Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 12 (19.3.1909)
- Date
- 1909-03-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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No. 12 DIE^EELT 261 Der Redner wies darauf hin, zu welchen Erwartungen die bisherige Entwicklung des Bezalel, der Kunstgewerbe- und Hausindustrie in Palästina verbreitet, Hoffnung gäbe. Als wir vor 3 Vz Jahren durch den bekannten Bildhauer Prof. Schatz den Bezalel in Jerusalem eingerichtet haben, rechneten wir nicht darauf, daß in so kurzer Zeit schon so hübsche und vielversprechende Gegenstände wie sie heute hier ausgestellt sind, auf den europäischen Markt kommen werden. Mit Befriedigung können wir konstatieren, daß der Bezalel die zahlreichen Bestellungen, die aus der ganzen Welt bei ihm einlaufen, kaum imstande ist, auszuführen. Es fehlt ihm heute noch an dem nötigen Betriebskapital, das aber hoffentlich durch die tatkräftige Mitwirkung unserer Freunde mit der Zeit beschafft werden wird. Palästina ist das Land unserer Sehnsucht, aber nicht dies allein ist es heute, sondern es ist auch das Ziel der Wanderung vieler unserer Volksgenossen. Die, die heute hingehen, haben noch ein schweres Leben zu führen, und nicht immer finden sie Arbeitsgelegenheit. Der Bezalel ist eine jener Unternehmungen, die denen, welche in Palästina wohnen, Arbeit und Brot verschafft. Und darum ist es auch Pflicht eines jeden Juden, ihn zu unterstützen; denn mit der Unterstützung fördert er nicht allein eine segensreiche Arbeit und die Kunstindustrie in Palästina, sondern, indem er sein Haus mit den Kunsterzeugnissen des Bezalel schmückt, fördert er auch anderweitig das moderne jüdische Kunstgewerbe. Wir hoffen, daß es. bald in jeder Stadt möglich sein wird, derartige kleine Kunstausstellungen mit den Erzeugnissen des Bezalel zu veranstalten und zur Unterstützung des Bezalel beizutragen. Mit dieser Schule werden wir auch einen Grund gelegt haben, Palästina zu einem modernen Lande umzuwandeln. Mit diesen kurzen Bemerkungen will ich schließen und erhebe mein Glas auf das Land unserer Sehnsucht, auf Palästina! Rechtsanwalt Dr. Gronemann-Berlin toastete in humorvoller Weise auf die Damen. Der größte Teil der ausgestellten Gegenstände des Bezalel wurde beim Festabend verkauft und auf verschiedene vielverlangte Gegenstände Bestellungen entgegengenommen. Die zionistische Vereinigung gedenkt in Bälde eine zweite Ausstellung dieser Erzeugnisse zu veranstalten. Mit der Verlosung einer reichausgestatteten Tombola, zu der zahlreiche Firmen und Private beigesteuert hatten, schloß der offizielle Teil des Abends. Der Ball hielt die jüngern Besucher bis nach 4 Uhr früh zusammen. Das finanzielle Ergebnis des Abends, das jüdischen palästinensischen Zwecken zufließt, war ein recht zufriedenstellendes. OPFER UND VERTRAUEN Es ist vor kurzem in einem Aufsatz von Hugo Schachtel erwähnt worden, daß das jüdische Volksvermögen die relativ ansehnliche Summe von annähernd sieben Millionen Mark ausmache. Zu dieser Summe gelangt man, wenn man die Gelder der verschiedenen zionistischen Fonds und das Beteiligungskapital der zionistischen Bank — und sonstigen Institute zusammenzählt. Wirkliches Volksvermögen, d. h. dem jüdischen Volke als solchem gehörendes Vermögen repräsentieren nur die Fonds. Nationalfonds, Ölbaumspende, Kultur- und Parteifonds. Sie besitzen zusammen nicht ganz zwei Millionen Mark. Die übrigen Kapitalien sind Volksvermögen in einem andern Sinne. Volksvermögen pflegt man auch die Summe des Vermögens der einzelnen Individuen im Volke zu nennen, die Kapitalkraft des Volkes. In diesem Sinne stellt das Vermögen des jüdischen Volkes ein gewaltiges Kapital dar; und das Beteiligungskapital der zionistischen Bankinstitute ist ein überaus winziger Teil dieses Vermögens, das von den Beteiligten in den Dienst der jüdischen Regenarationsidee gestellt ist. Zur Durchführung unseres Volksplanes brauchen wir beides, ein im Eigentum des Volkes stehendes Nationalvermögen, einen Nationalfonds, und die Beteiligung der jüdischen Volkskapitalkraft. Diese beiden Arten materieller Betätigung im Dienste der Volksidee sind in ihrem Wesen recht verschieden. Wer zum jüdischen Nationalfonds regelmäßig beisteuert, verzichtet auf jeden persönlichen materiellen Gewinn; er bringt der Volksidee ein Opfer. Die Größe und das Wachstum des Fonds sollen ein sichtbares Zeichen sein der Größe und der Steigerung des im Volke durch den nationalen Gedanken wachgerufenen Opfersiunes. Aus kleinen und kleinsten Beiträgen gesammelt, ist der Nationalfonds zu einer bemerkenswerten Höhe gewachsen, wenn er auch noch bei weitem nicht jenes imposante Bild darbietet, von dem seine Gründer geträumt haben. Wir Können aber jetzt schon bei ihm ein bestimmtes regelmäßiges Wachstum feststellen und eine Ausbreitungstendenz, die uns zu der Hoffnung berechtigt, daß der Nationalfonds ein Heiligtum des gesamten jüdischen Volkes werde, nicht nur des im Zionismus organisierten Volksteiles. Etwas anders ist es mit der Beteiligung der jüdischen Volkskapitalkraft an den vom Zionismus geschaffenen geschäftlichen Institutionen. Ohne eine gewisse Opferfreudigkeit wird es auch hier nicht gehen; aber hier würde der Opfersinn des Volkes sehr bald erschlaffen, wenn nicht ein anderes viel wesentlicheres Moment hinzukäme, — das Vertrauen. Das Vertrauen zur Sache das Zionismus und damit zusammenhängend der vertrauende Glaube an die Rentabilität und Kreditwürdigkeit der zionistischen Unternehmungen. Je aussichtsvoller die politischen Bestrebungen des Zionismus werden, um so größer wird das Vertrauen des Volkes zur Verwirklichung der zionistischen Volksidee. Mit dem Vertrauen wächst die Bereitwilligkeit des Volkes, seine Kapitalien in ihren Dienst zu stellen. Und die Vermehrung der Kapitalkraft unserer Institutionen hat eine Erhöhung der Rentabilität und der Kreditwürdigkeit zur Folge. Der Zionismus hat von Anbeginn an um das Vertrauen des jüdischen Volkes geworben, um fortdauerndes Vertrauen, nicht um eine einmalige Vertrauenskundgebung. Bei der Gründung der Kolonialbank sind in kurzer Zeit über vier Millionen Mark in kleinen Aktien gezeichnet und eingezahlt. In diesem Akt kann man mit Recht eine Vertrauenskundgebung des Volkes erblicken, aber sie ist die einzige geblieben in all den Jahren. Man hat mit der Zeit die Kredit fordernde Bedeutung unserer Bankinstitute übersehen und Shares gezeichnet, mit dem gleichen Opfersinn, wie .man einen Ölbaum spendet. Bei der Schaffung von Pfundaktien ist man nicht von dem Gedanken ausgegangen, daß unsere Begüterten sich auf den Besitz einer oder recht weniger Aktien beschränken sollen; vielmehr war der Gedanke maßgebend, der Masse unserer Nichtbegüterten solle der Erwerb wenigstens einer oder weniger Aktien möglich sein. Man kann wohl heute noch nicht sagen, daß jeder Zionist vielleicht nicht einmal jeder hervortretende Zionist eine Aktie besitze. Diese Vermutung liegt nahe, wenn man sich der Worte unseres Präsidenten auf dem letzten Kongreß erinnert, in denen er die Tatsache mitteilte, daß mancher Delegierte nicht Aktionär der Kolonialbank sei, und in denen er die Erwartung aussprach, daß sein bloßer Hinweis zur Beseitigung dieser Unstimmigkeit genüge. Man erinnere sich der allgemeinen großen Erregung auf dem letzten Kongreß während der Kolonialbankdebatten. Wem wirklich das Wohl und Wehe der Bank am Herzen liegt, daß der Gedanke an eine Änderung ihrer Zwecksatzung ihn erschüttern kann, der muß vorher seine Liebe durch entsprechende großzügige materielle Beteiligung gezeigt haben. Sonst ist die Erschütterung zu billig erstanden, und sie ist nicht höher zu bewerten als die im Hedadruf sich kundgebende und sich darauf beschränkende Begeisterung. Das Bankkapital hat sich also nicht in dem Maße vermehrt, wie man es wünschen mußte. Es hat an dem nötigen Vertrauen gefehlt. Den Grund hierfür glaube ich in den unsichern Verhältnissen der früheren Türkei erblicken zu müssen, in denselben Verhältnissen, die die notwendige praktische Palästina-Arbeit verzögert haben. Beide Umstände haben gleich ungünstig gewirkt. Die unsichere Rechtslage in der Türkei hat das Vertrauen des jüdischen Volkes nicht recht aufkommen lassen. Und anderseits ist der Ruf nach Vertrauen nur sehr gedämpft laut geworden, da die Betätigungsmöglichkeit der Bank durch die in sehr engen Grenzen betriebene Palästina-Arbeit sehr beschränkt war. In diesen Dingen hat sich nunmehr eine gewaltige Änderung vollzogen. Die Beschlüsse des siebenten und insbesondere des achten Kongresses haben die praktische Palästina-Arbeit inauguriert. Die politischen Umwälzungen im osmanischen Reich haben einen Alp von uns genommen, der all unser bisheriges Tun bedrückte. Die offenbaren Sicherheiten, die der türkische Verfassungstaat bietet, haben der alten, mehr taktischen als programmatischen Fehde zwischen reinpolitischen und praktischpolitischen Zionisten den letzten Grund genommen. Es herrscht wohl allgemein die Ansicht, daß es nunmehr gilt, große Anstrengungen vorzubereiten, um die durch die neue Lage geschaffenen Aufgaben praktischer Palästina- Arbeit lösen zu können. Wir stehen vor der dringenden Notwendigkeit, die Machtfaktoren unserer Bewegung zu verstärken. Die schwierige Frage muß gelöst werden, wie die vorhandenen großen Kräfte zum Nutzen des jüdischen Volkes geweckt werden können. Es ist bereits das Augenmerk auf die außerhalb des Zionismus stehenden Kreise gerichtet. Bei der Gründung des A. J. K. 0. hat man eine Geneigtheit der nichtzionistischen Kreise gesehen, an dem Kolonisationswerk im Orienl sich zu beteiligen. Es ist gesagt worden, wenn die Bank eine regelmäßige Dividende von 4 bis 4l,2 Prozent erziele, könne es «bei der heute herrschenden günstigen Stimmung für Palästina nicht schwer werden, die Shares der Bank auch im nicht-