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Die Welt · 1909-03-19 · 12 (19.3.1909) · page 8

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
12 (19.3.1909)
Date
1909-03-19
Page
– (sequence 8)
Language
German
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zionistischen Publikum unterzubringen. Das mag sein. Und es wäre zu wünschen, daß jeder Jude, wie er zum Nationalfonds regelmäßig beisteuern soll, auch mit Stolz auf seinen Besitz an Shares hinweisen möge. Mir scheint jedoch dieser fremde Posten etwas zu früh in unsere Rechnung gesetzt. Was wir für die gesamte Judenheit erstreben, das muß erst eine Tatsache sein in dem nicht kleinen, wenn auch relativ kleinen Kreise der zionistischen Juden. Wir selbst müssen die Pioniere sein, am Werke der Regeneration des jüdischen Volkes. Wir müssen dem Ziele zustreben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzem Können und insbesondere mit unserem materiellen Können. Wenn wir Zionisten ein weithin sichtbares Zeichen des Opfersinns geben und durch die Tat unser unbedingtes Vertrauen zur Sache des jüdischen Volkes beweisen, dann wird solch vorbildliches Verhalten seine Wirkung nach außen nicht verfehlen. Erst muß der zionistische Blitz zucken und zünden und die grollend widerstrebenden Wolkenmassen zerteilen, dann erst wird der lebenspendende Regen segnend herniedergehen und die jüdischen Felder befruchten. Dr. L. Weinberg Brief aus Konstantinopel (Von unserm Mitarbeiter) Auf dem Höhepunkte Die unterbrochenen Angriffe der letzten Zeit, die Verkleinerung seiner vergangenen Verdienste und gegenwärtigen Macht sowie die ewigen Aufforderungen, sich aufzulösen und seine politische Arbeit zu liquidieren, haben es dem Komitee „Union et Progr&s" für angezeigt erscheinen lassen, eine Kundgebung seiner Existenz, seines Wertes, seiner Lebenskraft und seines Lebenswillens vor der großen Öffentlichkeit zu veranstalten. Das geschah am Freitag den 12. März in einem großen Bankett, das dem Komitee und der Armee zu Ehren gegeben wurde. Man erinnert sich des Banketts der „Union liberale" vor einigen Monaten. Hier haben wir das Gegenstück. Jenes war freilich nur eine Verheißung, ein Wechsel auf die Zukunft; dieses der glänzende Abschluß einer Epoche der Taten, ein Höhepunkt. Daß Komitee und Armee zugleich gefeiert wurde, ist ein Symbol von Bedeutung. Es zeigt, daß die Macht sein ist und bei ihm bleibt. Die Armee und Marine sind von seinen Gedanken durchdrungen, seiner wahrhaft realen Verkörperung. Vor diesem Bollwerk werden alle gegnerischen Bemühungen zum Stehen kommen. Die bürgerliche Welt, das Parlament, waren zu einem Teile leicht und auf einen Schlag zu gewinnen: dieser Teil waren die kleinen, insbesondere die christlichen Nationalitäten. In der Armee aber existieren die Nichtmohammedaner einstweilen noch nicht; und solange werden auch deren politische Ideen nicht in ihr existieren. Selbst aber in sie eingetreten, werden sie doch einen so geringen Bruchteil des bewaffneten Volkskörpers ausmachen, daß sie an seiner geistigen Verfassung kaum etwas ändern werden. So eröffnet die Anwesenheit und Verbrüderungskungebung der Armee am Ehrungstage des „Union et Progres" für diese die Perspektive auf eine lange, festgegründete, machtbeschützte Fortdauer und Wirksamkeit. Der Großwesir Hussei'm Hilmi Pascha war auf dem Bankett zugegen. Seine Rede ganz besonders hat dem Komitee ein Vertrauensvotum gegeben, das im ganzen Lande großen Eindruck machen muß. Er hat in einem knappen, klaren Wort die Verläumdung widerlegt, daß das Komitee eine Nebenregierung bilde, die sich unbefugt in die Leitung der Staatsgeschäfte mische. Er hat sich zugleich mit dem Komitee solidarisch erklärt in einer Weise, daß künftig alle Gerüchte von Divergenzen zwischen ihm und der Partei gegenstandslos erscheinen. Für den inneren Frieden Vielleicht hat gerade die Machtentfaltung des Komitees in diesen Tagen dazu beigetragen, daß der Parteienhader an Kredit verliert. Alle Blätter, mit wenigen Ausnahmen hüben und drüben, sind der Mahnungen zum Frieden voll. Die Stagnation in der inneren Entwicklung der neuen Reichszustände wird den brudermörderischen Reibungen zugeschrieben. Man beginnt immer mehr zur Vernunft zu kommen und zu erkennen, daß die inneren Unterschiede zwischen „Union et Progres" und „Union liberale" gar nicht so bedeutend sind. Zwar ist die Gründung einer einigenden Mittelpartei bisher nicht gelungen; aber der Versuch ist gemacht, der Gedanke daran ist allgegenwärtig. Die Einigung muß kommen und darum wird sie kommen. Einige Persönlichkeiten hüben und drüben, denen eben am Persönlichen liegt, werden darüber geopfert werden. Für die Allgemeinheit wird es eine zweite, die innere Revolution und Erlösung bedeuten. Die Verlängerung der Parlamentssession Durch kaiserliche Irade, dem der Sultan eine Rede an sein Parlament, zu verlesen durch den Großvezier, mit auf den Weg gab, ist die Kammerperiode um mehrere Monate verlängert worden. Die Gesetze, die sich in Ausarbeitung bei den Ministerien oder in Beratung beim Senat oder den Kammerkommissionen befinden, werden daher zum großen Teile noch in dieser Legislaturperiode vor das Plenum kommen. So dürfen wir auch die Grundsteuer- und Oschergesetze, die Vorschläge über Bildung von Gesellschaften und Genossenschaften, dieTeskarö- oder Paßgesetze, die Konzessions¬ und Erschließungspläne sowie die Gesetzesprojekte über die Mohadschirs, Emigrationskolonisten u. a., die sämtlich das größte, znm Teil vitales Interesse für uns Zionisten haben, für die nächste Zeit bereits erwarten. Der Militärdienst der Nichtmohammedaner In erster Linie wird das neue Militärgesetz für die türkischen Juden wichtig werden. Die grundlegenden Bestimmungen nach den im Ministerrat diskutierten Plänen sind bereits bekannt geworden. Danach sollen im ganzen fünfundzwanzig Prozent des ottomanischen 'Heeres die Nichtmohammedaner stellen, und zwar 12 °/o Hellenen, 4l/VY<> Armenier, 4°/o Bulgaren und Serben und 4°'o „Syrer, Levantiner und Juden". Die letzte Zusammenstellung ist seltsam; sie kann, wenn sie einen Sinn haben soll, jedenfalls nur bedeuten, daß man den Schwerpunkt der türkischen Judenheit in der Nachbarschaft der Syrer, also in Palästina, erblickt. Jedenfalls werden in den letzten vier Prozent die Juden wohl das bedeutendste Kontingent darstellen. .Noch bevor dieses Gesetz zur ernsten Erörterung kommt, werden Stimmen über seine quasi „Gefährlichkeit" laut. Ausländer, türkischer als die Türken selber, suchten zu beweisen, daß die neuen „fremden" Truppenteile den Bestand des Staates ernstlich bedrohen können. Zweifelloswerden aber solche fortschrittsfeindlichen Betrachtungen den Gang der Dinge, der der gerechten Verteilung aller Staatsbürgerpflichten und -rechte zustrebt, nicht aufhalten. Griechen und Juden Die Söhne der heiligen griechischen Kirche, dieser ältesten Tochter der Religion des Friedens, beginnen zu beweisen, wie sie die neue Ära -der Gleichheit und Brüderlichkeit verstehen, indem sie einen frisch-fröhlichen Kampf gegen die Juden beginnen. Wenn die heidnischen „barbarischen" Türken jemals den Antisemitismus erlernen wollen, so können sie das christliche Kulturvolk der Hellenen zum Lehrmeister nehmen. Das hat bereits an mehreren Stellen bewiesen, daß es europäisch gesittet ist. In Saloniki haben die Griechen den Juden den ökonomischen Krieg erklärt. Sie sind zwar mit etwa 15000 gegen die 45 000 Juden in starker Minderheit; dafür sind sie aber stramm organisiert. Vor allem haben sie begonnen, den Juden systematisch den Kredit zu sperren, den sie bis jetzt beherrschen, und gehen auch daran, sie mit allen erdenklichen Mitteln aus dem Zwischenhandel zu verdrängen. Da die Dölmes, der mohammedanische Täuflingsstamm, unabhängig von ihnen, ähnliche Ziele verfolgt, ist eine große wirtschaftliche Gefahr für die Saloniker Juden im Anzug. Erfreulicherweise haben die antisemitischen Griechen in diesen tSaloniker Juden Männer gefunden. Sie denken gar nicht daran, sich zu ergeben und willenlos in das ihnen zugedachte Schicksal zu fügen; sie organisieren prompt und entschlossen den Gegenkampf. Das Erste ist, daß sie beschlossen, an die Gründu-ng eines eignen großen Kreditinstituts zu gehen, das sie zum großen Teil aus eignen Mitteln und unter Beihilfe der europäischen Judenheit zu errichten gedenken. Die große Begeisterung, die gegenwärtig weite und die besten Schichten der Saloniker Juden für den Zionismus erfüllt, bringt es mit sich, daß unsere zionistischen Finanzinstitute in erster Linie von ihnen in Betracht gezogen werden. Es steht zu hoffen, daß sie als Sieger aus diesem Ringen hervorgehen werden. Auch in Konstantinopel selbst hat sich dieser Tage gezeigt, wessen wir uns von den Griechen zu versehen haben, wenn sie etwa zu irgendwelcher Macht im türkischen Staate kommen sollten, was freilich nicht der Fall sein wird. Die bereits von mir gemeldete „Dreyfus"-Aufführung in ßalat, in deren Gefolge Risa Tewfik eine flammende Rede für den Zionismus hielt, bot den Balater Griechen Gelegenheit, einige Schändlichkeiten gegen die Juden zu versuchen. Schon vor Beginn des Abends drangen etwa 200 bis '300 Griechen in das Lokal und besetzten die vordersten Plätze, so daß Hunderte von Juden, für die die Veranstaltung bestimmt war und die Eintrittskarten besaßen, an der Pforte des

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