Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 10 (5.3.1909)
- Date
- 1909-03-05
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Wenn man aber dazu noch andere soziale Faktoren rechnet, welche auf die Gesundheit und das Wohlbefinden der Stadtbewohner einen ungünstigen Einfluß ausüben, wie z. B. eine stetige Beschäftigung im Hause, so können wir nicht überrascht sein, wenn wir finden, daß die Bewohner der Städte viel öfter von dieser Krankheit heimgesucht werden, als diejenige Bevölkerung, weiche meistens •außerhalb des Hauses beschäftigt ist. Überall finden wir, daß die Juden sich meistens auf ein Handwerk verlegt haben: sie sind meistens Schneider, Schuhmacher, Hutmacher, Pützhändler, Handschuhmacher, Zigarrenmacher u. dergl. Sie arbeiten oft in sogenannten „sweatshops", und sie leben gewöhnlich in den ältesten und ungesundesten Teilen der Städte. Das Resultat ist, daß sie oft alle Zeichen der beginnenden Schwindsucht an sich tragen, als da sind: Blutarmut (anemia), schwache Muskeln, eingedrückte Brust usw. usw. Aber trotz dieser ungünstigen Bedingungen zeigen die Statistiken überall, wo man brauchbare aufgestellt hat, mit überzeugender Beweiskraft, daß die Sterblichkeit an Tuberkulose bei den Juden um die Hälfte bis ein Drittel geringer ist, als die Sterblichkeit der umwohnenden nichtjüdischen Bevölkerung. Die Zahlen für je 10000 Seelen sind folgende: Berlin 9,81 unter Juden und 21,66 unter den Christen; in Wien 17,9 unter Juden, 32,8 unter den Protestanten und 49,6 unter den Katholiken; in Budapest 21,93 unter Juden und 40,01 unter den Christen; in Krakau 20,49 unter Juden und 66,41 unter den Christen; in Lemberg 30,64 unter Juden und 63,51 unter den Christen; in Rumänien 25,6 unter Juden und 38,7 unter den Christen; in London 13,3 unter Juden und 17,9 unter der gesamten Bevölkerung; in New York City 17,24 unter russischen Juden und 23,94 unter der Gesamtbevölkerung. In der Tat haben die jüdischen Bewohner der elenden EastSide von New York eine geringere Sterblichkeitsziffer an Tuberkulose, als die Reichen und Glücklichen, welche in der vornehmen WestSide dieser Stadt wohnen, und dies alles trotz der ungewöhnlichen Anhäufung der Bevölkerung, trotz der ungesunden Umgebungen, der gefahrbringenden Berufe in Fabrikbetrieben, trotz der schlechten Ernährung, der Armut und aller ähnlichen Dinge, die im dunklen East Side von New York üppig„wuchern. Diese geringere Sterblichkeit der Juden ist von einigen Ärzten der größeren Widerstandskraft der jüdischen Rassezugeschrieben worden, welche sich nicht nurin Fällen von Tuberkulose, sondern ebensogut auch bei allen andern auftretendenlnfektions-undansteckendenKrankheitengezeigthabensoll. Aber daß diese geringere^ Sterblichkeit der Juden nicht ihren Ursprung in der Rasse hat, wie z. B. die Immunität der Neger in bezug auf das gelbe Fieber, wird bewiesen durch die Tatsache, daß in jüdischen Gemeinden, wo unter den Juden Heiraten mit Christen üblich sind, die Sterblichkeit an Tuberkulose nicht größer unter ihnen wird. In der Tat finden wir in Berlin, wo ungefähr 45 Prozent der jüdischen Heiraten mit Christen geschlossen werden, die niedrigste Sterblichkeitsziffer unter den Juden Europas. Eine Immunität, die durch Eigenschaften der Rasse bedingt ist, geht durch die Mischehe verloren, wie es zur Evidenz durch die Empfänglichkeit der Mulatten für das gelbe Fieber und die Malaria nachgewiesen ist. Wir können die geringere Sterblichkeitsziffer, welche die Juden an Tuberkulose aufweisen, auch nicht ihren Speisegesetzen und insbesondere ihrer sorgfältigen Fleischbeschau zuschreiben, worin viele die Verdrängung eine der Hauptquellen der Ansteckung erblicken. Tatsache ist, daß in jüdischen Gemeinden, wo die Speisegesetze nicht beobachtet werden, absolut keine höhere Krankheits¬ oder Sterblichkeitsziffer an Tuberkulose festzustellen ist. In Wahrheit ist das Gegenteil ziemlich richtig. In Westeuropa sowohl wie in den reicheren Klassen der jüdischen Bevölkerung Amerikas, halten viele Juden die Speisegesetze nicht mehr und dennoch ist ' ihre Sterblichkeit geringer, als unter ihren Brüdern in den östlichen Ländern, wo die Speisegesetze streng beobachtet werden. Alles in allem genommen, die Ziffern hängen ab von den sozialen und ökonomischen Bedingungen, unter welchen sich die Juden befinden. Wo sie wirtschaftlich wohlhabend sind, wie in Deutschland, Frankreich, Italien und wie die eingeborenen Juden von England und Amerika, ist die Tuberkulose weniger oft die Todesursache unter Juden, als im Osten Europas und unter den auf einer tiefern sozialen Stufe stehenden jüdischen Einwanderern Englands und Amerikas. Der Hauptgrund der geringeren Sterblichkeit an Tuberkulose unter den Juden liegt in der Tatsache, daß die Juden seit zwei Jahrtausenden Städtebewohner gewesen sind. Sie haben sich durch und durch an die Stadt gewöhnt, und haben ihren Organismus der Stadt und dem Leben im Hause angepaßt. Die meisten Gefahren der städtischen schlechten Wohnungsverhältnisse, der Beschäftigung zwischen vier Wänden und in ungesunden Umgebungen, welche die Tuberkulose leicht unter einem Volke verbreiten, welches an ein solches Milieu nicht gewohnt ist, haben für sie jeden Einfluß verloren. Dieses wird am besten bewiesen durch die Tatsache, daß die nichtjüdL..^'1 Einwanderer der Vereinigten Staaten, welche, wie die Italiener, Ackerbauer in ihrer alten Heimat waren, hier der Tuberkulose in beträchtlicher Anzahl unterliegen, wie Dr. Stella es in . seinen Veröffentlichungen nachgewiesen hat. Die Wirkungen der Generationen von Stadtbewohnern zeigen sich bei den Juden nicht nur in ihrer geringeren Sterblichkeit an Tuberkulose, sondern auch im besseren Verlauf der Krankheit bei den jüdischen Kindern. Die Krankheit nimmt im allgemeinen einen leichten, chronischen Verlauf, und das Verhältnis der Genesungen ist größer unter ihnen als unter den andersgläubigen Völkern, die auf demselben sozialen Niveau stehen. Übrigens ist die galoppierende Schwindsucht nicht häufig unter den Juden, und akute Tuberkulose ist sehr selten. Dies mag zum Teil ihrer Enthaltsamkeit zuzuschreiben sein, denn der Verlauf der Tuberkulose ist bei Alkoholikern entschieden ungünstig. Aber all dies erklärt nicht die geringere Sterblichkeit der Juden, welche einzig und allein ihrer besseren Anpassung an das Stadtleben zuzuschreiben ist. Das moderne Stadtgetriebe ist jedoch auch nicht ohne verderblichen Einfluß auf die Juden in dieser Hinsicht geblieben. Die Zahl der Tuberkulosefälle unter den „sweatshop"-Arbeitern der großen Städte Amerikas, insbesondere New Yorks und Chicagos, ist größer geworden, als es dem Wachstum der gesamten jüdischen Bevölkerung entspricht. In der Tat kann der wohlbekannte jüdische Wohltätigkeitssinn, kranken und gequälten Glaubensgenossen zu helfen, heute schon nicht mehr Schritt halten mit der Anzahl der Schwindsuchtsfälle, welche Hilfe erfordern. Obgleich verhältnismäßig mehr Vorkehrungen für die Behandlung und Aufnahmen von tuberkulösen Juden getroffen worden sind, als für die Behandlung von Kranken andern Glaubens,- kommt es vor, daß Leute, die sich um die Aufnahme in ein jüdisches Krankenhaus bewerben, oft mehrere Wochen, ja, sogar Monate warten müssen. Hierbei muß aber bemerk! werden, daß viele jüdische Schwindsüchtige in Amerika in nichtjüdischen Krankenhäusern untergebracht sind. Das Problem, welches sich der jüdischen Philanthropie bietet, ist deshalb ganz und ganicht weniger groß als das, welches die Tuberkulose unter der andersgläubigen Völkern hervorruft. Im Gegenteil, weil die Schwind sucht unter den Juden länger andauert, ist der Jude für eine größere Anzahl von Jahren auf seine Glaubensbrüder angewiesen Eine öffentliche Bibliothek im Brooklyner Ghetto. Vor etwa drei Jahren richtete, wie das New Yorker „Librar Journal" mitteilt, die Brooklyner öffentliche Bibliothek eine Filial in Brownsville, dem Ghetto-Distrikt von Brooklyn, ein, indem si eine kleine Bibliothek übernahm, die bis dahin von der Hebre\ Educational Society geleitet worden war. Diese Bibliothek biete nicht nur wegen ihres außerordentlich raschen Wachstums seit dt kurzen Zeit ihres Bestehens als öffentliche Bibliothek, sondern auc: wegen mancher Eigentümlichkeiten ihres Publikums besondere Interesse. Brownsville unterscheidet sich nämlich von den ander' jüdischen Bezirken von New York dadurch, daß es nahezu, völli einheitliche Bevölkerung hat. In der großen „Ostseite" von Mar hattan wird die jüdische Bevölkerung nach ihrer Herkunft al russische, polnische, rumänische, litauische Juden usw. unter schieden, während in Brownsville 98°/o der Bevölkerung aus Jude DJ >