Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 10 (5.3.1909)
- Date
- 1909-03-05
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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der Deutschradikale.n gehen weiter. Ein übereifriger Kappenträger verriet das Ziel des Sturmlaufs, indem er eine Statutenänderung in Vorschlag brachte, wonach Tschechen und Juden aus dem Wiener akademischen Kranken verein ausgeschlossen werden . . . Daß man sich vor allem gegen die Juden, und zwar gegen die russischen Juden wendet, ist ja nicht verwunderlich. Die Ausländerhatz ist in Wien nicht heimisch. Sie ist nur eine Kraftprobe, und der nächste kollegiale und menschenfreundliche Vorstoß der Deutschradikalen wird gegen die inländischen jüdischen Studenten gerichtet sein. In der Barbarei steckt System. Die akademischen Wohlfahrtseinrichtungen Wiens sollen in erster Linie judenrein und deutsch werden. Indes bilden die radikalen Kulturträger, die von der Nationalität faseln und sich zur Bestialität entwickeln, keineswegs die Mehrheit der Wiener Studentenschaft, auch wenn sie der Unterstützung der christlichsozialen Studenten sicher sind. Sie sind nur stramm organisiert. Eine geschlossene slawisch-jüdischitalienische Phalanx könnte sie über die Grundsätze der Kollegialität auf akademischem Boden belehren. Jüdische Bühne Sonntag den 28. Februar fand eine Vorstellung zugunsten der Rede- und Lesehalle jüdischer Hochschüler statt. Es gelangten zur Aufführung „Die Schwestern" von Perez, von uns bereits besprochen, und „Vom Glück vergessen" von Pinski, ein stimmungsvoller Einakter, von Frl. Rossi und Egon Brecher in fein nuancierten Halbtönen gespielt. Zum Schluß wurde ein Schwank von Beda — „Der getaufte Enkel" — gegeben. Der sympathische und geistreiche Autor hat sich die Sache freilich allzu leicht gemacht. Die heiteren Einfälle haben oft eine verzweifelte Ähnlichkeit mit Musketewitzen. — Das Stück hatte einen stürmischen He:terkeitserfolg, der Autor wurde oft gerufen und lebhaft akklamiert. Die Darstellung war recht gut. Den Erfolg des ßedaschen Einakters sollten die Leiter der „Jüdischen Bühne" beherzigen und Lustspiel und Schwank in ihrem Repertoir mehr Raum gewähren. Das Wiener Publikum muß zum Verständnis russisch-jüdischer Milieuschilderungen erst erzogen werden. Galizien (Von unserem Berichterstatter) Organisation der jüdischen Kultusgemeinden Die Agitation der Assimilanten gegen die geplante Gründung einer Organisation aller jüdischen Kultusgemeinden in Österreich dauert noch immer fort. Gekränkter Ehrgeiz der Herren Samuel de Horowitz und Dr. Schaff und ihre Furcht vor den Zionisten, hieß sie jenen Konventikel der 19 „größern" galizischen Kultusgemeinden einberufen, wo man gegen die Organisation der Kultusgemeinden so scharf auftrat, — um schließlich doch die Notwendigkeit einer solchen Organisation anerkennen zu müssen. Denn prinzipiell haben doch die Herren Horowitz und Schaff nichts gegen eine Organisation der jüdischen Kultusgemeinden! Sie verlangen nur, daß Galizien eine besondere Stellung einnehmen soll, vermeintlich aus politischen Rücksichten. In der Wirklichkeit aber kamen sie auf die Idee einer Sonderstellung der galizischen Kultusgemeinden erst, als sie den immer wachsenden Einfluß der Zionisten in der allgemein-österreichischen Organisation erblickten. Selbstverständlich haben die Zionisten als Antwort auf den Konventikel der „größern" Gemeinden eine Protestaktion eingeleitet. In allen 19 Städten, deren Kultusgemeinden auf der Lemberger Kahalkonferenz vertreten waren, wurden große Volksversammlungen einberufen,' in welchen energischer Protest gegen den Angriff der Assimilanten auf die gesamt - österreichische Kultusgemeindenorganisation erhaben wurde. Diese Versammlungen waren massenhaft von der jüdischen Bevölkerung besucht, und nun wurden verschiedene interessante Tatsachen bekannt. In mehreren Städten, wje Tarnopol, Zolkiew u. a., erklärten die Kultusgemeinden, daß sie auf dem Konventikel in Lemberg gar nicht offiziell vertreten waren, sondern daß ihre Präsidenten nur in privater Eigenschaft an den Beratungen teilgenommen haben. So zeigte es sich, daß nicht einmal allevon den 19 „größern" Kultusgemeinden sich mit den Pläne-n der Herren Horowitz und Schaff identifizieren. Insbesondere unter den kleinen galizischen Kultusgemeinden machte sich eine Erregung über das Vorgehen des Lemberger Kahajs bemerkbar. Einige dieser kleinen Kultusgemeinden sind nämlich von den Zionisten erobert worden und unterstützen daher deri Karnpj der zionistischen Organisation mit der Lemberger Kahalsclique. Aber auch viele andere Kultusgemeinden sind heute nicht mehr geneigt, der ambitiösen, persönlichen Politik Horowitz et consortes Gefolge zu leisten, und schließen sich allmählich der oppositionellen Taktik der Zionisten an. Jüdisch-nationale Politik Trotz der angestrengten Gegenarbeit der Polen mosaischer Konfession und unerhörter Schikanen der galizischen Bezirkshauptleute, macht die Idee der nationalen Politik unter der jüdischen Bevölkerung bemerkenswerte Fortschritte. In einer Reihe von Versammlungen, welche die Abgeordneten aus dem „Jüdischen Klub" abgehalten haben, würde ihnen das Vertrauen votiert, und überall zeigten sich die jüdischen Wähler mit der Politik des Klubs einverstanden. — Am 20. ds. fand auch in Lemberg eine große Versammlung statt, in welcher die Abgeordneten Dr. Gabel und Adolf Stand über ihre Tätigkeit Bericht erstatteten. Dr. Gabel wies auf den innigsten Zusammenhang der nationaljüdischen Politik mit dem Zionismus hin. Er betonte, daß in den gegebenen Verhältnissen unmöglich positive Werte für die nationale Entwicklung des Judentums in Galizien errungen werden können. Positiv, schöpferisch können wir nur in Palästina für das nationale Judentum arbeiten. Dem „Jüdischen Klub" ist es gelungen, Sympathien für die zionistische und nationaljüdische Idee zu gewinnen. Die westösterreichischen und sogar die ungarischen Juden, die bis nun die Notwendigkeit einer besonderen jüdischen Politik gänzlich verleugneten, überzeugen sich allmählich, wie tief unsere Idee in den breiten Volksmassen wurzelt. Unter dem Einflüsse der nationaljüdischen Agitation beginnt die jüdische Bevölkerung sich ökonomisch zu organisieren. Die jüdische« Schankwirte, denen insbesondere eine große Gefahr droht, haben sich unter der Anführung unserer Gesinnungsgenossen zu einer Abwehraktion entschlossen, und auch der jüdische Kaufmann und Handwerker bekundet ein größeres Verständnis für die Notwendigkeit einer entsprechenden Verteidigung seiner Lebensinteressen. Aufgabe des Jüdischen Klubs ist es, im Parlamente die Interessen der jüdischen Bevölkerung gegenüber den fortwährenden Angriffen der Antisemiten zu verteidigen, im Lande aber die Juden kulturell zu heben und ökonomisch zu organisieren. — Abg. Stand besprach in einer längeren Rede, welche mit stürmischem Beifall aufgenommen wurde, die bisherige Tätigkeit des „Jüdischen Klubs" im Parlamente. Isoliert dastehend, hat sich der Klub, welcher doch nur aus 4 Mitgliedern besteht, Ansehen und Achtung im Hause verschafft, indem er geschlossen als fortschrittliche und nationale Repräsentanz der österreichischen Juden aufgetreten ist. Wenn es sich um jüdische Angelegenheiten handelte, war es immer der Klub, der die Initiative ergriff, und zu ihm wendeten sich auch alle Körperschaften und Organisationen, welche die Rechte der Juden wahren wollten. Insbesondere hat der Klub während der Beratung über den Antrag Schmidt, welcher die Zahl der Juden in den Schulen begrenzen wollte, eine energische Tätigkeit entwickelt, und nur den Bemühungen der zionistischen Abgeordneten ist es zu verdanken, daß dieser Antrag im Plenum abgelehnt wurde. Die zionistischen Abgeordneten stehen auch im steten Kontakte mit den jüdischen Wählern, deren Unterstützung sie sicher sind. In der Debatte ergriff das Wort ein jüdischer Sozialdemokrat, welcher aus seinem prinzipiell-theoretischen Standpunkte die Politik des Klubs zu bekämpfen versuchte, worauf ihm Gg. Waschitz antwortete. Es sprachen noch Herz in] Namen der Poale-Zion, welcher die Politik des „Jüdischen Klubs" billigte und mehr Interesse für die Palästin.i-Arbeit von, den Zionisten verlangen zu müssen glaubte, und Gg. Eisenstein, der als Kaufmann seiner Zufriedenheit mit der Tätigkeit der zionistischen Abgeordneten Ausdruck gab, worauf die Versammlung, an welcher über 600 Personen teilnahmen, den Abgeordneten Dr. Gabel und Stand ihr vollstes Vertrauen aussprach und gegen die Schließung des Parlaments protestierte. Antisemitismus der ällpolnischen Partei Die Allpolen (Nationaldemokraten), deren politische Kraft in Galizien von Tag zu Tag wächst, haben sich nun als offene, ausgesprochene Antisemiten deklariert. Bis nun liebäugelten sie zeitweilig mit den Juden, da sie ihre Stimmen in den Städten brauchten, und unterstützten die assimilatorisch-jüdischen Kandidaturen; sie hatten sich sogar zwei Hausjuden, Dr. Gold und Dr. Gall, erworben, welche in der allpolnischen Partei das patriotisch-polnischjüdische Element repräsentieren sollten. Die jüdische Bevölkerung wollte aber trotz allem den Nationaldemokraten nicht ihr Vertrauen schenken und inde ira. Die Z;onisten bekämpfen aufs schärfste ihre Partei und sogar die Polen mosaischer Konfession, wie Löwenstein, Kolischer und ihre Anhänger, haben es vorgezogen, bei den „fortschrittlichen" Demokraten Unterkunft zu suchen. Löwenstein hat sogar viel dazu beigetragen, daß die bis jetzt nicht einheitliche demokratische Partei sich vor kurzem organisiert hat und einen Kampf gegen die Naiionaldemokraten ankündigte; er kaufte das bisher antisemitische Tageblatt „Dziennik polski*' und machte es zum Organ der neuen polnisch-demokratischen Partei. Die All-