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Die Welt · 1909-03-05 · 10 (5.3.1909) · page 17

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
10 (5.3.1909)
Date
1909-03-05
Page
– (sequence 17)
Language
German
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No. 10 DIEEaEELT 223 und von diesen 99n/o aus russischen Juden bestehen. So stellt dieser Stadtteil eine nahezu völlig einheitliche Masse von 90000 russischen Juden dar, die sich trotz der kurzen Zeit ihres Zusammenlebens in hohem Maße als eine geschlossene Gemeinde fühlen. Das Verhältnis dieser Bevölkerung zu der Bibliothek ist nach den Altersstufen sehr verschieden. Während die Älteren, und besonders der weibliche Teil, als Frucht' des russischen Aufenthalts ein geringeres Interesse an andern Büchern als Bibel und Talmud über den OzSan^gebracht haben, stellt die jüngere Generation eine sehr zählreiche Besucherschaft, die ihr Interesse namentlich der Soziologie, der schöngeistigen Literatur und den Fragen des öffentlichen Lebens zuwendet. Allerdings ist der Verkehr mit diesen Leuten, unter denen auch Kinder zahlreich vertreten sind, und die Aufrechterhaltung der Ordnung im Leihverkehr dadurch erschwert, daß sie nicht nur ihre Wohnung häufig wechseln, sondern auch ihre Namen vielfach ändern bzw. den englischen Namensformen angleichen, was die Ermittlung solcher Besucher, die in der Rückgabe der entliehenen Bücher säumig sind, sehr erschwert. Auch die Behandlung der Bücher zu Hause ließ im Anfang viel zu wünschen übrig; doch ist inzwischen durch geeignete Vorstellungen und namentlich auch durch strafweises Einschreiten der Beamten eine wesentliche Besserung erzielt worden, so daß gegenwärtig der Betrieb mit einem monatlichen Ausleihverkehr von 23 000 Bänden unterhalten werden kann. Für die ältere Generation der Bevölkerung, die des Englischen zum großen Teil nicht mächtig ist, sind auch einige hundert Bände in' hebräischer, jiddischer und russischer Sprache angeschafft worden, doch vermochten diese eine große Anziehungskraft bis. jetzt nicht auszuüben. (Nach: The Library Journal) Die Stammpflanze des Weizens Die viel umstrittene Frage nach der Herkunft des Kulturweizens bzw. nach der Beschaffenheit der Stammpflanze desselben, bildete den Gegenstand eines Vortrages, den HerrA. Aaronsohn aus Haifa in Palästina am 19. d. in der k. k. Zoologisch-botanischen Gesellschaft in Wien hielt. Dem Vortragenden war es geglückt, eine der zweifellosen Stammpflanzen des Kulturweizens wildwachsend in der Nähe von Safed und am Hermon aufzufinden bzw. wiederzufinden, da schon vor vielen Jahren der österreichische Botaniker Kotschy dieselbe Pflanze entdeckt hatte. In dem Vortrage erläuterte Herr Aaronsohn das große Interesse, welches der Feststellung der Stammpflanzen des Weizens in botanischer und kulturhistorischer Hinsicht zukommt, und die große Tragweite, welche die Entdeckung für die Züchtung neuer Kulturrassen erlangen kann. Herr Aaronsohn hat schon vor zwei Jahren eine größere Menge von Früchten der gefundenen Pflanze an die landwirtschaftliche Hochschule in Bonn-Poppelsdorf gesendet, wo im vergangenen Jahre reiches Saatgut eingeerntet wurde; er beabsichtigt selbst, die Frage der Verwendbarkeit der Pflanze für die landwirtschaftliche Züchtung zu verfolgen. Der Vortrag und die vom Redner demonstrierten Objekte erfegten das größte Interesse und den wohlverdienten Beifall 'der Versammlung. Jüdische Kolonien in Rußland Die Ekaterinoslawer Gouvernementsverwaltung delegierte ihren Vertreter Grigorosulo in die jüdischen Kolonien, um ihre Lage an Ort und Stelle zu untersuchen. Grigorosulo schrieb einen Bericht, in dem er diese Kolonien beschreibt. Die jüdischen Kolonisten bearbeiten den Boden und führen eine ausgezeichnete Wirtschaft. In 17 Kolonien befinden sich 3244 Pferde, 5087 Stück Vieh, 766 Schnitt- und Sägemaschinen usw. Ganz besonders lobt Grigorosulo die jungen Kolonisten, welche die besten Landarbeiter seien. Doch ungeachtet dieses günstigen Berichtes hat die Gouvernementsverwaltung in ihrem Berichte an das Ministerium folgende Meinung ausgesprochen: „Trotz der vieljährigen Mühe und materiellen Unterstützung seitens der Regierung stehen sowohl die landwirtschaftliche Entwicklung als auch der materielle Wohlstand der Kolonien auf einer sehr niedrigen Stufe, und es ist keine Hoffnung vorhanden, daß dieser Zustand sich jemals bessern wird." Infolge dieser Lüge der Gouvernementsverwaltung will man den . jüdischen Kolonien keine Mittel zum Ankauf von Boden ausleihen und macht ihnen auf Schritt und Tritt große Schwierigkeiten. Es gibt unter den Kolonisten viele junge Männer, wie auch junge Mädchen und Frauen, welche die landwirtschaftliche Arbeit sehr „gut verstehen und beieit wären, nach Palästina zu emigrieren. Ähnliche Verhältnisse herrschen auch in andern jüdischen Kolonien Südrußlands. Überall wird Mangel an Boden verspürt. Es gibt viele Kolonisten, welche gar keinen Boden oder nur sehr wenig besitzen. Man kann ohne Übertreibung sagen, daß 20 ü/o der Jugend gar keinen Boden hat. Es sind junge, kräftige, meistens ledige Leute, welche in der landwirtschaftlichen Arbeit aufgewachsen sind. Das Pachtgeld wächst mit jedem Jahre. Schon jetzt bezahlt man für eine Desjatina 14 —15 Rubel und in manchen sogar 20 Rubel und mehr. Bei einer mittelmäßigen Ernte bringt eine Desjatina im ganzen 10 Rubel Verdienst. Man muß mindestens 30 Desjatina bearbeiten, um Lebensunterhalt zu haben, was in den meisten Fällen die Kräfte des Kolonisten übersteigt. Deswegen ist die Mehrheit der Kolonisten genötigt, Nebenbeschäftigungen zu suchen, was sie wieder verhindert, gute Kolonisten zu werden. Die Mehrheit dieser jungen Kolonisten sprechen den Wunsch aus, nach Palästina zu emigrieren, und es wäre von Nutzen, diese jungen zerstreuten Kräfte in Palästina zu konzentrieren und zu verwenden. Akademische Verbindung „Kadimah", Wien Die Chargenwahlen für das laufende (LIH.) Sommersemester haben folgendes Resultat ergeben: Cand. ing. Emil Kugel X Cand. ing. Eugen Buchbinder (XX) XX Cand. ing. Michael Hochwald XXX Die Bude befindet sich IX., Porzellangasse 36. Der Budenbesuch lindet täglich von 6 bis 8 Uhr abends statt. - Couleur-Cafe: „Cafe Marienbrücke", Mezzarim. I. A. d. G. C: Cand. ing. Emil Kugel Cand. ing. Mich. Hochwald Dz. X Dz. XXX. Wie im verlaufenen Wintersemester, veranstaltet die „Kadimah" auch im laufenden Sommersemester in ihrem Verbindungslokale IX.t Porzellangasse 36, jeden Donnerstag, l *8 Uhr abends, einen Vortrag mit Diskussion. Das Programm der nächsten Wochen besteht aus den beiden Vortragszyklen: Moses Waldmann: „Geschichte der jüdischen Literatur", Dr. M. Berkowitsch: „Die neu-hebräische Literatur". Im übrigen wird jeder Vortrag in der jeweiligen Nummer der „Welt" bekanntgegeben werden. Literarisches Hemans Geschichte des jüdischen Volkes*) Der Baseler Theologieprofessor ist einer der wenigen Geschichtsschreiber, welche die Judenfrage in ihrer ganzen Schwere und Tragweite erkannt haben, nicht etwa von einem antijüdischen Standpunkt aus, sondern grade aus der Erkenntnis von dem hohen, kaum zu entbehrenden Kulturwerte der Juden heraus. Fast in jedem Kapitel seiner GeoChichte läßt Heman herausfühlen, wie sehr er von dieser Erkenntnis durchdrungen ist, und vielleicht gegen seinen Willen siegt dieses Gefühl in seiner oft recht kleinlichen Polemik gegen Gräetzens Standard work, mit dem sich Hemans Buch, insbesondere an innerer Geschlossenheit, in gar keiner Beziehung messen kann. Der Verfasser hebt im Vorwort die einseitige Parteinahme von Graetz für sein Volk hervor, wenn er ihm auch „das Recht, sein Volk in vorteilhaftem Lichte erscheinen zu lassen und dessen Feinde möglichst zu schmähen, ihm, dem Vertreter einer so lange aufs gräulichste unterdrückten Nation" nicht nehmen will. Nach dieser Einleitung sollte man meinen, daß Heman ein par recht fundamentale Beweise für die Einseitigkeit und Parteilichkeit von Graetz vorbringt, weit gefehlt. In einzelnen Punktenbemüht er sich, ihm Irrtümer nachzuweisen, ohne selbst den quellenmäßigen Nachweis der Richtigkeit seiner Forschungen zu bringen. An so und so vielen Stellen aber nimmt Heman so energisch für die Juden Partei, daß man durchaus den Eindruck hat, Graetz zu lesen. Wider seinen Willen muß der Verfasser loben, und rechtfertigt die Darstellung von Graetz an mehr als einer Stelle. Daß sich trotzdem weitgehendste Divergenzen in der Anschauung Hemans zu der unseres Geschichtsschreibers finden, ist selbstverständlich, wenn man bedenkt, daß Heman doch auf streng protestantischem Boden steht. An dieser Stelle werden naturgemäß besonders Hemans Äußerungen über den Zionismus interessieren. Da bemerken wir denn etwas ganz Absonderliches. Für ihn ist unsere Bewegung erst am Ende des XIX. Jahrhunderts als Reaktion gegen den Antisemitismus entstanden. Eine solche, von den historischen Zusammenhängen einer Volksbewegung abstrahierende Betrachtung nimmt bei einem Geschichtsschreiber doch Wunder, um so mehr, als Heman wörtlich schreibt (p. 7) „Für ein solches Volk muß noch ein Tag der Erneuerung und Wiederherstellung kommen. Es gibt auch in der Geschichte unverbrüchliche logische Notwendigkeiten." Wer einen solchen Satz niederschreibt, müßte auch den logischen Notwendigkeiten der Entstehung der zionistischen Bewegung weiter nachgehen als bis zu der immerhin doch rein äußerlichen Er- *) F. Heman, Geschichte des jüdischen Volkes seit der Zerstörung Jerusalems. Calw und Stuttgart 1908 /> M

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