein und Krestin vertreten. Leider stellten diese wohlbekannten Meister sehr wenig Bilder jüdischen Inhalts aus. Ein größeres Werk schenkte uns nur Kaufmann, — „Das Wort Gottes". Wir behalten uns vor, auf die Bilder dieser Künstler eingehend zurückzukommen. England (Von unserm Berichterstatter) Erneuerte Agitation gegen die „Fremden" Infolge der Vorfälle in der Vorstadt Tottenham, wo zwei russische Individuen einen Raub ausführten und mehrere Personen töteten, ist eine neue starke Agitation gegen die Fremdeneinwanderung entstanden. Konservative Blätter haben lange Artikel über die Handhabung des Fremdengesetzes gebracht und Klage darüber erhoben, daß es seinen Zweck verfehle, da die Zuwanderung von Fremden nach wie vor sehr groß ist. Das Sensationsblatt „Däilv Expreß" brachte eine Serie von Artikeln unter der Überschrift „Die Fremdengefahr". Ein Echo hat diese Agitation auch im Parlament gefunden. Der Honorable Claude Hay führte im Unterhaus Klage darüber, daß „dem Lande ein großer Schaden entstehe durch die tatsächliche Aufhebung gewisser Bestimmungen und Instruktionen, die zur Verstärkung des Fremdengesetzes erlassen worden seien." Er sagte, zwei Drittel der Einwanderer, die im Hafen von London ankämen, kämen jetzt in Nichteinwandererschiffen (solchen, die weniger als 20 Passagiere mitbringen), und die Folge sei, daß verbrecherische und kranke Personen ohne jedes Zeugnis und irgendeine Untersuchung ins Land kämen. Er beklagte, da(3 der Staatssekretär des Innern beim Erlaß von Ausführungsbestimmungen die Hafenbehörden zu der strengen Handhabung des Gesetzes nicht ermutigt habe, und übte scharfe Kritik an der vom Staatssekretär getroffenen Instruktion, wonach die Besitzer von Fahrkarten zweiter Klasse und von Rückfahrkarten von der Untersuchung befreit sind; damit zerstöre er jeden Schutz, den das Gesetz gewähre. Unter den gegenwärtigen Umständen, fuhr er fort, fürchte er, werde es zu einem Ausbruch des Antisemitismus in England kommen. Der Staatssekretär des Innern, Mr. Gladstone, verteidigte sich gegen diesen Angriff. Er sagte, die Politik, die er verfolgt habe, sei genau diejenige der vorigen Regierung. Er bestritt, daß er irgendwelche geheime Anweisung an die Einwanderungsbeamten oder Einwanderungsämter gegeben habe, um die Absichten des Gesetzes nicht zum Ausdruck kommen zu lassen. Es seien keine üblen Wirkungen der Ausnahmebestimmungen zu seiner Kenntnis gelangt, und die offiziellen Tabellen zeigten, daß die Beschuldigung, es finde eine vollständige und wohl beabsichtigte Umgehung des Gesetzes durch unerwünschte Einwanderer statt, jeder Begründung entbehre. Er habe nur zwei Instruktionen an die Einwanderungsbeamten erlassen: einem verdächtigen Einwanderer gegenüber die Wohltat des zweifelhaften Falles in Anwendung zu bringen und die Zahl der Einwanderer, die ein Schiff zum Einwanderungsschiff stempelten, von 12 auf 20 zu erhöhen. Die Zahl sei auf 20 heraufgesetzt worden'wegen der großen Schwierigkeiten, die sich im Laufe der Zeit aus der Handhabung der früheren- Bestimmung ergeben hätten, nicht nur im Zusammenhang mit politischen Flüchtlingen, sondern auch infolge der Klagen, die von fremden Regierungen, insbesondere Frankreich, einliefen mit Bezug auf Konflikte mit fremden Untertanen. Das Gesetz habe

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.