Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 11 (12.3.1909)
- Date
- 1909-03-12
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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No. 11 D1E3§K:LT. 239 Hulda Boden gepachtet haben. Das Geld, das sie uns für die Wohnungen, für das Essen, für Ackergeräte und Arbeitstiere, die sie bei uns mieten, bezahlen, trägt wesentlich dazu bei, unsere Lage während der drei Monate des Winters aufzubessern, in denen der Kolonist nichts zu verkaufen, also nichts einzunehmen, und nur Ausgaben zu machen hat. Es hat bereits etwas mehr als nötig geregnet, so da(3 die Bestellung nicht ganz rechtzeitig vorgenommen werden konnte. Die Orangenernte Jaffa: Die Preise für Jaffaer Orangen in Liverpool bleiben trotz mancher Schwankungen im algemeinen zufriedenstellend. Für gut eingetroffene Orangen ist zuletzt wieder der hohe Preis von 8 sh pro Kiste erzielt worden, was den hiesigen Pflanzern nach Abzug von 1 7« sh für Verpackung und Transport vom Baume bis zum Hafen und von 1 7a sh für Fracht und Maklerspesen noch einen Preis von 5 sh pro Kiste läßt. Allerdings kommen nicht alle Sendungen gut an und die Preise für die weniger gut eintreffenden Orangen sind natürlich viel niedriger. Es ist bekannt, daß die Jaffaer Orange auf dem Liverpooler Markte wegen ihrer Größe, Kernlosigkeit und feinen Aromas bei weitem die besten Preise erzielt. Die Orangen von Jamaika, Spanien und Italien werden viel geringer bewertet. Der Nachteil der Orangenkultur gegenüber andern Kulturen liegt noch immer darin, daß es vom Zufall (Wetter beim Abpflücken und während der Fahrt, Lage im Schiff usw.) abhängt, ob die Orangen die Reise gut überstehen, und daß jeder Pflanzer dadurch auch bei einer guten Ernte und bei guten Preisen dem Zufall preisgegeben ist. Brief aus Konstantinopel (Von unserm Mitarbeiter) Unterm Rad der Entwicklung Die Revolution braust weiter. Jeder Moment, der wie Stillstand oder Ende erscheint, ist Täuschung. Alle festen Punkte kommen nach und nach ins Wanken, und jeder neue liegt weiter links, weiter in der Richtung der Freiheit als der frühere. Diese Bewegung, diese ewige, wenn auch unblutige Strömung und Gärung wird erst dann ein Ende haben, wenn die neuen Zustände durch neue, erschöpfende Gesetze festgelegt und durch wirklich neue, von der Routine der alten Zeiten nicht korrumpierte Männer bewacht und bis in alle Einzelheiten mit dem praktischen Leben versöhnt sein werden. Kiamil Pascha, noch der Held von vorgestern, hat weichen müssen, weil er versucht hatte, mit eigenwilligem Arm das rollende Rad der Entwicklung aufzuhalten. Er glaubte den Moment gekommen, die Volksherrschaft, die das Komitee etabliert hatte und zu seinem Unwillen unterirdisch weiter dirigierte, durch eine starke ministerielle Personenregierung zu ersetzen. Er hielt das vielleicht im Interesse des Staatswohls für notwendig. Aber er täuschte sich in der Abschätzung der Kräfte; er merkte nicht, daß er selber nur ein Übergangspunkt im Ablauf der Dinge, nur ein momentanes Werkzeug des Volkswillens war, der nicht geneigt war, zugunsten dieses Werkzeugs abzudanken, sondern vielmehr stark genug, es zu zerbrechen und sich ein neues, ihm entsprechenderes auszuwählen. Der innerste Grund zum Sturz Kiamil Paschas war die^Nationalitätenfrage. Sie hatten die Vorkämpfer der neuen EpocrTe und mit ihnen die ganze innerpolitische Welt der Türkei in zwei Lager gespalten, in das der Autonomisten und dis ihrer Gegner. Die ersten nannten sich „Union liberale" oder „Ahrar", wie sie heute allgemein bezeichnet werden, die zweiten mit dem alten Namen „Union et Progres". Und beide hatten sich seit Wochen kleine Geplänkel geliefert, bis die „Ahrar" glaubte stark genug zu sein, und im Parlament einen Ansturm gegen das Komitee versuchte, das als geschwächt galt. Sie waren unvorbereitet und fielen schmählich ab. Kiamil Pascha aber, der wegen seiner ganzen, immer mehr absolutistisch erscheinenden Haltung, vor allem aber, wie jetzt bekannt wird, seines Sohnes wegen mit dem Komitee in Konflikt stand, hatte die Unklugheit begangen, sich mit der „Union liberale" gegen es zu verbünden. Und just in der Woche, da die „Ahrar" in der Kammer geschlagen war, hatte er geglaubt, mit ihrer Hilfe stark genug zu sein, gegen das Komitee zur Entscheidung ausholen zu können. Er entließ die Komiteeminister und versuchte, die Revolutionsgarde aus der Hauptstadt zu entfernen. Aber sie kamen zurück und er mußte gehen. „Union et Progres" machte seinem Regime durch die Kammer den Garaus, und keine „Union liberale", so sehr sie sich auch mühten, konnte ihm dawider helfen. Hilmi Pascha, der erfolgreiche ehemalige Statthalter Mazedoniens, hat das Stääts'ruder ergriffen. Seine Hand ist eine feste; aber doch hat er die Ruhe bislang nicht hergestellt. Die Dezentralisten oder Autonomisten verderben ihre schöne und im Kerne gerechte Sache durch unkluge oder häßliche Haltung immer weiter. Es scheint fast, als wäre ihr Kampf bereits vollständig vom Sachlichen abgeirrt und ins Persönliche ausgeartet. Mit Anschuldigungen, Verleumdungen, Hetzen und falschen Gerüchten wird nicht gespart. Das Heer wird der D.sziplinlosigkeit bis zur Anarchie angeklagt, weil es dem Komitee gehorcht; die öffentliche Meinung wird mit Ahrmnieldungen aufgebracht, wie die, die Beamten anderer als türkischer Nationalität würJen in Scharen entlassen: und jüngst erst wurde die Fama ausgesprengt, der Führer der „Ahrar", Ismael Kamal Bey, sei ermordet worden, und damit seine Land bleute, die Albanesen, in gärende Aufregung versetzt. In der vergangenen Woche aber versuchten d e Dezentralisten vor allem einen neuen Hauptstoß in der Kammer, indem sie aus geringfügigem Anlaß die Regierung und ihre Partei als absolutistisch und freiheitsfeindlich, sich hingegen als die Verteidiger der Freiheit hinzustellen suchten. Sie erlitten, mit 50 Stimmen gegen 130 in Minorität gesetzt, wieder eine neue entscheidende Niederlage. Auch mit der Straßenpolitik haben sie's versucht. Massenmeetings sollten in vielen Teilen der Hauptstadt abgehalten werden und durch eine Riesendemonstration Kiamil Pascha ersucht „die Staatsgewalt wieder in seine Hand zu nehmen". Das neuerliche Auftreten ihrer Redner unter dem Schutze des Klerikalismus, einer eigens zusammengetrommelten Schar von Ulemas. scheint endlich eine neue gefährliche Phase ihrer Taktik zu inaugurieren. Bisher si'd alle ihre Bemühungen durch die Wachsamkeit des Komitees und die energische Haltung der Regierung paralysiert worden; aber zu welchen Unruhen sie noch führen können, ist nicht abzusehen. Begreiflich, daß die Regenerierung des Landes durch solche ltf>< Krankheitserscheinungen aufgehalten wird. Es ist noch kein Ge- |) setz entstanden, noch keine Reform ernstlich durchgeführt; weder die Revision der Verfassung, noch das Budget sind fertiggestellt. Aber es wäre trotzdem falsch, Pessimismus zu zeigen. Bis jet/.t weist doch die Entwicklung, trotz aller Schwankungen an jedem Punkte, eine bewundernswerte Stetigkeit auf. Das neue Regime als Ganzes steht von Tag zu Tag fester. Die parlameniarischs Vorarbeit, auf die die Beratung und Annahme der Gesetze endlich folgen kann, ist doch fast zu Ende gediehen, und die Verlänger mg der Session, die der Sultan auf Ersuchen der Kammer dieser persönlich verkündigen wird, läßt doch bestimmt erwarten, daß die acht Monate revolutionären Interregnums, in denen das Osmanenreich eigentlich ohne jedes autoritative Gesetz regiert wird mit der Festlegung glückverheißender Grundlagen für das Staats- und Bürgerleben endlich abschließen werden. (.V :' ^! Der Chachambaschi vom Sultan bestätigt »<' Vergangenen Donnerstag abend endlich ist Hann Nihum das Kaiserliche Irade zugegangen, das ihn als Oberhaupt der jiddischen . "'' Nation in der Türkei bestätigt. Wochenlang war die^e Formalität durch den Wechsel im Ministerium und die Häufung anderer dringlicherer Staatsgeschäfte hintangestellt worden. Und schon hatte man von eingelegten Wahlprotesten und ministerieller Untersuchung der Wahlvorgänge gesprochen und geschrieben, die den ganzen Akt für ungültig erklären würden. Aber es scheint, als ' V -«' wären diese Gerüchte gegenstandslos gewesen. Nachdem einmal durch die Intervention Verständiger die Gemeinde Salon k wie die von Smyrna veranlaßt worden waren, ihren Frieden mit dem Gewählten zu machen, nachdem endlich sogar in Jerusalem eine ) Einigung der Parteien stattgefunden hatte, war kaum einzusehen, ., von welcher Seite ein so wirksamer Protest hätte kommen sollen. ./' Immerhin scheint Tatsache zu sein, daß auf schließliche Erledig mg |T durch energische Vorstellungen des Konsistoriums selbst wie seitens \ der jüdischen Deputierten bei Hilmi Pascha gedrungen werden mußte. J'v Mit der endlichen kaiserlichen Investierung des Erwählten hat jj eine Periode der jüngsten jüdischen Geschichte ihren Abschluß gefunden, deren wir uns nicht zu rühmen haben und deren Unerfreulichkeit nur durch ihren versöhnlichen Ausklang ein wenig l gutgemacht wird. Wie in der Geschichte der Türkei allgemein, ^, darf ruhig auch hier die Einmischung von außen für einen großen * Teil des Schlimmen, wenn nicht den größten, verantwortlich gemacht werden. Die türkische Judenheit, mit sich allein gelassen, wäre '*< jedenfalls leichter und besser fertig geworden. Daß dar Zionismus; die Politik d^r Nichteinmischung strikt befolgte, hätten wir nicht nötig neuerdings festzustellen, wenn nicht von unverantwonlicher ,y; Seite, die da "liebedienerisch glaubt, der Alliance Israelite durch Denunziantenarbeit nach Art der alttürkischen „Dschurnaidschis" Gutes erweisen zu müssen, in einem Kölner jüdischen Blättchen «'